{"id":10027,"date":"2011-08-10T10:03:06","date_gmt":"2011-08-10T08:03:06","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=10027"},"modified":"2011-08-10T10:21:40","modified_gmt":"2011-08-10T08:21:40","slug":"sleepthief-jazz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2011\/08\/10\/sleepthief-jazz_10027","title":{"rendered":"Fragespiel der Improvisation"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit einem beherzten &#8222;Warum?&#8220; lassen sich im Jazz immer wieder Konventionen umwerfen. Die Saxofonistin Ingrid Laubrock stellt mit ihrem Trio Sleepthief das Gewohnte infrage.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_10082\" aria-describedby=\"caption-attachment-10082\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/08\/ingrid-laubrock-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"ingrid-laubrock-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-10082\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/08\/ingrid-laubrock-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/08\/ingrid-laubrock-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-10082\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Leonie Purchas<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Ein Spiel, mit dem Kinder ihre Welt erschlie\u00dfen, besteht aus einer einzigen Frage: Warum? Warum ist das so? Und warum nicht anders? Aus jeder Antwort ergibt sich eine neue Frage: Warum? Und jede Frage f\u00fchrt n\u00e4her an eine blo\u00dfe Konvention oder den Kreislauf einer Tautologie: nichts mehr zu erkl\u00e4ren \u2013 es ist, weil es ist. <!--more--><\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud108105604004\"><\/div>\n<p>Im Jazz ist die Improvisation ein \u00e4hnliches Spiel. Als Stachel wider die Erstarrung der Konventionen h\u00e4lt sie die Musik unter Spannung. Sie stellt Fundamente infrage und bringt die Musiker dazu, ihre eigenen Antworten zu formulieren. Harmonie und Gleichklang: Warum? Gleichm\u00e4\u00dfig flie\u00dfender Rhythmus: Warum? Saubere Intonation, wohltemperierte Intervalle, abgez\u00e4hlte Blues- oder Liedformen \u2013 die Improvisation stellt all das, was man zu h\u00f6ren oder zu spielen gewohnt ist, infrage.<\/p>\n<p>Mit Sleepthief, ihrem Trio mit dem Pianisten Liam Noble und dem Schlagzeuger Tom Rainey, spielt die im M\u00fcnsterland aufgewachsene Saxofonistin Ingrid Laubrock, die nach fast zwei Jahrzehnten in London nun wieder in New York zu Hause ist, auf ihrer neuen CD <em>The Madness of Crowds<\/em> ihr Warum-Spiel. Nichts ist sicher in der Interaktion der drei Musiker, nichts vorgegeben, keine Form, keine Tonart, kein Puls \u2013 die ganze Musik entsteht im Moment, aus einem undurchdringlichen Gemenge aus Intuition und Formwillen, Leidenschaft und Kalk\u00fcl, gegenseitiger Anregung und Absto\u00dfung. Und aus der Entschlossenheit, das Diktat der geschlossenen Form zu durchbrechen und die schillernde Lebendigkeit des Vorl\u00e4ufigen, Fragmentarischen und der Improvisation ins Licht zu r\u00fccken. Das Ganze ist das Falsche. <\/p>\n<p>Man muss h\u00f6ren k\u00f6nnen, um so zu spielen, und man muss spielen k\u00f6nnen, um so zu h\u00f6ren. Auf jeden Impuls, jeden Farbtupfer, jede klangliche Nuance muss man reagieren und sie in den unaufh\u00f6rlichen Prozess des Aushandelns integrieren. Da verwandeln sich kleine Wirbel auf einem Trommelrand f\u00fcr einen Moment in einen mikroskopischen Groove, da zittern die Saiten im Resonanzkasten des Fl\u00fcgels, bevor Noble die Obert\u00f6ne mit metallischen Gegenst\u00e4nden hervortreten l\u00e4sst, w\u00e4hrend Ingrid Laubrock an einem anderen Ende des musikalischen Raumes aus seltsamen Schnatterlauten eine Melodie voller Inbrunst entwickelt.<\/p>\n<p>Es ist ein Tasten und Fragen, ein Fest des Fragmentarischen und Provisorischen, des Ausprobierens und Neuformulierens, das die drei Musiker hier feiern. Ein Aufblitzen von Einf\u00e4llen, die im Zusammenspiel immer wieder ihre Gestalt ver\u00e4ndern, ungeahnte Energien hervorbringen, und ein Verglimmen dieser Energien, ganz langsam und leise bisweilen.<\/p>\n<p>Doch gleichzeitig bleibt dieses Fest ein stilles Fest. Eines, bei dem auch einmal f\u00fcr l\u00e4ngere Momente geschwiegen wird, konzentriert und intensiv, bei dem aus der Reduktion der Mittel Glanz und Dringlichkeit entstehen. Und ganz selbstverst\u00e4ndlich schwingen die Gewissheiten der Jazzkonvention als Referenz mit und dienen Ingrid Laubrock, Liam Noble und Tom Rainey als die Reibefl\u00e4che, an der sie die W\u00e4rme entwickeln, die dem Fragespiel der Improvisation erst seinen tieferen Sinn gibt.<\/p>\n<p><em>&#8222;The Madness of Crowds&#8220; von Sleepthief (I. Laubrock, L. Noble, T. Rainey) ist erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.intaktrec.ch\/\">Intakt Records<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus der ZEIT Nr. 32\/2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit einem beherzten &#8222;Warum?&#8220; lassen sich im Jazz immer wieder Konventionen umwerfen. Die Saxofonistin Ingrid Laubrock stellt mit ihrem Trio Sleepthief das Gewohnte infrage. Ein Spiel, mit dem Kinder ihre Welt erschlie\u00dfen, besteht aus einer einzigen Frage: Warum? Warum ist das so? Und warum nicht anders? Aus jeder Antwort ergibt sich eine neue Frage: Warum? 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