{"id":11267,"date":"2011-12-05T12:29:01","date_gmt":"2011-12-05T11:29:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=11267"},"modified":"2011-12-05T13:37:19","modified_gmt":"2011-12-05T12:37:19","slug":"rammstein-made-in-germany","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2011\/12\/05\/rammstein-made-in-germany_11267","title":{"rendered":"Schwarz-Rot-Gold, Fleisch-Fleisch-Fleisch!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Rammstein, Deutschlands international erfolgreichste Band, hat ihr Schaffen kompiliert. <em>Made in Germany 1995-2011<\/em> ist das Zeugnis eines Missverst\u00e4ndnisses.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_11278\" aria-describedby=\"caption-attachment-11278\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/12\/rammstein-2-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"rammstein-2-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-11278\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/12\/rammstein-2-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/12\/rammstein-2-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-11278\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Frederic Batier<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Sie springt einfach nicht mehr an: die Emp\u00f6rungsmaschine der Hochkulturverwaltung. Da kann man machen, was man will, kann polarisieren, dass die Zeichen rauchen, provozieren, bis das kollektive Gewissen kocht, auf die Symbolismuskacke hauen, solange Thors Hammer gl\u00fcht.<!--more--> Kann zu martialischen Gitarrenriffs &#8222;<a href=\"http:\/\/vimeo.com\/31836365\" target=\"_blank\">Du bist hier in meinem Land<\/a>&#8220; grunzen und dazu abwehrbereit dreinblicken, nackte Br\u00fcste betatschen, eine \u2013 huiuiui \u2013 deutsche Fahne durchs Video flitzen lassen und auf die \u00fcblichen Fragereflexe warten: Ist das Statement oder blo\u00dfe Pose? Nazithrill oder Kunst. Poesie oder Prollgehabe? Tja, was\u2026<\/p>\n<p>Auch 16 Jahre nach ihrem Deb\u00fctalbum sind Rammstein unabl\u00e4ssig auf der Suche nach maximaler Erregung. Und weil die zusehends schwerer zu erzeugen ist in der multioptionalen Spa\u00dfgesellschaft, kompiliert Universal ein Jubil\u00e4umsalbum ohne Jubil\u00e4umsdatum seines teutonischen Zughengstes mit all seinen Erregungsexponaten: <em>Du riechst so gut<\/em> vom Erstling und <em>Du hast<\/em> vom Nachfolger, <em>Mutter<\/em> (2001), <em>Mein Teil<\/em> (2004) oder <em>Pussy<\/em> von 2009, dazu <em>Mein Land<\/em>, der neue Track in schwarz-rot-goldenen, fleisch-fleisch-fleischigen Farben. <\/p>\n<p>Das ganze Repertoire sexueller, sozialer, kultureller Gewalt also, und dann nennen sie es auch noch <em>Made in Germany 1995-2011<\/em>. Wieder so ein kleiner Affront. Doch was passiert? Gar nix. Wohlwollen, Anerkennung, Respekt, freundliche Diskurssachen halt, aber kein Aufschrei, Null Erregung. Mit achtfach gerolltem Deutsche-Wochenschau-Kommentatoren-R. Schon seltsam.<\/p>\n<p>Und logisch. Denn Rammstein durchlaufen mit ihrer schwarz-wei\u00dfen Brachialpoesie die Romantisierung des selbstbewusst Patriotischen, manchmal gemildert V\u00f6lkischen deutscher Nachwendeherrlichkeit in Echtzeit. Diesen Weg von der ersten Euphorie \u00fcber eine instinktive Schockstarre samt anschlie\u00dfender Abnutzung bis hin zu entspannter \u00dcberh\u00f6hung. So wie das wiedervereinigte Land seinen neu gewonnenen Stolz erst bejubelte, dann verleugnete, bald absorbierte und schlie\u00dflich in einem Sommerm\u00e4rchen verkl\u00e4rte, so hat sich auch die Rezeption von Rammstein entwickelt: Einst war das Berliner Sextett mit Mecklenburger Wurzeln schlimm, jetzt ist es h\u00f6chstens schaurig, gestartet als Frechheit <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/2011-11\/rammstein-made-in-germany\" target=\"_blank\">landet es konstant im platingoldenen Mainstream<\/a>.<\/p>\n\n<div class=\"embed-wrapper embed-wrapper--blocked js-embed-consent\" data-method=\"iframe\">\n<script class=\"raw__source\" type=\"text\/template\"><iframe loading=\"lazy\" src=\"http:\/\/player.vimeo.com\/video\/31836365?title=0&amp;byline=0&amp;portrait=0\" width=\"540\" height=\"330\" frameborder=\"0\" webkitAllowFullScreen mozallowfullscreen allowFullScreen><\/iframe><\/script>\n<div class=\"embed-wrapper__inner\">\n<div class=\"embed-wrapper__text\">\n<h3>Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/h3>\n<p data-replace=\"no\">An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel erg\u00e4nzt. 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Damit k\u00f6nnen personenbezogene Daten an Drittplattformen \u00fcbermittelt werden. <a href=\"https:\/\/www.zeit.de\/hilfe\/datenschutz\" target=\"_blank\">Mehr dazu in unserer Datenschutzerkl\u00e4rung.<\/a>\n<\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n<\/div>\n<p>Was war das nicht f\u00fcr ein Get\u00f6se, als 1995 <em>Herzeleid<\/em> erschien, <em>Sehnsucht<\/em> zwei Jahre drauf das Niveau hielt, selbst die dritte Platte <em>Mutter<\/em> noch polarisierte, ganz abgesehen von Riefenstahlscher Nazi-Propaganda im Video zum Depeche-Mode-Cover <em>Stripped<\/em>. Sechs sehnige Kerle mit akkuratem Kurzhaarschnitt wilderten da in dubiosen Codesystemen. Herrenmenschengesten und K\u00f6rperkult, Kasernenhofton und F\u00fchrerhauptquartierduktus \u2013 mit Geistesnazis in gesellschaftlichen Spitzen\u00e4mtern und hartrechter Volksparteirhetorik konnte das Land leben. Aber mit Rammstein?<\/p>\n<p>Deren Get\u00f6se war ja auch klanglich eher Stechschritt als Neue Deutsche H\u00e4rte, wie ihr Genre flugs getauft wurde. Extremer Hardrock, Christoph &#8222;Doom&#8220; Schneiders technoides Schlagzeug zu Grindcoregitarren \u2013 so ein Gebr\u00e4u gab es bis dato nirgends. Stoisch, pr\u00e4zise, martialisch. Marschmetall mit Till Lindemanns dumpfem Sprechgesang voll Blut, Asche, Schlachten, Schmerz, Unterwerfungsgestik und Dominanzgehabe. T\u00f6ne wie Stahlgewitter, Texte wie anschwellende Bocksges\u00e4nge, B\u00fchnenshows wie Fegefeuer, alles zwischen Ernst J\u00fcnger und Charles Bukowski.<\/p>\n<p>Die Elemente waren keinesfalls neu. <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2009\/32\/Traum-Kraftwerk-32\" target=\"_blank\">Kraftwerk<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2009\/10\/daf-goerl-delgado\" target=\"_blank\">DAF<\/a> haben die K\u00e4lte deutscher B\u00fcrokratie elektronisch \u00fcbersetzt, Nitzer Ebb und Laibach dazu gar HJ-Uniform getragen. Rammstein aber sind damit ins Stadion eingezogen. Ein Nischenprodukt wurde Massenware. Aber eine rechtsradikale, wie schnell kolportiert wurde? Wer das behauptet, h\u00f6rt nicht zu. Rammstein singen schlie\u00dflich nur \u00fcber das Eine, den Geschlechtsakt. In radikaler Lyrik, zugegeben. Aber dauernd. Gro\u00dfe Jungs, die in der Bl\u00fctezeit des Crossover, als Body Count und Run DMC den Rock in den Hip-Hop transponierten, Rage Against Machine und Clawfinger Punk in den Hardrock oder <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2011\/08\/26\/red-hot-chili-pepper_10200\" target=\"_blank\">Red Hot Chili Peppers<\/a> und Faith No More Funk in den Metal, divergente Stile verklebten: Dichtkunst, Hardrock, Techno. Das war neu, deutsch, international erfolgreicher als hierzulande und vielleicht deshalb verd\u00e4chtig, aber nicht schuldig. Heute seltener denn je.<\/p>\n<p>Denn zwischen <em>Herzeleid<\/em> und <em>Liebe ist f\u00fcr alle da<\/em> sind sie Album f\u00fcr Album umgezogen: von David Lynchs psychotischem Indie-Kino ins Multiplex von Wacken, vom subtil verst\u00f6renden &#8222;ein blindes Kind\/das vorw\u00e4rts kriecht\/weil es seine Mutter riecht&#8220; zum profan provokanten &#8222;Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr&#8220;, vom Stakkato zur Double-Bass. Die B\u00fcrgerschrecks machen Metal, und wer mit Mitte 40 sein erstes Lebenswerk kompiliert, der kann so gef\u00e4hrlich nicht sein f\u00fcrs Gemeinwesen.<\/p>\n<p>Daran \u00e4ndert Morbidit\u00e4t auf dem Cover wenig. <em>Made in Germany<\/em>, auf Wunsch in der Stahlbox, zieren die Totenmasken der Bandmitglieder. Das ist nicht mal mehr anst\u00f6\u00dfig, eher absto\u00dfend sch\u00f6n. &#8222;Der politische Kontext, in dem sich Rammstein auf Deutschland beziehen, ist nicht mehr der des Kniefalls Brandts in Warschau, sondern der von brennenden H\u00e4usern von Fl\u00fcchtlingen und Migranten&#8220;, hatte der Musikkritiker Ulf Poschardt zu <em>Stripped<\/em> geschrieben und die Verfasser in den Kontext der Neuen Rechten gestellt. <\/p>\n<p>Heute verpassen Rammstein dem knieenden Kanzler auf dem Werbeplakat eine der Totenmasken. Das ist nicht heikel, sondern bestenfalls eitel. Aber wer den <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/51\/Rammstein\" target=\"_blank\">Madison Square Garden in 20 Minuten ausverkauft<\/a> und nach Jahren des Boykotts auf MTV abendliche Spezialsendungen erh\u00e4lt, darf das wohl auch sein.<br \/>\n<em><br \/>\n&#8222;Made in Germany 1995-2011&#8220; von Rammstein ist erschienen bei Vertigo Berlin\/Universal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Rammstein, Deutschlands international erfolgreichste Band, hat ihr Schaffen kompiliert. Made in Germany 1995-2011 ist das Zeugnis eines Missverst\u00e4ndnisses. Sie springt einfach nicht mehr an: die Emp\u00f6rungsmaschine der Hochkulturverwaltung. 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