{"id":13697,"date":"2012-08-10T12:04:45","date_gmt":"2012-08-10T10:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=13697"},"modified":"2012-08-13T13:29:25","modified_gmt":"2012-08-13T11:29:25","slug":"paul-simon-graceland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2012\/08\/10\/paul-simon-graceland_13697","title":{"rendered":"Paul Simons nett gemeinter Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p><strong>&#8222;Graceland&#8220; gilt heute als eines der besten Alben der Popgeschichte. Vor 25 Jahren, w\u00e4hrend der s\u00fcdafrikanischen Apartheid, war es ein weltweites Politikum. Aus der Reihe <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/01\/uber-die-jahre_118\" target=\"_blank\">&#8222;\u00dcber die Jahre&#8220;<\/a><\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_13712\" aria-describedby=\"caption-attachment-13712\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/08\/paul-simon-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"paul-simon-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-13712\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/08\/paul-simon-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/08\/paul-simon-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-13712\" class=\"wp-caption-text\">Paul Simon in den Achtzigern (\u00a9 Keystone\/Getty Images)<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Als <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2011\/18\/Paul-Simon\" target=\"_blank\">Paul Simon<\/a> im April 1987 mit seiner <em>Graceland<\/em>-Tour in der Royal Albert Hall in London Station macht, ist die mehr als 5.000 Besucher fassende Halle sechsmal ausverkauft. Das Album <em>Graceland<\/em> ist ein Riesenerfolg, verkauft sich bis heute mehr als 14 Millionen Mal<!--more-->, die Tour f\u00fcllt Stadien auf der ganzen Welt. <\/p>\n<p>Doch w\u00e4hrend Simon drinnen mit schwarzen, s\u00fcdafrikanischen Apartheidsgegnern wie dem Trompeter <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/05\/13\/trompeten-des-widerstands_2557\" target=\"_blank\">Hugh Masekela<\/a> und &#8222;Mama Afrika&#8220; <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/46\/miriam-makeba-nachruf\" target=\"_blank\">Miriam Makeba<\/a> auftritt, <a href=\"http:\/\/www.guardian.co.uk\/music\/2012\/apr\/19\/paul-simon-graceland-acclaim-outrage?INTCMP=ILCNETTXT3487\" target=\"_blank\">protestieren<\/a> drau\u00dfen wei\u00dfe europ\u00e4ische Musiker wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/11\/Billy-Bragg\" target=\"_blank\">Billy Bragg<\/a>  und <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2012\/03\/26\/paul-weller_12328\" target=\"_blank\">Paul Weller<\/a>. Denn Simon hat Teile des Albums in S\u00fcdafrika aufgenommen und den von den Vereinten Nationen verh\u00e4ngten <a href=\"http:\/\/www.un.org\/en\/events\/mandeladay\/apartheid.shtml\" target=\"_blank\">Kulturboykott<\/a> gebrochen.<\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud513617424405\"><\/div>\n<p>25 Jahre sp\u00e4ter nutzt Simon das Jubil\u00e4um seines kommerziell erfolgreichsten und k\u00fcnstlerisch interessantesten Albums, um unsch\u00f6ne Schatten von seiner Diskografie zu polieren. Im Juli zum <a href=\"http:\/\/www.independent.co.uk\/arts-entertainment\/music\/reviews\/paul-simon-hyde-park-london-7946453.html\" target=\"_blank\">Konzert im Londoner Hyde Park<\/a> hatte er nicht nur die s\u00fcdafrikanischen Veteranen <a href=\"http:\/\/www.mambazo.com\/\" target=\"_blank\">Ladysmith Black Mambazo<\/a> und Hugh Masekela, Ray Phiri und Barney Rachabane eingeladen, sondern auch den Jamaikaner <a href=\"http:\/\/www.jimmycliff.com\/\" target=\"_blank\">Jimmy Cliff<\/a>, der sich in den Achtzigern mit dem unvermeidlichen Bono und anderen K\u00fcnstlern auf dem Album <a href=\"http:\/\/www.rollingstone.com\/music\/lists\/100-best-albums-of-the-eighties-20110418\/artists-united-against-apartheid-sun-city-19691231\" target=\"_blank\"><em>Sun City<\/em><\/a> f\u00fcr den Kulturboykott eingesetzt hatte.<\/p>\n<p>Der nun erschienenen Wiederver\u00f6ffentlichung von <em>Graceland<\/em> ist die Filmdoku <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=gJvkXrr2rUE\" target=\"_blank\"><em>Under African Skies<\/em><\/a> angef\u00fcgt. Der Regisseur Joe Berlinger begleitet Simon auf dessen R\u00fcckkehr nach S\u00fcdafrika. Simon trifft die Mitmusiker von damals, stellt sich aber auch Dali Tambo, dem Gr\u00fcnder von Artists Against Apartheid und Sohn des fr\u00fcheren Pr\u00e4sidenten des Afrikanischen Nationalkongresses ANC, Oliver Tambo.<\/p>\n<p>Berlingers Film komplettiert das Bild eines politisch etwas naiven Musikers, der auf einer schwarz kopierten Kassette Township-Kl\u00e4nge entdeckt und auf ein Album, sein Album packen will, ohne den ANC oder die UN fragen zu m\u00fcssen. Es geht ihm um Kunst, nicht um Politik \u2013 oder Urheberrechte: Die Band <a href=\"http:\/\/www.loslobos.org\/\" target=\"_blank\">Los Lobos<\/a> wirft ihm vor, ihren Song <em>All Around The World<\/em> schlicht <a href=\"http:\/\/www.jambase.com\/Articles\/9391\/LONE-WOLF-HANGIN'-WITH-STEVE-BERLIN\/3\" target=\"_blank\">gestohlen zu haben<\/a>. <\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud538904919540\"><\/div>\n<p><em>Graceland<\/em> ist einer der wichtigsten Funken, aus denen der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/37\/ende-der-weltmusik\" target=\"_blank\">&#8222;Weltmusik&#8220;-Boom<\/a> der achtziger Jahre z\u00fcndet, und es birgt schon dessen ganze Ambivalenz. Simon kommt nach Afrika wie ein Schmetterlingssammler, spie\u00dft Percussions vom Senegalesen Youssou N&#8217;Dour (heute <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/03\/Spitze-Pop-Revolte\" target=\"_blank\">Kultusminister seines Landes<\/a>) und nigerianische Pedal-Steel-Gitarren zusammen mit s\u00fcdafrikanischen Gitarren auf sein Songtableau. <\/p>\n<p>Doch diese Schmetterlinge bleiben nicht brav auf ihren Nadeln, sie fliegen auf, zwingen den Songwriter, seine Verse vertrackten Rhythmen anzupassen. So entstehen geniale Zeilen wie &#8222;<em>the boy in the bubble and the baby with the baboon heart<\/em>&#8222;. Die afrikanisch-amerikanische M\u00e9lange nimmt sp\u00e4tere, sample-induzierte Stile vorweg. Kein Wunder, das sich Bands wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/08\/interview-vampire-weekend\" target=\"_blank\">Vampire Weekend<\/a> von <em>Graceland<\/em> <a href=\"http:\/\/www.motor.de\/motormeinung\/motor.de\/vampire_weekend_graceland_revisited_revisited.html\" target=\"_blank\">inspirieren lassen<\/a> \u2013 manche sagen, <a href=\"http:\/\/www.quora.com\/Is-Vampire-Weekend-making-a-career-out-of-Paul-Simon-s-Graceland\" target=\"_blank\">es kopieren<\/a>.<\/p>\n<p>Den afrikanischen Musikern bringt <em>Graceland<\/em> nicht nur lukrative Plattenvertr\u00e4ge und Bekanntheit au\u00dferhalb Afrikas. Sie bringt auch Hoffnung, sagt der Saxofonist Barney Rachabane in Berlingers Doku: &#8222;Wir konnten immer nur in den Townships spielen, nie in der Stadt, in den sch\u00f6nen Nachtclubs. Wenn Du Tr\u00e4ume hast, die nie wahr werden, das zerst\u00f6rt Dich.&#8220; <\/p>\n<p>Der S\u00e4nger und B\u00fcrgerrechtsaktivist <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2012\/11\/Harry-Belafonte\" target=\"_blank\">Harry Belafonte<\/a> riet Simon damals, sein Projekt mit dem ANC abzusprechen. Heute sagt er, <em>Graceland<\/em> habe sogar zum Sturz des rassistischen Regimes in Pretoria beigetragen, Dali Tambo bleibt hingegen dabei, dass es kontraproduktiv war. Die Frage ist eine akademische. Paul Simon war der erste US-Musiker, den Nelson Mandela eingeladen hatte, als er Staatspr\u00e4sident war. Als Simon <em>Graceland<\/em> aufnahm, sa\u00df der noch im Gef\u00e4ngnis.<br \/>\n<em><br \/>\n&#8222;Graceland \u2013 25th Anniversary Edition&#8220; von Paul Simon ist in <a href=\"http:\/\/www.paulsimon.com\/us\/graceland25\/music\" target=\"_blank\">diversen Formaten<\/a> bei Sony erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Graceland&#8220; gilt heute als eines der besten Alben der Popgeschichte. Vor 25 Jahren, w\u00e4hrend der s\u00fcdafrikanischen Apartheid, war es ein weltweites Politikum. 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