{"id":14584,"date":"2012-11-19T09:26:43","date_gmt":"2012-11-19T08:26:43","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=14584"},"modified":"2012-11-19T12:22:30","modified_gmt":"2012-11-19T11:22:30","slug":"moses-pelham-geteiltes-leid","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2012\/11\/19\/moses-pelham-geteiltes-leid_14584","title":{"rendered":"Miese Texte unter Tr\u00e4nen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Geteiltes Leid sei halbes Leid, hei\u00dft es. Das gleichnamige Album von Moses Pelham ist leider doppelt schlimm: pathetisch und unecht.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_14591\" aria-describedby=\"caption-attachment-14591\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/11\/pelham-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"pelham-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-14591\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/11\/pelham-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/11\/pelham-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14591\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Sony Music<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Am Anfang denkt man nat\u00fcrlich noch nicht an die Folgen. Da haut man halt auf die Kacke. Macht ja Spa\u00df. Gegen alle Vernunft. Gr\u00f6lt rum. Macht L\u00e4rm. Schl\u00e4gt \u00fcber die Str\u00e4nge. Probiert sich aus und geht an die Grenzen. Bis der Kater kommt. Und nicht mehr weg geht. <!--more--><\/p>\n<p>Nein, hier ist nicht die Rede von Alkoholmissbrauch. Nur von Moses Pelham. Denn dessen neues Album <em>Geteiltes Leid 3<\/em> klingt tats\u00e4chlich wie der steingraue Morgen nach einer allzu langen Nacht: schal, taub, irgendwie pelzig. Und im Kopf tobt, nur ein paar Zentimeter \u00fcber dem schlechtem Geschmack im Mund, der Schmerz.<\/p>\n<p>Pelham hei\u00dft ja nicht nur Moses. Er hatte einst durchaus die Qualit\u00e4ten und das Pathos eines Propheten. Vor allem das Pathos. Aber das war damals, als er zusammen mit Thomas Hofmann noch das R\u00f6delheim Hartreim Projekt bildete und den Gangsta-Rap hierzulande erstmals salonf\u00e4hig machte. Diese Pionierleistung war umstritten, obwohl damals noch nicht einmal abzusehen war, dass sie den Boden bereitete f\u00fcr solche Gestalten wie <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2011-10\/sido-bushido-23-staiger\" target=\"_blank\">Bushido oder Sido<\/a>. Der junge Moses teilte also zwar nicht das Meer, aber die Meinungen. Selbst die Kritiker aber mussten zugeben, dass hier jemand eine authentische, mitunter recht schlaue Stimme etablierte, die manchmal sogar Humor hatte.<\/p>\n\n<div class=\"embed-wrapper embed-wrapper--blocked js-embed-consent\" data-method=\"iframe\">\n<script class=\"raw__source\" type=\"text\/template\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"330\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/embed\/nO9c2gzywJo?list=SPECF6D445532765C9&amp;hl=de_DE\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/script>\n<div class=\"embed-wrapper__inner\">\n<div class=\"embed-wrapper__text\">\n<h3>Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/h3>\n<p data-replace=\"no\">An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel erg\u00e4nzt. 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Das liegt nicht einmal so sehr daran, dass sich der mittlerweile 41-j\u00e4hrige Pelham in Plattenfirmenbesitzer (3p), Popstar-Entdecker (Xavier Naidoo, Sabrina Setlur, Cassandra Steen), notorischen Streithammel (Xavier Naidoo, Stefan Raab) und nun auch noch Casting-Show-Juror (<em>X-Factor<\/em>) verwandelt hat. Das liegt daran, dass all diese Erfahrungen und all diese Jahre keinen Widerhall finden in den neuen Liedern: Immer noch rappt Pelham, als w\u00e4ren die Worte ein M\u00fcsli, das beim Kauen in den Backen quillt, und immer noch tut er so, als m\u00fcsse er sich seinen Platz in der Welt erst noch erobern. Als wollten ihm alle anderen ans Leder. Als w\u00e4re seine Ehre in Gefahr. Als m\u00fcsste er es den andern zeigen. Als h\u00e4tte er es nicht schon allen gezeigt.<\/p>\n<p>Dabei ist Pelham doch lange raus aus dem Frankfurter Problemviertel, aus dem er stammt \u2013 nicht nur \u00f6rtlich, vor allem auch gesellschaftlich. Entweder also wird Pelham von einem mittelgro\u00dfen Minderwertigkeitskomplex geplagt. Oder er hat sich in dem Image verirrt, das er einst selbst konstruierte. <\/p>\n<p>Warum auch immer: Ein erfolgreicher Unternehmer, Mainstream-K\u00fcnstler und Privatfernsehstar stilisiert sich zum Au\u00dfenseiter und wird dabei von den \u00e4hnlich erfolgreichen Kollegen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/video\/2010-05\/88113465001\/interview-fragen-an-jan-delay\" target=\"_blank\">Jan Delay<\/a>, Xavier Naidoo und Gentleman stimmlich unterst\u00fctzt. Eine Masche, die auch die B\u00f6hsen Onkelz, deren Proll-Rock Pelham einst davon \u00fcberzeugte, dass auch deutschsprachiger Rap m\u00f6glich sein muss, praktizierten: Auch als die Alben der Onkelz l\u00e4ngst an der Spitze der Charts einstiegen, gelang es ihnen noch, ein Wir-gegen-den Rest-der-Welt-Gef\u00fchl herzustellen, obwohl ihre Millionen Fans l\u00e4ngst selbst zu einer Mehrheit geworden waren.<\/p>\n<p>Nein, Pelhams Rap ist nicht mehr authentisch. Doch f\u00fcr ihn, der weder jemals ein technisch begnadeter Rapper noch ein guter Geschichtenerz\u00e4hler war, ist Authentizit\u00e4t nun mal die wichtigste W\u00e4hrung, in der sich seine Kunst bemisst. Wenn die aber fl\u00f6ten geht, bleibt nur mehr das Pathos \u00fcbrig. <\/p>\n<p>Also l\u00e4sst er einen M\u00e4nnerchor &#8222;erhabene Momente f\u00fcr die Ewigkeit&#8220; besingen, beschreibt Suizidgedanken, zitiert aus der Bibel, reimt &#8222;keine Ahnung&#8220; auf &#8222;Mahnung&#8220; und verk\u00fcndet, er schreibe seine Texte &#8222;unter vielen Tr\u00e4nen&#8220;. Dazu stampfen die Beats schwerf\u00e4llig, w\u00e4hrend im Hintergrund eine Schweinerock-Gitarre ihr dudelndes Unwesen treibt. Das Beste daran ist, dass man wei\u00df, dass so ein Kater irgendwann auch wieder vorbei geht. Dieser hier dauert 52 Minuten und elf Sekunden.<\/p>\n<p><em>&#8222;Geteiltes Leid 3&#8220; von Mose Pelham ist erschienen auf 3p\/Columbia\/Sony Music.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Geteiltes Leid sei halbes Leid, hei\u00dft es. Das gleichnamige Album von Moses Pelham ist leider doppelt schlimm: pathetisch und unecht. 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