{"id":14767,"date":"2013-01-09T08:56:42","date_gmt":"2013-01-09T07:56:42","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=14767"},"modified":"2013-01-09T10:11:12","modified_gmt":"2013-01-09T09:11:12","slug":"ghetto-brothers-power-fuerza","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2013\/01\/09\/ghetto-brothers-power-fuerza_14767","title":{"rendered":"Die Sozialarbeiter des Hip-Hop"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ghetto Brothers aus New York ebneten 1971 der Hip-Hop-Kultur den Weg. Ihr bahnbrechendes Latin-Rock-Album &#8222;Power \u2013 Fuerza&#8220; ist endlich wieder erh\u00e4ltlich.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_14794\" aria-describedby=\"caption-attachment-14794\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/12\/ghetto-brothers-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"ghetto-brothers-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-14794\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/12\/ghetto-brothers-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2012\/12\/ghetto-brothers-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-14794\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Truth and Soul Records<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>New York im Sommer des Jahres 1971. In den Fine Tone Studios in Manhattan nehmen drei Br\u00fcder und ein paar Freunde an einem einzigen Nachmittag acht Songs auf. Ihr erstes Album, dem sie den Titel <em>Power \u2013 Fuerza<\/em> geben, wird auch ihr einziges bleiben: Ein Meilenstein, der Latin Rock vorweg nimmt und an der Wiege des Hip-Hop steht<!--more-->, aber trotzdem in Vergessenheit geraten wird. <\/p>\n<p>Die Band hei\u00dft Ghetto Brothers. Ihr Name ist nicht, wie man heute denken k\u00f6nnte, modische Pose, sondern verl\u00e4ngerte Realit\u00e4t: In der Bronx, wo die Teenager leben, sind die Ghetto Brothers keine Band, sondern eine Stra\u00dfengang.<\/p>\n<p>Der Weg, den die Ghetto Brothers an diesem Sommertag nehmen, f\u00fchrt sie von der dritten in die erste Welt. W\u00e4hrend in Manhattan die Wolkenkratzer von der Macht des Kapitalismus k\u00fcnden, wirkt die South Bronx wie ein anderer Planet: Ruinen, Baul\u00fccken, verlassene L\u00e4den in Abrissh\u00e4usern. Obdachlose w\u00e4rmen sich an Feuern, die in Stahlf\u00e4ssern lodern. Die Polizei wagt sich kaum noch in die von der Politik aufgegebene Gegend. In dem rechtsfreien Raum herrschen gesch\u00e4tzte 30 Prozent Arbeitslosigkeit, nahezu die H\u00e4lfte der Einwohner lebt von der Sozialhilfe. Drogen, Alkohol und Gewalt bestimmen den Alltag. Doch die South Bronx sieht nicht nur aus wie ein Kriegsgebiet, sie ist ein Kriegsgebiet: Die Polizei sch\u00e4tzt, dass es allein hier mindestens 100 Gangs mit insgesamt mehr als 11.000 Mitgliedern gibt.<\/p>\n<p>Die Ghetto Brothers sind eine dieser Gangs. Die Mitglieder sind mehrheitlich Immigranten aus Puerto Rico, ihre verschiedenen Untergruppen sind bis nach New Jersey verteilt. Angef\u00fchrt wird die Gruppe von Benjamin &#8222;Benij&#8220; Melendez, der auch ein versierter Gitarrist ist. Er und seine beiden Br\u00fcder Victor und Robert lieben die Beatles und treten an Stra\u00dfenecken oder auf Partys als Los Junior Beatles auf. <\/p>\n\n<div class=\"embed-wrapper embed-wrapper--blocked js-embed-consent\" data-method=\"iframe\">\n<script class=\"raw__source\" type=\"text\/template\"><iframe loading=\"lazy\" width=\"540\" height=\"330\" src=\"http:\/\/www.youtube.com\/embed\/HRxakq9dJXE\" frameborder=\"0\" allowfullscreen><\/iframe><\/script>\n<div class=\"embed-wrapper__inner\">\n<div class=\"embed-wrapper__text\">\n<h3>Empfohlener redaktioneller Inhalt<\/h3>\n<p data-replace=\"no\">An dieser Stelle finden Sie externen Inhalt, der den Artikel erg\u00e4nzt. 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Frauen gelten als gleichberechtigte Mitglieder, Drogenkonsum ist \u2013 zumindest offiziell \u2013 verboten und propagiert wird ein puertoricanisches Selbstbewusstsein, das sich am &#8222;<em>Black is Beautiful<\/em>&#8220; der Black Panther orientiert.<\/p>\n<p>Als ausgerechnet ihr Friedensbeauftragter beim Versuch einen Konflikt zwischen zwei Gangs zu schlichten umgebracht wird, verzichten die Ghetto Brothers auf Rache. Stattdessen berufen sie ein gro\u00dfes Gipfeltreffen aller Bandenf\u00fchrer in einem Jugendclub in der Hoe Avenue ein. Das <em>Hoe Avenue Peace Meeting<\/em> vom 7. Dezember 1971 geht in die Geschichte New Yorks ein: Auch wenn der unter der Leitung von Benij Melendez vereinbarte Waffenstillstand nicht lange halten wird, markiert das Treffen doch den Beginn vom Ende der Stra\u00dfengangs. Ebenfalls anwesend: Ein junger <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/16\/hiphop-bildbaende\" target=\"_blank\">Afrika Bambaata<\/a>, damals ein 14-j\u00e4hriger Warlord einer Gang, sp\u00e4ter einer der Gr\u00fcnder des Hip-Hop, der mit seiner Zulu Nation Botschaften in die Welt tr\u00e4gt, die zum Teil direkt von den Ghetto Brothers \u00fcbernommen sind. <\/p>\n<p>Nach dem Peace Meeting beginnen die Ghetto Brothers damit jeden Freitag Stra\u00dfenfeiern zu organisieren, bei denen Waffen verboten sind und die verschiedenen Gangs friedlich zusammen kommen. Auf \u00e4hnlichen Block Partys wird wenig sp\u00e4ter in der Bronx der Hip-Hop erfunden werden. <\/p>\n<p><em>Power \u2013 Fuerza<\/em> ist schon vorher erschienen, wird aber nur lokal vertrieben. Selbst Benij Melendez selbst wird jahrzehntelang kein Exemplar besitzen. Er verl\u00e4sst die Ghetto Brothers Mitte der siebziger Jahre und arbeitet sp\u00e4ter als Sozialarbeiter mit Jugendlichen. Victor stirbt 1995 an Aids, Benij und Robert machen heute wieder zusammen Musik und hoffen, vielleicht doch noch einen Nachfolger zu <em>Power \u2013 Fuerza<\/em> aufnehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das bahnbrechende Album, das nahezu anonym blieb und dessen wenige Originalkopien f\u00fcr Hunderte von Dollars gehandelt werden, ist nun wiederver\u00f6ffentlicht worden, ausgestattet mit einem \u00fcppig bebilderten, 84 Seiten starken Booklet. Aber erstaunlich ist vor allem die Musik selbst: Die acht Songs klingen noch heute, vier Jahrzehnte sp\u00e4ter, unglaublich lebendig \u2013 vom ansteckenden Latin-Pop von <em>Got That Happy Feeling<\/em> bis zur mitrei\u00dfenden Agitprop von <em>Viva Puerti Rico Libre<\/em>. Musik mit einer Geschichte, die aber selbst ohne diese Geschichte noch eine wahnsinnige Kraft entfaltet.<\/p>\n<p><em>&#8222;Power \u2013 Fuerza&#8220; von den Ghetto Brothers ist erschienen bei Truth &#038; Soul\/Groove Attack.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ghetto Brothers aus New York ebneten 1971 der Hip-Hop-Kultur den Weg. Ihr bahnbrechendes Latin-Rock-Album &#8222;Power \u2013 Fuerza&#8220; ist endlich wieder erh\u00e4ltlich. New York im Sommer des Jahres 1971. In den Fine Tone Studios in Manhattan nehmen drei Br\u00fcder und ein paar Freunde an einem einzigen Nachmittag acht Songs auf. 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