{"id":2145,"date":"2009-03-20T10:50:04","date_gmt":"2009-03-20T08:50:04","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=2145"},"modified":"2009-03-20T10:50:04","modified_gmt":"2009-03-20T08:50:04","slug":"angriff-der-klonkantorei","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/03\/20\/angriff-der-klonkantorei_2145","title":{"rendered":"Angriff der Klonkantorei"},"content":{"rendered":"<p><strong>Aus Fragmenten der Alten Musik von Guillaume Dufay und synthetischen Kl\u00e4ngen bauen der Elektronikbastler Ambrose Field und der Tenor John Potter das psychedelische Werk &#8222;Being Dufay&#8220;<\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<\/p>\n<div class=\"audio_player\" class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/03\/potter-dufay200.jpg\" width=\"200\" height=\"200\" style=\"margin-top:5px; margin-left:5px;\" class=\"size-medium wp-image-2015\" \/><\/p>\n<div id=\"inneraudio\">\n<div class=\"titel\">Ambrose Field &#038; John Potter &#8211; Being Dufay<\/div>\n<div class=\"trenner\">&#160;<\/div>\n<div class=\"teaser\">Von dem Album: Being Dufay <span class=\"copyright\">ECM Records (2009)<\/span><\/div>\n<\/p><\/div>\n<div id=\"audio_flashcontent\">\n  <strong>You need to upgrade your Flash Player<\/strong>\n <\/div>\n<p> <script type=\"text\/javascript\">\n  var so = new SWFObject(\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/zeit_audioplayer.swf\", \"audio_system\", \"210\", \"25\", \"8\", \"#FFFFFF\");\n  so.addParam(\"allowScriptAccess\", \"always\");\n  so.addVariable(\"var_mp3_file\", \"09039\/09039_1236587600-01\");\n  so.addVariable(\"var_ivw_tag\", \"a_Kultur\/Musik\");\n  so.write(\"audio_flashcontent\");\n <\/script>\n<\/div>\n<p>In der Filmkom\u00f6die <em>Being John Malkovitch<\/em> entdeckt ein erfolgloser Puppenspieler eine T\u00fcr, die in den Kopf des gleichnamigen Schauspielers f\u00fchrt. Auf <em>Being Dufay<\/em> sind Ambrose Field und John Potter in das Hirn von <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Guillaume_Du_Fay\" target=\"_blank\">Guillaume Dufay<\/a> gekrochen, eines fl\u00e4mischen Komponisten des 15. Jahrhunderts. Der Elektronikbastler Field und der Tenor Potter bauen aus Fragmenten des Altmeisters und synthetischen Kl\u00e4ngen eine Welt von psychedelischer Dichte.<\/p>\n<p>An Hollywood erinnert nicht nur der Titel des Albums. Field ist spezialisiert auf Surround-Sound-Projekte f\u00fcr Liveshows, Klanginstallationen und Kunstkino. Auch auf <em>Being Dufay<\/em> erklingt an Filmmusik erinnerndes \u2013 der Film dazu m\u00fcsste ein Kreuzung sein aus <em>Independence Day<\/em> und <em>Der Name der Rose;<\/em> oder eine Folge von <em>Akte X,<\/em> in der K\u00f6rperfresser von Kassiopeia unter Kapuzinern w\u00fcten; oder das noch ungedrehte Prequel zu <em>Herr der Ringe.<\/em><\/p>\n<p>Mit cineastischer Begrifflichkeit erl\u00e4utert Ambrose Field seine Arbeitsweise: Wie in einem Blockbuster mit dickem Budget computergenerierte Geb\u00e4ude von Sperrholzkulissen, virtuelle Figuren von Schauspielern aus Fleisch und Blut nicht mehr zu unterscheiden sind, so habe er die Stimme John Potters verschmelzen wollen mit einem digitalen Modell ihrer selbst, aus dem er Ch\u00f6re, Frauenstimmen und sogar eine Bassklarinette bastelt. Der im Rechner nachgebaute Tenor wird verdoppelt, vervierfacht, verdutzend und variiert, um wie ein echter Chor zu klingen \u2013 und doch tr\u00e4gt jede Einzelstimme die Merkmale des Solisten: Angriff der Klonkantorei.<\/p>\n<p>So dominiert Potters Stimme das Album \u2013 dabei hat er nur rund acht Minuten lang sorgf\u00e4ltig ausgew\u00e4hlte Melodieabschnitte eingesungen, der Rest sind Loops und Ch\u00f6re, Robo-Stimmen und Kindergesang. Und immer wieder erhebt sich aus wabernden Synthesizern ein ganzer Abschnitt unver\u00e4nderter Melodie Dufays wie eine Lerche aus dem Morgendunst.<\/p>\n<p>Der Tenor, der auch mal in Blues- und Rockbands gesungen hat, n\u00e4hert sich dem reinen Klangideal der Renaissance zwar an, l\u00e4sst seiner Stimme gleichwohl kleine, sympathische Charaktermerkmale, eine Rauheit hier, ein leicht kehliges Kn\u00f6deln da. Seine Autorit\u00e4t in der Alten Musik ist so gro\u00df \u2013 er hat mit seinem <em>Dowland Project<\/em> mehrere \u00e4hnlich experimentelle Alben aufgenommen, unterrichtet an der University of York und schreibt einschl\u00e4gige B\u00fccher \u2013 , dass die Frage &#8222;d\u00fcrfen die das?&#8220; auch noch dem scheubeklapptesten Puristen auf der rotweingegerbten Zunge verdorren m\u00fcsste.<\/p>\n<p>&#8222;Die d\u00fcrfen das.&#8220; Schon deshalb, weil der im Jahr 1474 gestorbene Guillaume Dufay \u00e4hnlich drauf gewesen sein d\u00fcrfte wie Potter und Field, offen f\u00fcr Stilverwirrungen, f\u00fcr musikalische Experimente. Er schrieb neben zahlreicher geistlicher Musik eindrucksvoll sinnliche Liebeslieder. Im Jahr 1397 dort geboren, wo heute die Grenze zwischen Frankreich und Belgien verl\u00e4uft, reiste Dufay ausgiebig durch Europa, saugte Einfl\u00fcsse auf und bediente sich der Werke zeitgen\u00f6ssischer und verstorbener Kollegen \u2013 eine Technik, die damals noch nicht als Plagiarismus verp\u00f6nt war: Dufay sampelte.<\/p>\n<p>Ambrose Field schreibt, Dufay habe Techniken entwickelt, seine Musik um existierendes Material zu strukturieren, ohne dass die Texturen zu dicht, die Worte unverst\u00e4ndlich w\u00fcrden. \u00c4hnlich arbeitet sein Nachfahr im Geiste: Was er aus dem Rechner drechselt, ist keine Klangschmiere f\u00fcr die New-Age-Ecke, kein klandestines Klangteppichgekl\u00f6ppel. Der Komponist beginnt seine Werke mit Klavier und Notizblock. Computer, sagt er, m\u00f6ge er nicht einmal besonders; deshalb liege ihm viel daran, die Kl\u00e4nge auf Anhieb so hinzubekommen, wie er sie haben wolle, statt sie sp\u00e4ter m\u00fchsam zu edieren.<\/p>\n<p>Wer sich beim Hinh\u00f6ren ein wenig M\u00fche gibt, kann nachvollziehen, wie Field etwa in <em>Je Me Complains<\/em> mit Techniken aus der Renaissance spielt, harmonische Konventionen zitiert, nur um sie zu brechen, die alten Klangideale digital nachbaut und zum Ausgleich die Stimme aus ihrer Zeit versetzt in die Struktur eines Poplieds aus Strophe, Refrain und Zwischenteil. Wer keine Lust hat, sich M\u00fche zu geben, schwelgt sieben St\u00fccke lang in Klangtiefen, von denen Pink Floyd nur tr\u00e4umen konnten \u2013 obwohl die moderne Vokaltechnik umgeben ist von Yamaha- und Roland-Synthesizern, die teils noch aus den achtziger Jahren stammen.<\/p>\n<p>Das Resultat ist so etwas wie die Umkehr des beim selben Label (<a href=\"http:\/\/www.ecmrecords.com\/\" target=\"_blank\"><em>ECM<\/em><\/a>) erschienenen und vom selben Produzenten (Labelchef Manfred Eicher) betreuten Erfolgsalbums <em>Officium.<\/em> Auf dem sang das Hilliard Ensemble Alte Musik, und der Jazzsaxophonist Jan Garbarek improvisierte Melodielinien dazu. Diesmal kommt die Melodie aus einem vergangenen Jahrhundert, und die Moderne bildet den Hintergrund. Die Parallele ist kein Zufall \u00ac\u2013 John Potter sang 18 Jahre lang beim Hilliard Ensemble.<\/p>\n<p>Wie <em>Officium<\/em> entfaltet auch <em>Being Dufay<\/em> meditative Qualit\u00e4ten, allerdings auf komplexerem Niveau. Eine eigenartige Spannung entsteht aus dem Kontrast der schlichten, fast noch gregorianischen Melodik der Menschenstimme und der komplex geschichteten Synthetik. Das Titelst\u00fcck entstand, erinnert sich Ambrose Field im CD-B\u00fcchlein, f\u00fcr ein Festival in Vigevano bei Mailand, wo um das Castello Sforzesco aus dem 15. Jahrhundert schnittige Autos brausen und Liebende in den Ruinen knutschen. Auch keine schlechte Grundlage f\u00fcr einen Film.<\/p>\n<p><em>&#8222;Being Dufay&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.beingdufay.com\/\" target=\"_blank\">Ambrose Field und John Potter<\/a> ist auf CD erschienen bei ECM\/Universal.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie ELEKTRONIKA<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/02\/25\/sage-fleischwolf-romertopf_1784\">&#8222;Pudel Produkte 8&#8220;<\/a> (Nobistor 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/02\/09\/nennen-wir-es-hal-funk_1760\">Harmonic 313: &#8222;When Machines Exceed Human Intelligence&#8220;<\/a> (Warp\/Rough Trade 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/01\/21\/atmen_pusten_schnalzen_summen_1440\">Sabine Vogel: &#8222;Aus dem Fotoalbum eines Pinguins, Part 1 &#038; 2&#8220;<\/a> (Creative Sources 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/01\/19\/sitzen-sie-aufrecht_1548\">Moon Wiring Club: &#8222;Shoes Off And Chairs Away&#8220;<\/a> (Gecophonic 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/01\/07\/weltenrettung-fur-lau_1413\">Mikrofisch: &#8222;Monsters Of The Universe&#8220;<\/a> (Komakino 2008)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus Fragmenten der Alten Musik von Guillaume Dufay und synthetischen Kl\u00e4ngen bauen der Elektronikbastler Ambrose Field und der Tenor John Potter das psychedelische Werk &#8222;Being Dufay&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":130,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[860],"tags":[],"class_list":["post-2145","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-elektronika"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - 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