{"id":2250,"date":"2009-03-25T10:25:26","date_gmt":"2009-03-25T08:25:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=2250"},"modified":"2009-03-25T10:25:26","modified_gmt":"2009-03-25T08:25:26","slug":"funkspruche-vom-mississippi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/03\/25\/funkspruche-vom-mississippi_2250","title":{"rendered":"Funkspr\u00fcche vom Mississippi"},"content":{"rendered":"<p><strong>John Scofield entlockt seiner Gitarre den Gospel: &#8222;Piety Street&#8220; klingt mal wie eine Liebeserkl\u00e4rung an das ungeschminkte Amerika \u2013 und dann wieder glatt und kommerziell<\/strong><br \/>\n<!--more--><br \/>\n<\/p>\n<div class=\"audio_player\" class=\"alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/03\/scofield-piety.jpg\" width=\"200\" height=\"200\" style=\"margin-top:5px; margin-left:5px;\" class=\"size-medium wp-image-2015\" \/><\/p>\n<div id=\"inneraudio\">\n<div class=\"titel\">John Scofield \u2013 I&#8217;ll Fly Away<\/div>\n<div class=\"trenner\">&#160;<\/div>\n<div class=\"teaser\">Von dem Album: Piety Street <span class=\"copyright\">Emarcy Records (2009)<\/span><\/div>\n<\/p><\/div>\n<div id=\"audio_flashcontent\">\n  <strong>You need to upgrade your Flash Player<\/strong>\n <\/div>\n<p> <script type=\"text\/javascript\">\n  var so = new SWFObject(\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/zeit_audioplayer.swf\", \"audio_system\", \"210\", \"25\", \"8\", \"#FFFFFF\");\n  so.addParam(\"allowScriptAccess\", \"always\");\n  so.addVariable(\"var_mp3_file\", \"090316\/090316_1237207185-04\");\n  so.addVariable(\"var_ivw_tag\", \"a_Kultur\/Musik\");\n  so.write(\"audio_flashcontent\");\n <\/script>\n<\/div>\n<p>Der helle Asphalt ist aufgeplatzt, vom nahe gelegenen Mississippi t\u00f6nen die Schiffssirenen her\u00fcber. Hier in Byswater, Downtown New Orleans, Ecke Piety Street und Dauphine, sind die <em>Piety Street Recording Studios<\/em> beheimatet, in einem ehemaligen Postgeb\u00e4ude. In Studio A hat der Gitarrist John Scofield seine Piety Street Band versammelt, um eine lang gehegte Idee umzusetzen: ein Jazzalbum mit alten Gospelliedern. Seine Mutter stammt aus New Orleans, der Stadt die noch immer so gezeichnet ist von den Verw\u00fcstungen des Wirbelsturms Katrina.<\/p>\n<p>Vor den Fenstern h\u00e4ngen dunkelbraune Vorh\u00e4nge, die W\u00e4nde sind holzget\u00e4felt und auf dem Boden liegen dicke Teppiche. In dieser wohligen Atmosph\u00e4re nehmen Scofield, der aus England stammenden S\u00e4nger John Cleary, der s\u00fcdafrikanische Schlagzeuger Ricky Fataar, der Bassist George Porter Jr. und der S\u00e4nger John Boutt\u00e9 (beide kommen aus New Orleans) einige der Lieder neu auf, die Scofield durch seine Kindheit und Jugend begleiteten und die er als Basis seiner Musikalit\u00e4t betrachtet. Vier Tage lang spielen sie sie immer wieder durch, bis sie sich endlich so anh\u00f6ren und -f\u00fchlen, wie er es sich vorstellt.<\/p>\n<p>John Scofield gefiel die Doppelbedeutung des Wortes <em>Piety,<\/em> Fr\u00f6mmigkeit. So nannte er die Platte, auf der sein verjazzter Gospel nun nachzuh\u00f6ren ist, nach dem Ort, an dem sie entstand: <em>Piety Street.<\/em> An die Vorlagen erinnern die Lieder kaum mehr. In den  langen, instrumentalen Jam-Intros versetzt Scofields E-Blues-Gitarre die Melodien in ein zerrendes Vibrieren, unterlegt von einem Saloon-Piano und einem l\u00e4ndlichen Country &#038; Western-Rhythmus. <em>Piety Street<\/em> klingt wie eine Liebeserkl\u00e4rung an das ungeschminkte, das <em>ehrliche<\/em> Amerika. Im Jazz, sagt Scofield, k\u00e4men alle Elemente der amerikanischen Musik zusammen, die fr\u00fchen Spirituals der schwarzen Kirchen und die wei\u00dfen Folk-Ges\u00e4nge.<\/p>\n<p>Eine besondere Bedeutung misst er dem St\u00fcck <em>I&#8217;ll Fly Away<\/em> bei. Neben der traditionellen Kirchenfassung entdeckte er es in einer Country-Version \u2013 in dem Film <em>Oh Brother, Where Art Thou?<\/em> von Joel und Ethan Coen. Die gefiel Scofield so gut, dass auch er nun im schaukelnden Country-Rhythmus durch die endlose Pr\u00e4rie in den Sonnenuntergang reitet.<\/p>\n<p><em>It&#8217;s A Big Army<\/em> ist das einzige von ihm selbst geschriebene St\u00fcck auf dem Album, hier f\u00fcgte er verschiedene Elemente zusammen. Der Jazz wurzle in der Dixieland-Musik aus New Orleans, sagt er, der popul\u00e4rste Gospel sei <em>When The Saints Go Marching In.<\/em> So habe er die Akkordfolge dieses St\u00fccks aufgegriffen und seinen Gesang dar\u00fcber gelegt: <em>&#8222;I&#8217;m a soldier in the army of the Lord, I&#8217;m a soldier in the army&#8220;,<\/em>singt er, ebenfalls eine uralte Gospelzeile.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck habe nichts mit dem Irakkrieg zu tun gehabt, erz\u00e4hlt Scofield. Als er im Jahr 1970 mit seiner musikalischen Ausbildung beginnen wollte, habe er den Musterungsbescheid erhalten. Ein paar Tage vor dem Termin bekam er die Nachricht, es w\u00fcrden vorerst doch keine zus\u00e4tzlichen Soldaten nach Vietnam geschickt. Eine F\u00fcgung.<\/p>\n<p>Im Vordergrund von <em>Piety Street<\/em> klingt wieder einmal Scofields treibender Funk \u2013 das ist keine \u00dcberraschung angesichts der beteiligten Musiker. Nur <em>The Old Ship Of Zion<\/em> beginnt als tief schwingender Blues, es klingt wie eine Reise durch die Zeit. Scofields Riffs gleiten da ruhig atmend \u00fcber die Wellen der elektrischen Orgel. Wenn der der Gesang einsetzt gl\u00e4ttet sich die Oberfl\u00e4che, \u00fcbrig bleibt eine bruchlos geschliffene, kommerziell perfekte Produktion. <em>Gospel to go.<\/em> In aller Fr\u00f6mmigkeit und ohne religi\u00f6se Selbstzweifel.<\/p>\n<p><em>&#8222;Piety Street&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.johnscofield.com\/\" target=\"_blank\">John Scofield<\/a> ist bei Emarcy\/Universal erschienen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie JAZZ<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/03\/18\/chinas-lieder_2137\">China Moses &#038; Raphael Lemonnier: &#8222;This One&#8217;s For Dinah&#8220;<\/a> (Blue Note\/EMI 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/03\/04\/atmosphare-so-dicht_1998\">Sabu Martinez &#038; Sahib Shihab: &#8222;Winds &#038; Skins&#8220;<\/a> (Mellotronen 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/02\/20\/barenpils-zu-reisbuletten_1770\">Aki Takase und Rudi Mahal: &#8222;Evergreen&#8220;<\/a> (Intakt 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/02\/13\/mein-gemut-ist-voller-leidenschaft_1708\">Cyminology: &#8222;As Ney&#8220;<\/a> (ECM\/Universal 2009)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/02\/06\/tur-zu-wir-spielen_1712\">Keith Jarrett Trio: &#8222;Yesterdays&#8220;<\/a> (ECM\/Universal 2009)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\" target=\"blank\">zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>John Scofield entlockt seiner Gitarre den Gospel: &#8222;Piety Street&#8220; 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