{"id":292,"date":"2007-01-24T00:18:33","date_gmt":"2007-01-23T22:18:33","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/01\/24\/reime-aus-dem-papiertutchen_292"},"modified":"2007-01-24T00:18:33","modified_gmt":"2007-01-23T22:18:33","slug":"reime-aus-dem-papiertutchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/01\/24\/reime-aus-dem-papiertutchen_292","title":{"rendered":"Reime aus dem Papiert\u00fctchen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Plattenfirma Geffen hat offensichtlich wenig Interesse daran, dass jemand die neue Platte von Mos Def kauft: \u201eTrue Magic\u201c ist unsch\u00f6n verpackt und wird nicht beworben. Schade um die fabelhafte Musik.<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><\/p>\n<div>\n<div style=\"float: left; margin-right: 6px\"><img decoding=\"async\" style=\"border: black 1px solid\" alt=\"Mos Def True Magic\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/01\/mos-true210ohne.jpg\" \/><\/div>\n<p>Mos Def ist Rapper. Weil er sich nebenbei auch der Schauspielerei widmet, braucht er lange, ein Album aufzunehmen. Vor acht Jahren erschien seine Deb\u00fctplatte <em>Black On Both Sides<\/em>. Das Musikfernsehen ignorierte ihn bereits damals \u2013 trotz seines Erfolgs. Mos Def verweigert sich den Klischees, er ist ein Rapper alter Schule. Sein Stil ist gepr\u00e4gt vom alternativen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\/genreuebersichten\/hiphop\" target=\"_blank\">HipHop<\/a> der Neunziger und Gruppen wie A Tribe Called Quest und De La Soul.<\/p>\n<p>Mit nasaler Stimme stapelt er die Reime im Swingtanz. Und es macht Spa\u00df, genau hinzuh\u00f6ren. Mit den stupiden Texten seiner Gangsta-Kollegen hat er nichts an der Kappe. Er singt nicht von Diamanten und lang gestreckten Limousinen, der Weg aus dem Ghetto f\u00fchrt bei ihm nicht \u00fcber die Ansammlung von Reicht\u00fcmern und Frauen. Seine Lyrik ist sozial.<\/p>\n<p>Auch ohne die Unterst\u00fctzung des Musikfernsehens verkaufen sich seine Platten ganz ordentlich. Zu gut, um bei einem kleinen Label zu ver\u00f6ffentlichen. Zu schlecht allerdings f\u00fcr einen gro\u00dfen Konzern. Nach dem Bankrott der kleinen Firma Rawkus Records, die sein erstes Album ver\u00f6ffentlicht hatte, wechselte er vor einiger Zeit zu Geffen, einem Teil der Universal-Gruppe. Ein gutes Verh\u00e4ltnis hatten der Rapper und die Plattenfirma angeblich nie, so ist er gerade auf der Suche nach einer neuen.<\/p>\n<p>Um seinen Vertrag zu erf\u00fcllen, ver\u00f6ffentlicht er nun ein letztes Album bei Geffen, <em>True Magic<\/em>. Aber was ist das? Schon die Verpackung stiftet Verwirrung, sie ist l\u00e4cherlich. Die bedruckte CD ist nur von einer wei\u00dfen Papiert\u00fcte umh\u00fcllt, im Laden steht sie zum vollen Preis. Vorabexemplare f\u00fcr Journalisten sehen oft so aus, aber wie soll man mit so etwas K\u00e4ufer erreichen? Auch der Zeitpunkt der Ver\u00f6ffentlichung k\u00f6nnte ungeschickter nicht sein: Die Platte erschien zwischen Weihnachten und Neujahr. Steckt dahinter ein genialer Schachzug der Plattenfirma? Sollen visuelle Reize vermieden werden, weil sie die Magie der Musik st\u00f6ren k\u00f6nnten?<\/p>\n<p>Universal erkl\u00e4rt, es handele sich um eine Vorabver\u00f6ffentlichung. Sie sei eine Reaktion darauf, dass das Album bereits seit Anfang Dezember im Internet kursiere. Eine offizielle Ver\u00f6ffentlichung mit sch\u00f6ner H\u00fclle und Werbung solle im Laufe des Jahres erfolgen. Eine haarstr\u00e4ubende Firmenpolitik.<\/p>\n<p>Die Musik wirft ebenfalls Fragen auf. Sie ist ungeschliffen und weniger vielschichtig, als man es von Mos Def gewohnt ist. Die Rhythmen sind minimalistisch und kaum experimentell. <em>True Magic<\/em> ist eine konservative HipHop-Platte, so etwas macht heute kaum noch jemand, keine Gastauftritte befreundeter Rapper, keine aufgeblasene Produktion. Aber genau das scheint Mos Defs Talent zu sein. Seine Stimme ist melodi\u00f6s, das unspektakul\u00e4re und monotone Gewand stellt das heraus.<\/p>\n<p>Auf seinem letzten Album <em>The New Danger<\/em> kokettierte er noch mit pathetischen Rockkl\u00e4ngen. Die Besinnung auf seine St\u00e4rken klingt \u00fcberzeugend. Die St\u00fccke <em>Undeniable<\/em> und <em>Fake Bonanza<\/em> stechen heraus, <em>There Is A Way<\/em> ist ein optimistischer Hit. Andere St\u00fccke tr\u00e4gt er mit n\u00f6liger Stimme vor, sie klingen etwas lustlos und niedergeschlagen, wenig selbstbewusst.<\/p>\n<p><em>True Magic<\/em> ist eine Platte voller Fragen, sie ist pers\u00f6nlich und fordert zur Auseinandersetzung auf. Hoffentlich ist es nicht seine letzte, er hat angek\u00fcndigt, sich k\u00fcnftig auf seine Schauspielkarriere zu konzentrieren.<\/p>\n<p><em>\u201eTrue Magic\u201c von <a href=\"http:\/\/www.mosdefmusic.com\" target=\"_blank\">Mos Def<\/a> ist erschienen bei Geffen\/Universal<\/em><\/p>\n<p><em>Eigentlich sollten Sie hier das soeben f\u00fcr den Grammy nominierte St\u00fcck &#8222;Undeniable&#8220; zu h\u00f6ren bekommen. Die Plattenfirma Universal untersagte das mit dem Hinweis, &#8222;mit R\u00fccksicht auf den K\u00fcnstler&#8220; solle die Platte momentan nicht explizit beworben werden. Auf der <a href=\"http:\/\/www.mosdefmusic.com\/\" target=\"_blank\">Website des K\u00fcnstlers<\/a> kann man sich einmin\u00fctige Schnipsel verschiedener St\u00fccke anh\u00f6ren<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p>Lesen Sie hier: <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2006\/52\/tontraeger-2006\" target=\"_blank\">Die Platten des Jahres 2006 &#8211; Eine Nachschau auf 100 Tontr\u00e4ger<\/a><\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie HIPHOP<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/11\/13\/beseelt-hupfen-die-schmalzringe_235\">J Dilla: \u201eDonuts\u201c<\/a> (Stones Throw 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/06\/23\/sechs-freunde-sollt-ihr-sein_87\">Mocky: \u201eNavy Brown Blues\u201c<\/a> (Four Music 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/05\/24\/erfolg-ohne-knarre-an-der-schlafe_59\">Sway: \u201eThis Is My Demo\u201c<\/a> (All City Music 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=46\">Clueso: \u201eWeit weg\u201c<\/a> (Sony 2006)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\" target=\"_blank\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Plattenfirma Geffen hat offensichtlich wenig Interesse daran, dass jemand die neue Platte von Mos Def kauft: \u201eTrue Magic\u201c ist unsch\u00f6n verpackt und wird nicht beworben. 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