{"id":331,"date":"2007-03-07T00:39:54","date_gmt":"2007-03-06T22:39:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/03\/07\/weich-gebettet_331"},"modified":"2007-03-07T00:39:54","modified_gmt":"2007-03-06T22:39:54","slug":"weich-gebettet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/03\/07\/weich-gebettet_331","title":{"rendered":"Weich gebettet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der klassische Bassbariton Thomas Quasthoff  betritt Neuland: Er hat mit dem Trompeter Till Br\u00f6nner ein sehr vorsichtiges Jazz-Album aufgenommen<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><\/p>\n<div>\n<div style=\"float: left; margin-right: 6px\"><a class=\"textlink\" href=\"javascript:openme('http:\/\/apollo.zeit.de\/redirects\/cc.php?to=http:\/\/medien.zeit.de\/medialinks\/02-Watch-What-Happens.mov',400,200,'middle','quasthoff-watch');\"><img decoding=\"async\" style=\"border: 1px solid black\" alt=\"Quasthoff - Watch What Happens\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/03\/quasthoff-watch.jpg\" \/><\/a><\/div>\n<p>Ruhig hebt sich die tiefe Stimme, schl\u00e4gt einen weiten Bogen und schwebt f\u00fcr einen Moment dort, wo die Welt in ihrer Ganzheit sichtbar wird. Der Horizont ist aufgehoben, Grenzen \u00fcberwunden. Ein fl\u00fcchtiger Moment der Utopie. Dann sind die Begrenzungen wieder da, der enge Raum der Verletzlichkeit.<\/p>\n<p>Der Bassbariton Thomas Quasthoff ist Contergan-gesch\u00e4digt und mit dieser Behinderung durch sehr enge R\u00e4ume gegangen, durch R\u00e4ume der Zur\u00fcckweisung, des Spottes und der Scham. F\u00fcr sein erstes Jazz-Album hat er eine sehr pers\u00f6nliche St\u00fcckauswahl getroffen.<\/p>\n<p>Neben <em>They All Laughed<\/em> von George und Ira Gershwin, <em>Smile<\/em> von Charlie Chaplin und <em>In My Solitude<\/em> von Duke Ellington singt er <em>Ac-Cent-Tschu-Ate The Positive<\/em> oder Stevie Wonders <em>You And I. <\/em> Seine Themen sind Einsamkeit, Freundschaft, Liebe und das Prinzip Hoffnung. Quasthoff hat Ernst Blochs B\u00fccher gelesen und gelebt. Auch davon handelt die CD.<\/p>\n<p>Gef\u00fchlswelten werden durchschritten, und doch l\u00e4sst sich niemand wirklich fallen. Es ist f\u00fcr beide Seiten \u2013 den S\u00e4nger und auch seine Musiker \u2013 ein langsames Ertasten fremden Terrains. Der gro\u00dfe gegenseitige Respekt, aber auch die Vorbehalte sind da. Wie wird einer wie Thomas Quasthoff dem Jazz begegnen? Zu h\u00e4ufig sind derartige Projekte gescheitert, an der \u00dcberheblichkeit, aber auch an der mangelnden Kompetenz vieler Klassiker gegen\u00fcber dem Jazz. Die freie, nicht notierte Musik hat kein Sicherheitsnetz.<\/p>\n<p>Schon oft hat Thomas Quasthoff Jazz gesungen, zu Schulzeiten mit seinem Bruder und eigenen Bands, sp\u00e4ter auch auf gro\u00dfen Konzertb\u00fchnen. An eine Jazz-Studioaufnahme hat er sich bisher noch nicht gewagt. Das ist Neuland f\u00fcr ihn und seine Plattenfirma, die Deutsche Grammophon.<\/p>\n<p>Der Jazz-Trompeter und Produzent Till Br\u00f6nner ermutigte ihn. Br\u00f6nner engagierte den Pianisten Alan Broadbent f\u00fcr die Aufnahme und die Arrangements. Broadbent, Teil von Charlie Hadens Quartet West und musikalischer Leiter Diana Kralls, ist bereits mit zwei Grammys f\u00fcr seine Arrangements ausgezeichnet worden. Fr\u00fcher spielte er mit Chet Baker. Er liebt den sanften West-Coast-Stil. Mit seinen sparsamen und fl\u00e4chigen Bearbeitungen der Standards aus dem <em>Great American Songbook<\/em>  hat er Quasthoffs Album gepr\u00e4gt. Es ist die \u00c4sthetik der Melancholie, der scharrenden Lack-Scheiben eines Grammophons, ein St\u00fcck eingefrorene Zeit.<\/p>\n<p>Auch Br\u00f6nner spielt professionell und wei\u00df seine Klangfarben einzusetzen. Sch\u00f6n und eing\u00e4ngig sind seine rauchigen Akzente bei <em>Smile. <\/em> Doch sein Solo erstickt beinahe unter dem Streicherteppich des Deutschen Symphonie-Orchesters. Insgesamt folgt die Musik dem Gesang Quasthoffs, umspielt und akzentuiert ihn, ohne ihm eine Reibungsfl\u00e4che zu bieten. Das ist schade, denn das h\u00e4tte seine reiche und wandlungsf\u00e4hige Stimme weiter herausfordern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Der S\u00e4nger wird weich gebettet von Till Br\u00f6nner und Alan Broadbent. Auf der CD bleibt kein Raum zum Improvisieren, alles ist vorgegeben. Das h\u00e4tte nicht sein m\u00fcssen. Quasthoff ist, \u00fcber Genregr\u00e4ben hinweg, vor allem ein Virtuose. Es w\u00e4re spannend zu h\u00f6ren gewesen, wie er mit den sich \u00f6ffnenden R\u00e4umen umgeht, wie er die Grenzen \u00fcberschreitet. So bleiben es nur Momente, die erahnen lassen, was noch kommen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p><em>\u201eWatch What Happens\u201c von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.thomas-quasthoff.com\/\">Thomas Quasthoff<\/a> ist als CD erschienen bei Deutsche Grammophon<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>H\u00f6ren Sie hier <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/elemente\/tonicon_sw1_16x16.gif\" \/><a class=\"textlink\" href=\"javascript:openme('http:\/\/apollo.zeit.de\/redirects\/cc.php?to=http:\/\/medien.zeit.de\/medialinks\/02-Watch-What-Happens.mov',400,200,'middle','quasthoff-watch');\">\u201eWatch What Happens\u201c<\/a><\/em><\/p>\n<p><em>Lesen Sie hier, was <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/10\/interview-quasthoff\">Thomas Quasthoff im Interview<\/a> zu seiner neuen Platte sagt. <\/em><\/p>\n<p><a target=\"_blank\"> <\/a><a target=\"_blank\"> <\/a><a target=\"_blank\"> <\/a><a target=\"_blank\">&#8230;<\/a><\/p>\n<p><a target=\"_blank\"> <\/a><a target=\"_blank\"><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie JAZZ<\/strong><br \/>\n<\/a><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/02\/28\/bjork-und-dracula_327\">Michael Wollny: \u201eHexentanz\u201c<\/a> (ACT 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/02\/16\/ziemlich-kuhl_304\">Gil Evans: \u201eThe Complete Pacific Jazz Sessions\u201c<\/a> (Blue Note 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/01\/26\/keine-zeit-zu-verschwenden_288\">Sonny Rollins: \u201eSonny, Please\u201c<\/a> (Doxy 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/01\/15\/unterwegs-mit-moni_280\">Schlippenbach Trio: \u201eWinterreise\u201c<\/a> (Psi Records 2006)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/01\/08\/feuer-unter-kalten-fusen_275\">Grant Green: \u201eLive At Club Mozambique\u201c<\/a> (Blue Note 2006)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der klassische Bassbariton Thomas Quasthoff betritt Neuland: Er hat mit dem Trompeter Till Br\u00f6nner ein sehr vorsichtiges Jazz-Album aufgenommen Ruhig hebt sich die tiefe Stimme, schl\u00e4gt einen weiten Bogen und schwebt f\u00fcr einen Moment dort, wo die Welt in ihrer Ganzheit sichtbar wird. 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