{"id":3673,"date":"2009-10-02T15:01:25","date_gmt":"2009-10-02T13:01:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=3673"},"modified":"2009-10-05T10:58:39","modified_gmt":"2009-10-05T08:58:39","slug":"ibiza-braucht-schmutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2009\/10\/02\/ibiza-braucht-schmutz_3673","title":{"rendered":"Ibiza braucht Schmutz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einst stand Dizzee Rascal f\u00fcr Londons w\u00fctende Jugend und erfand den Grime. Auf seinem neuen Album spielt er nun den rappenden Entertainer.<\/strong><!--more--><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3681\" aria-describedby=\"caption-attachment-3681\" style=\"width: 210px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzeecover2101.jpg\" alt=\"Unser Audioplayer wird derzeit \u00fcberarbeitet\" title=\"dizzeecover210\" width=\"210\" height=\"210\" class=\"size-full wp-image-3681\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzeecover2101.jpg 210w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzeecover2101-150x150.jpg 150w\" sizes=\"auto, (max-width: 210px) 100vw, 210px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3681\" class=\"wp-caption-text\">Unser Audioplayer wird derzeit \u00fcberarbeitet<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Dizzee Rascal, das unerzogene Wunderkind aus Londons armen Osten, das in Interviews stolz seine Narben am K\u00f6rper zeigte, mit fiebrigem Wortfluss die Teenage-Angst und paranoide Wut des Au\u00dfenseiters auf den Punkt brachte und daf\u00fcr den begehrten Mercury-Award erhielt &#8211; dieser Dizzee macht jetzt Partymusik. Und zwar vors\u00e4tzlich. <\/p>\n<p>Drei Nummer-Eins-Hits hat der Rascal in Gro\u00dfbritannien hintereinander ausgeworfen, der aktuelle Titel <em>Holiday<\/em> ist besonders frech. Im Video r\u00e4keln sich Bikinifrauen am Pool, die Musik zitiert vulg\u00e4ren Ibiza-House. <em>Holiday<\/em> ist nicht mal mehr Pop. Das ist Musik f\u00fcrs Bierzelt.<\/p>\n<p>Noch 2003 sampelte Dizzee die eigene Playstation, klimperte auf billigen Synthesizern, legte verzerrte Beats darunter und deb\u00fctierte mit dem bemerkenswerten Album <em>Boy in da Corner<\/em>. Grime (Schmutz) nannte man diese herbe Musik damals, und der 18-j\u00e4hrige Dizzee war ihr herausragender Exponent. <\/p>\n<p>Jetzt l\u00e4sst er sich von den Edelproduzenten Armand van Helden, Tiesto und Calvin Harris assistieren. Er m\u00fcsste l\u00e4ngst die Fans der ersten Stunde verloren, den Zorn der britischen Musikpresse auf sich gezogen haben. Doch das ist nicht passiert. Denn Dizzee klingt auch im Mainstream noch gut, vielleicht sogar besser. So entstehen Stars.<\/p>\n<p>Der einst rohe Sound klingt jetzt zwar nach geschliffenem Edelplastik. Aber es sind immer noch kaum mehr als drei oder vier Spuren in jedem St\u00fcck. Sehr typisch auch, wie Dizzee Bass und Synthesizer einsetzt: die Synthesizer wie eine sp\u00e4te Zugabe, den Bass dagegen wie die Hauptsache, oft sogar wie eine Popmelodie. Die Basslinie etwa von <em>Dance Wiv Me<\/em> ist ein Geniestreich, der auch dem legend\u00e4ren Quincy Jones zur Ehre gereichen w\u00fcrde \u2013 die Neusch\u00f6pfung von Disko aus dem Geiste des Grime.<\/p>\n<p><figure id=\"attachment_3680\" aria-describedby=\"caption-attachment-3680\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzee540blog.jpg\" alt=\"\u00a9 Universal\" title=\"dizzee540blog\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-3680\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzee540blog.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2009\/10\/dizzee540blog-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-3680\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Universal<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Es ist ja immer das gleiche Dilemma, f\u00fcr einen &#8222;<em>cheeky boy<\/em>&#8220; aus Londons East End ebenso wie f\u00fcr den Gangster-Rapper aus der Bronx: Wenn man sich die Wut aus dem Leib rappt und dabei reich und ber\u00fchmt wird \u2013 wie geht\u2018s weiter? Man kann ja schlecht aus der Villa heraus vom Ghetto berichten. Noch dazu wenn man zwischenzeitlich erwachsen wurde. Dizzee Rascal nahm einen einleuchtenden Weg: Er machte aus dem &#8222;Rascal&#8220; einen Entertainer.<\/p>\n<p>Teils ironisch, teils clownesk, teils vulg\u00e4r kommt dieses Album daher, das nicht umsonst den doppelsinnigen Titel <em>Tongue n Cheek<\/em> tr\u00e4gt. Er wollte eine Platte machen wie Snoop Dogs optimistisches <em>Doggy Style<\/em>, sagt Dizzee. Aber mit seinen \u00fcberzogenen Texten und den Rollenwechseln zwischen Autobahnr\u00fcpel (<em>Road Rage<\/em>), Sexprotz (<em>Freaky Freaky<\/em>) und politisch bewegtem <em>conscious rapper<\/em> (<em>Can\u2018t Tek No More<\/em>) erinnert <em>Tounge<\/em> eher noch an Eminem. <em>Chillin Wiv Da Man<\/em>, Dizzees Hommage an den G-Funk der Neunziger Jahre, wirkt daher auch eher deplatziert. <\/p>\n<p>Geblieben ist Dizzees einzigartiger Flow. Wild und entspannt zugleich, mit gesteigertem Cockney-Akzent, gelingt es kaum jemand anderem, einen so hektisch-fl\u00fcssigen Wortschwall auszuspucken. Zu Beats, die oft mehr mit Elektro zu tun haben als mit Hiphop. &#8222;<em>I ain&#8217;t forcefull but I&#8217;m still hardcore<\/em>&#8222;, rappt Dizzee einmal, und sp\u00e4ter: &#8222;<em>It&#8217;s just entertainment, I do it for the pleasure<\/em>.&#8220; Damit ist das Feld abgesteckt, auf dem diese Musik spielt. Dass ein derart harscher Klang zum Popph\u00e4nomen wird, das hat es seit The Prodigys <em>Firestarter<\/em> nicht gegeben. Und damals war Rave-Musik noch in Mode.<br \/>\n<em><br \/>\n&#8222;Tongue n Cheek&#8220; von <a href=\"www.dizzeerascal.co.uk\/\">Dizzee Rascal<\/a> ist erschienen bei Universal.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst stand Dizzee Rascal f\u00fcr Londons w\u00fctende Jugend und erfand den Grime. 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