{"id":4833,"date":"2010-03-01T15:33:53","date_gmt":"2010-03-01T14:33:53","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=4833"},"modified":"2010-03-01T15:33:53","modified_gmt":"2010-03-01T14:33:53","slug":"hindi-zahra","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/03\/01\/hindi-zahra_4833","title":{"rendered":"Manu Chao trifft Portishead"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die junge Hindi Zahra sch\u00f6pft aus Pop, Chanson, Jazz und verbindet sie mit marokkanischen Elementen. &#8222;Handmade&#8220; hei\u00dft ihr sonniges Deb\u00fctalbum.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_4838\" aria-describedby=\"caption-attachment-4838\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/hindi540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/hindi540.jpg\" alt=\"\" title=\"hindi540\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-full wp-image-4838\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/hindi540.jpg 500w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/hindi540-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-4838\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 EMI<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Amorphe gelbe Blobs schweben durch eine multikulturelle Welt. Wer sie sieht, l\u00e4chelt: die Halbstarken auf dem abgetretenen Bolzplatz, die Asiaten in der Autowerkstatt, der Latino-Wachmann am Gittertor, der kleine schwarze Junge auf dem Balkon eines Wohnblocks, die kraushaarigen Sch\u00f6nheiten im Afro-Frisiersalon, die Inderin auf dem Markt. Am Ende vereinigen sich die gelben Wabbels zu einem gro\u00dfen: <em>Yes!<\/em><\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud824904480902\"><\/div>\n<p>Es ist ein <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=lbt0m7ae5Ew\">Werbespot f\u00fcr Western Union<\/a>, und die Musik dazu kommt von Hindi Zahra. Western Union transferiert Geld \u00fcber Grenzen; die Werbung richtet sich vor allem an Arbeitsmigranten, Auslandsstudenten und andere Praktiker der Globalisierung. Der 46-Sekunden-Clip, gedreht in Kapstadt, zeigt ihre Welt, keine Werbespotglamourszenerie. <\/p>\n<p>Dazu empfiehlt Zahra in dem Song <em>Stand Up<\/em>, auf den eigenen zwei Beinen zu stehen \u2013 nicht im Bob Marley&#8217;schen Revolutionsgestus, sondern ganz profan und allt\u00e4glich; es geht eigentlich um einen Lover, der andauernd mit seinen falschen Freunden in den Kneipen abh\u00e4ngt und daheim bemuttert werden m\u00f6chte. Das schwingt irgendwie weltweit, leicht karibisch, in jedem Fall sonnig. <\/p>\n<p>Das britische Magazin <em>The Wire<\/em> hat Hindi Zahra mal als Symbiose aus <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2010-01\/django-reinhardt-100\">Django Reinhardt<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2009\/29\/billie-holiday\">Billie Holiday<\/a> bezeichnet, lange, bevor es ihre Musik zu kaufen gab. Naja: Um in Zahras Gitarrenspiel Ankl\u00e4nge an Djangos Gypsy-Jazz h\u00f6ren zu wollen, muss man schon ganz sch\u00f6n frei assoziieren. Die Stimme von Lady Day ist allerdings wirkliche nicht weit. <\/p>\n<p>Aber wenn wir schon &#8222;X gekreuzt mit Y&#8220; spielen, dann nehmen wir doch mal <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/37\/Manu-Chao\">Manu Chao<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/17\/Portishead\">Portishead<\/a> minus Elektronik: Schwerm\u00fctige Nebel verh\u00e4ngen eine global inspirierte Szenerie, ged\u00e4mpfte Kl\u00e4nge \u00fcberraunen afrowurzelige Rhythmen, der Gesang schlurft eher, als dass er t\u00e4nzelte. Die PR-Agenten sprechen vom &#8222;Gef\u00fchl wohltuender Gravit\u00e4t&#8220;.<\/p>\n<p>Nun w\u00e4re wohl Zeit, um \u2013 wie bei nichteurop\u00e4ischen K\u00fcnstlern \u00fcblich \u2013 \u00fcber den Zusammenhang zwischen Zahras Herkunft und ihrer Musik zu spekulieren. Von wegen &#8222;Schwere der Felsbrocken des Atlasgebirges&#8220;, &#8222;Tr\u00e4gheit im Sonnenglast&#8220; oder so. Na gut, wenn&#8217;s sein muss. Die Musikerin wurde vor 30 Jahren in der marokkanischen Provinzstadt Khouribga geboren, auf halbem Wege zwischen dem Atlas und Casablanca. Ihr Vater, l\u00e4sst die Plattenfirma wissen, &#8222;war beim Milit\u00e4r, ihre Mutter eine im Ort beliebte Gelegenheitsschauspielerin und S\u00e4ngerin&#8220;. Zur Verwandtschaft h\u00e4tten etliche Musiker gez\u00e4hlt, die &#8222;jene psychedelische Musik der Berber spielten, die man landl\u00e4ufig als <em>Desert Rock&#8217;n&#8217;Roll<\/em> bezeichnet&#8220;. <\/p>\n<p>Tut man das? Berber, um mal politisch korrekt klugzuschw\u00e4tzen, ziehen es vor, sich Imazighen (im Singular Amazigh) zu nennen, in Frankreich auch mal Kabylen, obwohl das genau genommen wieder eine Unterethnie ist. Bei der in Zahras Geburtsgegend ans\u00e4ssigen Volksgruppe handelt es sich genau genommen um Chleuh. Und <em>Desert Rock&#8217;n&#8217;Roll<\/em> gibt es, au\u00dfer im Promo-Text zu Zahras Album, nur im S\u00fcden der USA.<br \/>\nPsychedelisch immerhin stimmt. Ein gro\u00dfer Teil der nordafrikanischen Musik kommt aus rituellen Zusammenh\u00e4ngen und hat oft tranceartige Stilelemente: repetitive Patterns, hypnotische Rhythmen, beschw\u00f6rende Chants, wie in Zahras <em> Kiss And Thrills<\/em> nachhallen. <\/p>\n<p>Doch die afrikanischen Wurzeln machen nur einen Teil des Erbes aus, von dem Zahra zehrt. Mit ihrem Vater siedelte sie in jungen Jahren nach Paris \u00fcber, bekam mit 18 Jahren einen Job im Louvre. &#8222;Das war mein gro\u00dfes Treffen mit der Kunst&#8220;, l\u00e4sst sie sich zitieren, &#8222;als Kind war ich nachdenklich und eng mit der Natur verbunden. Die Gem\u00e4lde haben bei mir ganz \u00e4hnliche Empfindungen ausgel\u00f6st&#8220;. Chansons muss sie auch viele geh\u00f6rt haben in dieser Zeit; diesen Geist atmen die Lieder fast alle. <\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud188328107437\"><\/div>\n<p>Als Vorbilder zitiert Zahra drei, wie sie sagt, <em>divas of sadness<\/em>, G\u00f6ttinnen der Traurigkeit:  die \u00c4gypterin Oum Kalthoum, das peruanische F\u00fcnf-Oktaven-Wunder <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/45\/yma-sumac-ist-tot\">Yma Sumac<\/a> und Ella Fitzgerald. \u00dcberhaupt der Jazz, &#8222;der einzige Ort, wo ich die Noten meiner Heimat heraush\u00f6re. Jazz kommt kreativer Freiheit gleich. Das ist einfach eine gro\u00dfartige Schule&#8220;. Die Nachhilfe gab in London, wo Zahra au\u00dfer in Marokko, Paris und Br\u00fcssel zeitweise lebt, der Gitarrist <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/07\/03\/wie-sandfarbener-samt_92\">Fink<\/a> alias Finian Greenall, der Blues und Folk mit Dub und Triphop vereint.<\/p>\n<p><em><a href=\"http:\/\/vids.myspace.com\/index.cfm?fuseaction=vids.individual&#038;videoid=102383540\">Beautiful Tango<\/a><\/em> hei\u00dft der Einstieg, ist aber gar kein Tango. Es folgen: ein reggaehafter Mix von <em>Stand Up<\/em>. <em>Oursoul<\/em> (was nicht etwa Englisch f\u00fcr &#8222;unsere Seele&#8220; ist, sondern &#8222;Verflossene&#8220; bedeutet in Tamazight, der Sprache der Kabylen im Mittel-Atlas, und dem Vernehmen nach von Zwangsehen handelt). Das schwingende <em>Fascination<\/em>. Der Delta-Blues-Bastard <em>Set Me Free<\/em>. Das dezent tanzbare <em>Imik Si Mik<\/em>. Das jazzballadeske <em>Don&#8217;t Forget<\/em>. Das geisterhafte <em>Old Friends<\/em> am Ende. Ihre Texte hat Hindi Zahra in teilweise eigenwilligem Englisch und in Tamazight geschrieben, und selbst produziert hat sie das Album auch. Die elf Songs des mit 40 Minuten \u00fcberschaubaren Deb\u00fctalbums vermischen also ganz viele Einfl\u00fcsse \u2013 behalten aber immer einen eigenen Tonfall. <\/p>\n<p><em>&#8222;Handmade&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.hindi-zahra.com\/\">Hindi Zahra<\/a> ist erschienen bei EMI.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die junge Hindi Zahra sch\u00f6pft aus Pop, Chanson, Jazz und verbindet sie mit marokkanischen Elementen. &#8222;Handmade&#8220; hei\u00dft ihr sonniges Deb\u00fctalbum. Amorphe gelbe Blobs schweben durch eine multikulturelle Welt. 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