{"id":5021,"date":"2010-03-22T16:32:29","date_gmt":"2010-03-22T15:32:29","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=5021"},"modified":"2010-04-23T16:23:51","modified_gmt":"2010-04-23T14:23:51","slug":"nom-de-guerre","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/03\/22\/nom-de-guerre_5021","title":{"rendered":"Geht&#8217;s noch pathetischer?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ausgerechnet im Zeitalter der Einzel-Downloads liefern Nom de Guerre aus Schweden ein Konzeptalbum. Ihr stilbewusster Pop verbindet Musik, Kunst und Mode.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5031\" aria-describedby=\"caption-attachment-5031\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/guerre540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/guerre540.jpg\" alt=\"\" title=\"guerre540\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-full wp-image-5031\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/guerre540.jpg 500w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/03\/guerre540-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5031\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Tapete Records<\/figcaption><\/figure><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<p>Konzepte! Wir brauchen Konzepte! Alles ist so un\u00fcbersichtlich geworden, die Informationsflut erdr\u00fcckend. Kultur, Gesellschaft, Interaktion \u2013 ein riesiges Zeichenwirrwarr. Von der Musik ganz zu schweigen. Da w\u00e4re es hilfreich, g\u00e4be es mehr Struktur, ein paar Leitf\u00e4den, Anhaltspunkte, etwas Ordnung der Dinge. <\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud240310032113\"><\/div>\n<p>Seltsam, dass ausgerechnet eine schwer begreifliche, informations- und zeichensatte Band wie <a href=\"http:\/\/www.nomdeguerre.net\/\">Nom De Guerre<\/a> helfen will. Die drei Schweden mit dem kriegerischen Namen haben eine Platte geschaffen, die die H\u00f6rer in eine g\u00e4nzlich abseitige Welt entf\u00fchrt. <\/p>\n<p>Da ist selbst der volumin\u00f6se Bombastrockbegriff Konzeptalbum nicht zu abgegriffen. Denn <em>Love Thy Neighbour<\/em>, der Nachfolger ihres unbeachteten Deb\u00fcts <em>La La La<\/em> (2007), erz\u00e4hlt eine Geschichte, fast einen Roman, wenngleich einen sehr kurzen. <\/p>\n<p>Es geht um ein Liebespaar, das sich auseinander gelebt hat. So weit, so un\u00fcberbr\u00fcckbar, dass ihr Zusammensein in loser Abfolge aus Hingabe, Verzweiflung, Eifersucht, Intrigen, Durchhaltewillen und Hoffnungslosigkeit zu einer Viereckssituation eskaliert, bis einer dran glauben muss: Mord! Ein abschlie\u00dfender Gesang von Schuld und S\u00fchne inklusive.<\/p>\n<p>Das ist im Detail nicht sonderlich tiefgr\u00fcndig, gewiss. Eher Reiselekt\u00fcre als Weltliteratur und bei aller Leidenschaft inhaltlich vorhersehbar. Aber <em>Love Thy Neighbour<\/em> erz\u00e4hlt seine kleine <em>Amour fou<\/em> ganz im Einklang mit der Musik ringsum, einer wunderbar elegischen Reminiszenz an die aufgeladenen Rockopern der ausgehenden Siebziger im \u00dcbergang zum New Wave.<\/p>\n<p>Die Lieder folgen einer Struktur, zwischen Ende des einen und Anfang des n\u00e4chsten liegt gro\u00dfe Spannung, gekittet von perfekt abgestimmtem Sound voller Geigen und Samples, Klaviaturen, Basssoli, Zweit- bis Viertstimmen. &#8222;<em>Nothing is quite what it seems<\/em>&#8222;, erkl\u00e4rt Hector de Guerre im ohrwurmtauglichen <em>Everybody Knows<\/em>&#8220; zum Einstieg und gibt damit den Interpretationsrahmen seines Singspiels vor. &#8222;<em>Could life be more pathetic?<\/em>&#8220; fragt er zum blutigen Finale und nennt die Antwort selbst: Immer! <\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist <em>Love Thy Neighbour<\/em> nicht nur ein harmonies\u00fcchtiges, zitierfreudiges, bildgewaltiges Opus klanglichen \u00dcberflusses, es ist auch Teil eines \u00fcbergeordneten Projektes. Alles an dieser Band ist Kunst. Die Berliner Designerin Sandra Tebbe illustriert das Album mit einem 53-seitigen Bildband: visualisierte Liedtexte, Malereien im Art-Brut-Stil, wilde Collagen, k\u00e4uflich zu erwerben bei Konzerten zun\u00e4chst, wo das Artwork wohl Teil aufw\u00e4ndiger Projektionen sein wird. Ausstellungen sind l\u00e4ngst geplant, ein Kurzfilm sowieso. Und passend zum gitarrenlos barocken, aber digital \u00fcberarbeiteten Sound tragen Nom de Guerre opulente B\u00fchnenkost\u00fcme irgendwo zwischen Rokoko und Bauhaus. &#8222;Matator trifft Seemann trifft Star Trek&#8220; beschreibt der Bassist seine Kollektion. Louis de Guerre ist sein Name, wie jener des Schlagzeugers George de Guerre ein Artefakt.<\/p>\n<p>Kunst, Konzept, Prozess \u00fcberall. Und das ausgerechnet in Zeiten des <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2010-03\/pink-floyd-emi-pro\">Single-Track-Downloads<\/a>, in denen Platten keine stimmigen, geschlossenen Werke mehr sein m\u00fcssen, sondern Kompilationen isoliert abrufbarer Einzelware. Denn auch das ist die Gegenwart: Sie mag immer komplexer werden, ergr\u00fcndeter, unfassbarer, global vernetzt und ausgelotet bis in die letzten Winkel; die musikalische Antwort darauf wirkt simplifiziert. Jeder Sechstkl\u00e4ssler kann daheim einen Charterfolg landen, Pop entsteht im Cyberspace, nicht in Prober\u00e4umen, seine Zeichen sind Zeichen anderer Zeichen, die l\u00e4ngst nur noch gefunden, statt entdeckt werden wollen.<\/p>\n<p>Da ein Handwerk wie <em>Love Thy Neighbour<\/em> so antizyklisch wie die R\u00fcckbesinnung von Nom de Guerre auf gro\u00dfe konzeptionelle Epen von Led Zeppelins <em>The Song Remains the Same<\/em> \u00fcber <em>Tommy The Who<\/em> und die <em>Rocky Horror Show<\/em> bis hin zu <em>Stop Making Sense<\/em> von den Talking Heads oder den fr\u00fchen Queen im Ganzen. Nur mit viel mehr Selbstironie und Nonchalance als die alten Rockheroen. Leichtf\u00fc\u00dfiger, prononcierter, gesanglicher, bei all den Schulterblicken zutiefst modern und weit weniger kopistisch als Reanimierungsversuche von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2004\/09\/The_Darkness\">The Darkness<\/a> oder den<a href=\"http:\/\/www.scissorsisters.com\/\"> Scissor Sisters<\/a>.<\/p>\n<p>Wie bei jedem Konzept braucht es nur etwas Zeit, bis sich die Komplexit\u00e4t erschlie\u00dft. Die pophymnische Single <em>Run Run Run<\/em>, die ergreifende Ballade <em>Dear Mr. Writer<\/em> oder das Look-Sharp-Ged\u00e4chtnis-St\u00fcck <em>Murder On Demand<\/em> (mit <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/09\/15\/schuhkauf-hilft-immer_166\">Soffy O.<\/a>) m\u00f6gen zwar auch isoliert funktionieren, aber wer <em>Love Thy Neighbour<\/em> dreimal im Ganzen h\u00f6rt, wird die Macht des Plans begreifen. Die Geduld lohnt sich.<br \/>\n<em><br \/>\n&#8222;Love Thy Neighbour&#8220; von Nome de Guerre ist erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.tapeterecords.de\/index.php?id=679\">Tapete Records<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ausgerechnet im Zeitalter der Einzel-Downloads liefern Nom de Guerre aus Schweden ein Konzeptalbum. 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