{"id":506,"date":"2007-08-29T13:30:11","date_gmt":"2007-08-29T11:30:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/29\/die-welt-als-scheibe_506"},"modified":"2010-03-29T10:13:20","modified_gmt":"2010-03-29T08:13:20","slug":"die-welt-als-scheibe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/29\/die-welt-als-scheibe_506","title":{"rendered":"Die Welt als Scheibe"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Yesterdays New Quintet klingt wie eine echte Band. Vielleicht entsteht seine Musik in staubigen Gem\u00e4chern? Nein, sie ist nur ein groovendes Hirngespinst im Universum.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Yesterdays New Quintet Yesterdays Universe\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/07\/yesterdays-universe200.jpg\" \/><\/div>\n<p>New York im Jahr 1978: Die Dilettanten halten Einzug in den Jazz. Eine Gruppe von K\u00fcnstlern betritt die B\u00fchne, sie nennen sich Lounge Lizards, Salonl\u00f6wen. Dabei sind sie eigentlich Punks. Links kr\u00fcmmt sich ein Hungerhaken mit Hornbrille und verdrischt seine Gitarre, Arto Lindsay hei\u00dft er. In der Mitte steht der Chef, ein zweitklassiger Saxofonist namens John Lurie. Er ist gut angezogen. Der Jazz hat gerade die lange Periode der Fingerfertigkeit durchlebt, Fusion-Jazz und Jazzrock haben ihn technisch perfektioniert. Die Lounge Lizards bringen die Abenteuerlust zur\u00fcck in den Jazz. Sie prahlen nicht mit ihren k\u00fcnstlerischen F\u00e4higkeiten, sondern machen Fake Jazz. F\u00e4lscher wollen sie sein, Ant\u00e4uscher. Drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter sind sie keine Faker mehr, Zeit lehrt Instrument. John Lurie schreibt heute Filmmusiken.<\/p>\n<p>Oxnard, Kalifornien, im Jahr 2007. Der HipHop-Produzent Madlib arbeitet besessen in seinem Studio, er verl\u00e4sst es selten, gibt keine Interviews. Jedes Jahr ver\u00f6ffentlicht er rund zehn Alben unterschiedlicher Klangfarben. Niemand wei\u00df, was er im Studio treibt, bis er es in die Welt schickt: HipHop mit indischen Bollywood-Samples, Raps mit Heliumstimme, Basslastiges f\u00fcr die Clubs, Deep-House. Madlib nennt sich Universalist. Seine Lust an der T\u00e4uschung und am Abenteuer verbinden ihn mit den Lounge Lizards.<\/p>\n<p>Seit ein paar Jahren gibt es auch Platten seines Jazzprojekts Yesterdays New Quintet. Die Musik bewegt sich zwischen FreeJazz und Bossa Nova. Elektrisch und groovig sucht das Quintett die N\u00e4he zum HipHop und seinen Bassfrequenzen. Es klingt nach Livemusik, unmittelbaren Sessions aus staubigen Gem\u00e4chern, erdig und nie entspannt. Madlib und seine Band streben Richtung All, entr\u00fcckte Synthesizer weisen den Weg. Das hat im FreeJazz Tradition. Ant\u00e4uschend echt.<\/p>\n<p>Auf den ersten Blick ist das neue Album <em>Yesterdays Universe<\/em> eine Kompilation mit St\u00fccken des Yesterdays New Quintet und vieler Gastmusiker. Das Otis Jackson Jr. Trio interpretiert <em>Bitches Brew<\/em> von Miles Davis. Das Last Electro-Acoustic-Space Jazz &#038; Percussion Ensemble widmet seinen Beitrag der Monica Lingas Band. Die wiederum hat keine MySpace-Seite. Ein sicheres Indiz daf\u00fcr, dass es sie nicht gibt. Aber was ist schon sicher im <em>Yesterdays Universe?<\/em><\/p>\n<p>Soviel auf jeden Fall: Das Yesterdays New Quintet ist ein Hirngespinst. Die beteiligten Musiker Monk Hughes, Joe McDuphrey, Ahmad Miller und  Malik Flavors gibt es nicht. Sie sind die virtuellen Bandkollegen von Otis Jackson Jr., so hei\u00dft Madlib b\u00fcrgerlich. Nichts ist live eingespielt, alles wird im Studio montiert. Madlib spielt die meisten Instrumente selbst, solide aber nicht virtuos. Nur die renommierten Schlagwerker Karriem Riggins und Mamao sind auch aus Fleisch und Blut. Mit ihrem neuen Album <em>Yesterdays Universe<\/em> w\u00fcrden sich Yesterdays New Quintet aufl\u00f6sen, hei\u00dft es. Die Musiker wollten Soloprojekte verfolgen. Diese(r) Spinner!<\/p>\n<p>Madlib gew\u00e4hrt Einblicke in sein Universum, und unsere K\u00f6pfe drohen zu platzen. Am Ende ist die Erde vielleicht doch blo\u00df eine Scheibe. Und vielleicht steht sie schon in unseren Plattenschr\u00e4nken. Madlib sitzt derweil im Studio und arbeitet an der n\u00e4chsten \u00dcberraschung.<\/p>\n<p><em>\u201eYesterdays Universe\u201c vom <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/madlib\" target=\"_blank\">Yesterdays New Quintet<\/a> ist erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.stonesthrow.com\/\" target=\"_blank\">Stones Throw Records<\/a><\/em>.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie JAZZ<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/24\/vierzig-jahre-spater_501\">Charles Mingus: \u201eAt UCLA\u201c<\/a> (Emarcy\/Universal 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/20\/implosives-nachspiel_500\">Aki Takase &#038; Silke Eberhard: \u201eOrnette Coleman Anthology\u201c<\/a> (Intakt Records 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/13\/wo-ist-der-takt_498\">Vijay Iyer &#038; Rudresh Mahanthappa: \u201eRaw Materials\u201c<\/a> (Pi Recordings\/Sunny Moon 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/06\/transatlantische-menage_493\">Diverse: \u201eJazz in Paris\u201c<\/a> (Emarcy\/Verve 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/30\/junger-des-goldenen-russels_477\">David S. Ware: \u201eRenunciation\u201c<\/a> (AUM 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Yesterdays New Quintet klingt wie eine echte Band. Vielleicht entsteht seine Musik in staubigen Gem\u00e4chern? Nein, sie ist nur ein groovendes Hirngespinst im Universum. New York im Jahr 1978: Die Dilettanten halten Einzug in den Jazz. Eine Gruppe von K\u00fcnstlern betritt die B\u00fchne, sie nennen sich Lounge Lizards, Salonl\u00f6wen. Dabei sind sie eigentlich Punks. 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