{"id":51,"date":"2006-05-19T00:53:23","date_gmt":"2006-05-18T22:53:23","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/05\/19\/wahrend-das-ruhrei-leise-schmort_51"},"modified":"2006-05-19T00:53:23","modified_gmt":"2006-05-18T22:53:23","slug":"wahrend-das-ruhrei-leise-schmort","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/05\/19\/wahrend-das-ruhrei-leise-schmort_51","title":{"rendered":"W\u00e4hrend das R\u00fchrei leise schmort"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das schottisch-deutsche Trio Music A.M. verbindet elektronische \u00c4sthetik mit einem fast nostalgischen Sinn f\u00fcr Musikgeschichte<\/strong><\/p>\n<p><\/p>\n<div>\n<div style=\"border: 1px solid black; float: left; margin-right: 6px\"><img decoding=\"async\" alt=\"Music A.M.\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2006\/05\/musicam.jpg\" \/><\/div>\n<p>Der franz\u00f6sische Komponist Erik Satie komponierte seine <em>Musique Ameublement<\/em> zwischen 1917 und 1920 als akustischen Hintergrund f\u00fcr bestimmte R\u00e4ume. So allt\u00e4glich wie \u201edas Licht, die W\u00e4rme\u201c sollte die Musik wirken \u2013 zum Zuh\u00f6ren war sie eigentlich nicht gedacht. Doch Satie machte einen Fehler: Er komponierte seine kreisenden Muster so ber\u00fcckend sch\u00f6n, dass ihnen die Menschen bis heute and\u00e4chtig lauschen.<\/p>\n<p>Kreisende Muster gibt es auch bei Music A.M., loopbasierte Tracks nennt man so etwas heute. Deren Funktion geht schon aus dem Projektnamen hervor, f\u00fcr den Vormittag sind sie gedacht. Doch anders als bei Satie, der wiederholt und vergeblich auf seine urspr\u00fcngliche Absicht hinwies, geht das Konzept bei Music A.M. geradewegs auf. Seit Wochen bereits ist der tragbare CD-Player in meiner K\u00fcche mit <em>Unwound From The Wood<\/em> best\u00fcckt. Immer wieder kommt es zu Momenten gro\u00dfer R\u00fchrung, w\u00e4hrend das R\u00fchrei leise schmort.<\/p>\n<p>Die Musik des schottisch-deutschen Trios ist frei von Pathos. Sie scheint wie nebenbei komponiert, und man bemerkt sie erst, wenn sie schon unter der Haut ist. Zun\u00e4chst nisten sich die gem\u00e4chlich pulsierenden Beats und tieffrequenten Bassl\u00e4ufe ein, dann verstr\u00f6men getragene Bl\u00e4sers\u00e4tze ein Gef\u00fchl von Vertrautheit. Schlie\u00dflich sind es Luke Sutherlands sehns\u00fcchtig gehauchte Textpassagen, die den ersten Kaffee zu einem Erlebnis au\u00dferhalb von Raum und Zeit machen. Dergestalt verstreichen die Tage.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re nicht verkehrt, Music A.M. eine Allstar-Band zu nennen. Schon seit Mitte der neunziger Jahre bereichern Luke Sutherland, Stefan Schneider und Volker Bertelmann die subkulturelle Musiklandschaft mit Projekten wie To Rococo Rot, Hauschka und Long Fin Killie. Gerade eben hat Schneider als Mapstation eine Platte voll reduzierter Rhythmusstudien ver\u00f6ffentlicht, Sutherland ist inzwischen ein angesehener Romancier. Der kleinste gemeinsame Nenner all ihrer \u00c4u\u00dferungsformen ist eine Abneigung gegen Klischees jeglicher Art.<\/p>\n<p>Auf <em>Unwound From The Wood<\/em> trifft elektronische \u00c4sthetik auf einen fast nostalgischen Sinn f\u00fcr Musikgeschichte. Dazu passt, dass Sutherland in <em>Stars On 45<\/em> ein gro\u00dfes Gef\u00fchl mit der Zeit verkn\u00fcpft, als man noch Singles auf seinen Plattenspieler legte. Je genauer man hinh\u00f6rt, desto klarer sch\u00e4lt sich der doppelte Charakter dieser Platte heraus: Sie ist zugleich zeitlos und aktuell; sachlich, aber auch sexy.<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte dieses federleichte Gemisch in einer modischen Cocktail-Lounge laufen lassen, es w\u00fcrde sich als gedeckte Klangtapete sicherlich bew\u00e4hren \u2013 doch schade w\u00e4r&#8217;s um die sch\u00f6ne, tiefe Musik.<\/p>\n<p><em>\u201eUnwound From The Wood\u201c von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.music-am.de\/\">Music A.M.<\/a> ist als CD erschienen bei <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.quatermass.net\">Quartermass<\/a>\/Alive.<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p><em>H\u00f6ren Sie hier <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/elemente\/tonicon_sw1_16x16.gif\" \/> <a class=\"textlink\" href=\"javascript:openme('http:\/\/apollo.zeit.de\/redirects\/cc.php?to=http:\/\/medien.zeit.de\/medialinks\/musicam_stars.mov',400,200,'middle','musicam');\"><em>\u201eStars On 45\u201c<\/em><\/a> <\/em><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das schottisch-deutsche Trio Music A.M. verbindet elektronische \u00c4sthetik mit einem fast nostalgischen Sinn f\u00fcr Musikgeschichte Der franz\u00f6sische Komponist Erik Satie komponierte seine Musique Ameublement zwischen 1917 und 1920 als akustischen Hintergrund f\u00fcr bestimmte R\u00e4ume. 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