{"id":5273,"date":"2010-04-26T10:50:58","date_gmt":"2010-04-26T08:50:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=5273"},"modified":"2010-05-05T15:05:17","modified_gmt":"2010-05-05T13:05:17","slug":"lee-konitz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/04\/26\/lee-konitz_5273","title":{"rendered":"Den Swing drehen und wenden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Lee Konitz ist ein Denkmal des Jazz, gelassen blickt der 82-j\u00e4hrige Saxofonist auf die Welt. Davon zeugt sein Konzertmitschnitt &#8222;Live at the Village Vanguard&#8220;<br \/>\n<\/strong><br \/>\n<figure id=\"attachment_5275\" aria-describedby=\"caption-attachment-5275\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/04\/konitz540.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/04\/konitz540.jpg\" alt=\"\" title=\"konitz540\" width=\"500\" height=\"281\" class=\"size-full wp-image-5275\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/04\/konitz540.jpg 500w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/04\/konitz540-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 500px) 100vw, 500px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5275\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Enja<\/figcaption><\/figure><!--more--><\/p>\n<p>Gut abgehangen w\u00e4re stark untertrieben. Wenn Lee Konitz sein Saxofon ansetzt, wenn er in das Mundst\u00fcck bl\u00e4st, dann kommt da ein Ton, dem man sofort glaubt. Schrundig ist dieser Ton, voller Scharten und individueller Kanten, dabei zart und durchscheinend, gezeichnet von einem Leben und seinen Unw\u00e4gbarkeiten \u2013 ein Ton wie ein weiser, alter Mann, der mit jedem Jahr gelassener auf die Welt blickt. Und der, ohne die Stimme zu heben, die Aufmerksamkeit so sehr auf sich richtet, dass es nur noch darauf ankommt, einen Hintergrund zu finden, vor dem er am besten zum Leuchten kommt.<\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud925430134281\"><\/div>\n<p>Konitz ist ein Denkmal des Jazz, gute 60 Jahre sind vergangen, seit er mit dem Pianisten <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2006\/45\/D-Musikklassiker-45\">Lennie Tristano<\/a> im heimischen Chicago neue Improvisationstechniken ersann und sich in New York als eine der pr\u00e4genden Stimmen von Miles Davis\u2019 Capitol Orchestra ins Geschichtsbuch einschrieb. <\/p>\n<p><em>The Birth of the Cool<\/em> stand damals auf dem Programm, eine deutliche Grenzverschiebung zum Muskelspiel Charlie Parkers, das damals die Jazzszene dominierte. Konitz wollte etwas anderes: Sein musikalischer Forschergeist bezog sich auf die Melodie, seine Freiheit fand er im Spiel mit ihren motivischen Dimensionen, mit rhythmischen Akzentverschiebungen und mit der strukturierenden Kraft der Stille. Wo andere wie gehetzt durch die Oktaven rasten, verzichtete Konitz demonstrativ auf ausuferndes Girlandenwerk, auf vorgefertigte Licks und virtuosen Tand und irritierte sein Publikum und manchmal auch seine Spielpartner mit der Konsequenz, nur das zu spielen, was ihm einfiel, und sei es nicht mehr als: nichts.<\/p>\n<p>In dem K\u00f6lner Pianisten Florian Weber, dem US-Bassisten Jeff Denson und dem aus Israel stammenden Schlagzeuger Ziv Ravitz, die seit ihrer gemeinsamen Studienzeit in Boston als Trio zusammenspielen, hat Konitz, der zwanzig Jahre lang in K\u00f6ln lebte, Partner gefunden, die \u00fcber genug Eigensinn und Substanz verf\u00fcgen, ihn so stark unter Spannung zu setzen, dass er sie nun zu seinem &#8222;New Quartet&#8220; erkl\u00e4rt hat. &#8222;<em>The Lee Konitz idea in band format<\/em>&#8222;, lobt ein Journalist, den Konitz in den Liner-Notes zu <em>Live at the Village Vanguard<\/em> zitiert.<\/p>\n<p>Schnell versteht man, was gemeint ist: Wenn Ravitz zum Auftakt der CD, die 2009 in New York aufgenommen wurde, die Filzkl\u00f6ppel auf den Trommeln, die Melodie von <em>Cherokee<\/em> singen l\u00e4sst, wenn Denson mit dem Bogen ein j\u00fcdisches Traditional intoniert, wenn Weber in einem Solo das Anfangsmotiv von <em>I Remember You<\/em> umspielt, um sich anschlie\u00dfend mit der Band auf unbekanntes Terrain vorzutasten, dann entwickelt sich die Musik in gr\u00f6\u00dftm\u00f6glicher Freiheit, im Gegen\u00fcber von vier Musikern, die einander Raum lassen und die Melodie in Ehren halten, statt sie nach der Themenvorstellung zur Verwahrung abzugeben. Die den Swing drehen und wenden, ihn ausbremsen oder begradigen oder forcieren, um den Atem des Quartetts mit dem seines Publikums zu synchronisieren. Wenn schlie\u00dflich dieser unvergessliche Ton wieder ins Zentrum r\u00fcckt und Lee Konitz alle Ohren auf sein pers\u00f6nliches Zeit- und Raumma\u00df einpegelt, dann ist ohnehin alles gut.<\/p>\n<p><em>&#8222;Live at the Village Vanguard&#8220; vom Lee Konitz Quartett ist erschienen bei Enja\/edel kultur.<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Artikel wurde ver\u00f6ffentlicht in der ZEIT Nr. 15\/2010.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Lee Konitz ist ein Denkmal des Jazz, gelassen blickt der 82-j\u00e4hrige Saxofonist auf die Welt. 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