{"id":535,"date":"2007-09-26T12:05:25","date_gmt":"2007-09-26T10:05:25","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/09\/26\/madchenmusik-mit-falten_535"},"modified":"2007-09-26T12:05:25","modified_gmt":"2007-09-26T10:05:25","slug":"madchenmusik-mit-falten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/09\/26\/madchenmusik-mit-falten_535","title":{"rendered":"M\u00e4dchenmusik mit Falten"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Der Name der Band klingt nach elektronischer Fummelei. Doch aus dem Brockdorff Klang Labor swingt Pop, locker wie ein Faltenrock beim Tanz.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Brockdorff Klang Labor M\u00e4dchenmusik\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/09\/brockdorf-maedchenmusik200.jpg\" \/> <\/a><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=070926\/070926_1190796223-02&amp;var_mp3_artist=Brockdorff Klang Labor&amp;var_mp3_title=Frohe Schritte&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=070926\/070926_1190796223-01&amp;var_mp3_artist=Brockdorff Klang Labor&amp;var_mp3_title=Weiss, ich&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Drei junge Menschen aus Leipzig haben schon viel erlebt. Sie durchstreiften die Kulturwissenschaften und die Tanzdielen, die Musiktheorie und den Elektro-Feminismus, den Journalismus und die Informatik, die Poesie und das bunt gemischte Instrumentarium aktueller Popmusik.<\/p>\n<p>Das Brockdorff Klang Labor entstand in einer Wohngemeinschaft in der Leipziger Erika-von-Brockdorff-Stra\u00dfe, benannt nach einer Widerstandsk\u00e4mpferin im Nationalsozialismus. Nadja von Brockdorff nennt sich so schillernd wie bedeutungsschwer die S\u00e4ngerin und Gitarristin. Sergej Klang ist der Bastler der Rhythmen und Worten und gibt den singenden Sequenzer. Ekki Labor l\u00e4sst die Synthesizer und den Moog-Bass zwitschern und leiht seine Stimme dem Chor.<\/p>\n<p><em>M\u00e4dchenmusik<\/em> hei\u00dft die CD, frisch geht das Trio zu Werk. \u201eFrohe Schritte n\u00e4hern sich, singen zieht \u00fcber die Stadt\u201c, der Refrain des ersten St\u00fccks und das Vorw\u00e4rts aus der Rhythmusmaschine klingen nach Wandervogelbewegung und Jugendweihe. Doch es ist das wilde Nachtleben gemeint: \u201eIn Kellern voll Rauch marschiert der House \/ Brich mit mir den Rhythmus dieser Stadt&#8230; Und im Tanz, da sind wir eins \/ Und am Morgen wieder entzweit.\u201c Raffiniert sch\u00fcttelt das Trio den Staub aus allen historischen Andeutungen zu Diskorhythmen. Oder setzt sie, wie im St\u00fcck <em>Wenn du willst,<\/em> zu teils erfundenen Anekdoten neu zusammen. Im Auf und Ab der feierlichen Erwartungen und der Ern\u00fcchterung am Morgen danach spiegeln sich revolution\u00e4re Sehns\u00fcchte als modernes Trugbild, Pop und Glamour sind heute Aufbruch und Routine zugleich.<\/p>\n<p>Die leicht verworrene Alltagspoesie der Texte erg\u00e4be auf dem Papier vielleicht nicht viel mehr als Studentenlyrik, w\u00e4ren nicht auf der CD allerlei kuriose, im Originalton wiedergegebene Zitate und vor Selbstironie triefende Prologe und Zwischenrufe zu h\u00f6ren. \u201eAber dient denn da die Sprache noch als Kommunikationsmittel?\u201c, t\u00f6nt eine seri\u00f6se Stimme.<\/p>\n<p>Auch musikalisch ist das naive Schema der fiepsenden Kn\u00f6pfchenelektronik gepaart mit dem Charme funkenspr\u00fchender Chansonkunst nicht so unbedarft wie es scheint. Jedem glucksenden Plopp und Boing sitzt ein Schalk aus versteckten Kommentaren im Nacken. Um sie zu h\u00f6ren, muss man die CD ganz durchlaufen lassen, denn sie sind in den Leerlauf zwischen den St\u00fccken eingearbeitet. Und schnell sein, die Fetzen bekannter Melodien von Velvet Underground, Pulp, Stereolab fliegen am Ohr vorbei. Noch bevor entschieden ist, ob das gerade eben The Trashmen oder doch The Cramps waren, beginnt Nadja von Brockdorff schon vom <em>Breakfast for Cyborgs<\/em> zu singen: \u201eIch bin das Opfer, ich bin die Verfolger, ich bin sie \/ Im Zentrum meiner Ironie.\u201c<\/p>\n<p>In Anlehnung an Gilles Deleuzes Abhandlung <em>Le Pli (Die Falte)<\/em> k\u00f6nnte man diese Technik verborgener Zitate Plissee-Pop nennen. Die Drei vom Brockdorff Klang Labor b\u00fcgeln ihre Songs in Musikmaschinen zu gro\u00dfen Falten und kleinen R\u00fcschen, und darunter, in der Vertiefung, liegen die kurzen Gewebef\u00e4den alter Originale. Schlie\u00dflich lassen sie den Faltenwurf der Geschichte in ein Cover des <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/17\/unter-dem-doppeldeckerbus_496\" target=\"_blank\">The Smiths<\/a>-Hits <em>Some Girls Are Bigger Than Others<\/em> auslaufen.<\/p>\n<p>Im St\u00fcck mit dem Refrain <em>\u201eI kill the creatures in my alphabet\u201c<\/em> spuken die gerufenen Geister als Buchstaben- und Zahlensalat herum. Wie ein Denksportgenie, das sich Zahlen- oder Wortkombinationen in fig\u00fcrlichen Bildern merkt, scheucht Nadja von Brockdorff sie zur\u00fcck in eine alphabetische Ordnung. Inmitten einer d\u00fcsteren Zukunftsballade wiederum steckt der Vers &#8222;W\u00e4hl ein Klischee, wie die Welle im Delay&#8220;, als wolle die S\u00e4ngerin damit zusammenfassen, dass Pop nicht alles sei und elektronische Musik nicht die bessere Alternative und dass sowieso nur z\u00e4hle, was einen ber\u00fchrt. Eine trefflichere Retourkutsche auf Julis nervige Schlagerzeile \u201eDas ist die perfekte Welle\u201c wird es erstmal nicht geben.<\/p>\n<p>Neben Nadja von Brockdorffs Lady-Charme setzt Sergej Klang als zweiter S\u00e4nger seinen spitzfindigen Humor. In heiter absteigender Melodie zitiert er Altmeister Leonard Cohen: <em>&#8222;Let\u2019s sing another song boys, this one has grown old and bitter.&#8220;<\/em> Hier klingt es wie eine Aerobic-Anweisung gegen Depressionen. Auch im n\u00e4chsten Lied geht es bewegt zu, &#8222;Vorw\u00e4rts, seltsame H\u00f6hen, r\u00fcckw\u00e4rts, seltsame Tiefen&#8220;, und unterwegs ein Rap-Intermezzo.<\/p>\n<p>Das glitzernde Schlusslicht bildet das Titelst\u00fcck <em>M\u00e4dchenmusik,<\/em> die S\u00e4ngerin wirft sich im Duett mit <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2005\/35\/friebe\" target=\"_blank\">Jens Friebe<\/a> in ihr Element. Er textete hierf\u00fcr einen Eurodisco-Knaller der Gruppe Baxendale zum Kirmes-Schlager um, der einen das Fliegen im Kettenkarussell der Jugenderinnerung lehrt. Jens Friebe stellte auch den Kontakt zur Plattenfirma ZickZack her. Produziert wurde <em>M\u00e4dchenmusik<\/em> von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/25\/bg-levin\" target=\"_blank\">Tobias Levin<\/a>.<\/p>\n<p>Mitten in die historische Schwere eines Stadtbildes hinein proklamiert das Brockdorff Klang Labor eine Leichtigkeit des Seins, die sich hier und an \u00e4hnlichen Orten popkulturell nicht unbedingt aufdr\u00e4ngt. M\u00e4dchenmusik f\u00fcr alle Geschlechter, sie zaubert h\u00fcbsche Falten auf die Denkerstirnen und l\u00e4sst plissierte R\u00f6cke im Takt wippen.<\/p>\n<p><em>Das Album \u201eM\u00e4dchenmusik\u201c der Band <a href=\"http:\/\/www.brockdorff.com\/\" target=\"_blank\">Brockdorff Klang Labor<\/a> ist erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.zickzack3000.de\/\" target=\"_blank\">ZickZack<\/a><\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie ELEKTRONIKA<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/27\/von-etta-bis-ubermorgen_475\">Hot Chip: \u201eDJ Kicks\u201c <\/a> (!K7 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/18\/huter-des-feuerchens_463\">A Certain Frank: \u201eNowhere\u201c<\/a> (Ata Tak 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/06\/29\/musik-mit-umlaut_405\">\u201ePingipung Blows: The Brass\u201c<\/a> (Pingipung Records 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/06\/20\/duff-dak-mit-wumms_431\">Sally Shapiro: \u201eDisco Romance\u201c<\/a> (Klein Records\/ Diskokaine 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/06\/11\/was-der-apparat-noch-so-kann_426\">Apparat: \u201eWalls\u201c<\/a> (Shitkatapult 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Name der Band klingt nach elektronischer Fummelei. 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