{"id":539,"date":"2007-10-05T11:19:49","date_gmt":"2007-10-05T09:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/05\/kehle-und-seele-sind-eins_539"},"modified":"2011-08-31T12:50:59","modified_gmt":"2011-08-31T10:50:59","slug":"kehle-und-seele-sind-eins","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/05\/kehle-und-seele-sind-eins_539","title":{"rendered":"Kehle und Seele sind eins"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein weltreisender junger Amerikaner nennt sich Beirut und findet eine musikalische Heimat auf dem Balkan. Seine zweite Platte ist ein Poesiealbum voller Fernweh und Pirouetten.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Beirut The Flying Club Cup\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/09\/beirut-flying.jpg\" \/><\/div>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/10\/neukolln-sorge-dich-nicht_550\" target=\"_blank\">Manch einer bereitet sich im Hier und Jetzt ein warmes Nest, den Anderen zieht die Sehnsucht in die Welt hinaus<\/a>. Auch da drau\u00dfen im Unbekannten kann es sch\u00f6n sein, wartet doch allerorts Musik, die es zu entdecken gilt.<\/p>\n<p>Den jungen Zachary Condon aus Albuquerque, New Mexico trieb es schon als Sch\u00fcler in die Ferne: New York, Istanbul, Berlin, Amsterdam. Er musste Kl\u00e4nge sammeln in seinem t\u00f6nenden Herbarium. Dann trug er die Samen ins Elternhaus und sch\u00fcttete sie in seinem Heimstudio aus. Er sortierte sie 2006 in einem Album, nannte sich Beirut und die Platte <em>Gulag Orkestar<\/em>.<\/p>\n<p>Beirut brachte fremden Wind in die amerikanische Folk-Tradition. Seine Musik erz\u00e4hlte Geschichten aus der Alten Welt. Er schlug Schellenkranz und Trommel, zog das Akkordeon, zupfte die Ukulele, griff in die Klaviertasten und blies das Fl\u00fcgelhorn. Er sang von <em>Bratislava<\/em>, <em>Brandenburg<\/em> und <em>Postcards from Italy<\/em> \u2013 und all seine Lieder schwelgten in den rotweingetr\u00e4nkten Klangfarben des Balkans. Dort hat er eine musikalische Heimat gefunden.<\/p>\n<p>Beiruts Sehnsucht gilt nicht nur anderen L\u00e4ndern, sondern auch anderen, vergangenen Zeiten. Sein neues Album <em> The Flying Club Cup<\/em> ist inspiriert von einer gleichnamigen Fotografie, die 1910 in Paris entstand. Sie zeigt eine Gruppe von Hei\u00dfluftballons am Himmel vor dem Eiffelturm. Im Beiheft zur CD l\u00e4sst er franz\u00f6sische Geschichte wieder aufleben: Die Damen auf den historischen Aufnahmen tragen Charleston-Kleider, Fellstolen und Pagenfrisur. Die Herren geben sich im lockeren Kolonial-Chic, ihre Konversationen \u00fcber Napoleon, Montmartre, Fuchspelze und \u2013 wie k\u00f6nnte es anders sein \u2013 Reisefieber und Fernweh sind abgedruckt. Ein widerspr\u00fcchliches, welkes Frankreich, das hinter einem Sepiaschleier schlummert.<\/p>\n<p>Dies sind also die Bilder, die Beirut in sein zweites Album geklebt hat. Seine Musik klingt noch immer, als w\u00fcrde sie von einer rum\u00e4nischen Hochzeitskapelle gespielt, jetzt aber vor der Sacr\u00e9 Coeur. Zachary Condon liebt die Chansons von Jacques Brel, Charles Aznavour und Serge Gainsbourg. So ist das Ungest\u00fcme von <em>Gulag Orkestar<\/em> einer ausbalancierten Eindringlichkeit gewichen.<\/p>\n<p>Beiruts Melodien sind elegisch, melancholisch und so einfach, dass die Hochzeitsgesellschaft mitsingen kann. Bei aller Weltl\u00e4ufigkeit schafft er eine intime Atmosph\u00e4re. R\u00fchrend ist der Charme des Imperfekten: Wenn Condon und sein Gulag Orkestar \u2013 seine neunk\u00f6pfige Begleitband \u2013 <a href=\"http:\/\/flyingclubcup.com\/\" target=\"_blank\">sich versammeln, geht es nicht um makellose Intonation und exakte Rhythmen, sondern um Spielfreude<\/a>. Die Bl\u00e4ser und Streicher stimmen verstimmte Ch\u00f6re an, beschwingte Dreiertakte rasseln dahin. \u00dcber dem bunten Gemisch erhebt sich der Gesang Beiruts, inbr\u00fcnstig und gebrochen wie sein Trompetenspiel. Die Melodieb\u00f6gen flie\u00dfen aus ihm heraus und verschn\u00f6rkeln sich zu kleinen Melismen. Kehle und Seele sind eins.<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht, einzelne H\u00f6hepunkte auf <em>The Flying Club Cup<\/em> zu benennen. Das pluckernde <em>A Sunday Smile<\/em>, das im gro\u00dfen Unisono aufgeht, oder <em>The Penalty<\/em> in seiner mittelalterlichen Schlichtheit, das t\u00e4nzelnde <em>Nantes<\/em> oder das alkoholisierte <em>Forks And Knives (La F\u00eate)<\/em> &#8230; am Ende dreht die Welt Pirouetten im Rausch der Kl\u00e4nge, Melodien und Rhythmen.<\/p>\n<p>Beiruts Musik passt in alle Epochen und an alle Orte, denn sie ist ebenso universell verst\u00e4ndlich wie zeitlos \u2013 ein warmes Nest im Hier und Jetzt.<\/p>\n<p><em>\u201eThe Flying Club Cup\u201c von <a href=\"http:\/\/www.beirutband.com\/\" target=\"_blank\">Beirut<\/a> ist als CD und LP erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.4ad.com\/\" target=\"_blank\">4AD<\/a>\/Beggars Banquet<\/em>.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein weltreisender junger Amerikaner nennt sich Beirut und findet eine musikalische Heimat auf dem Balkan. Seine zweite Platte ist ein Poesiealbum voller Fernweh und Pirouetten. 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