{"id":541,"date":"2007-10-08T17:25:58","date_gmt":"2007-10-08T15:25:58","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/08\/whiskey-bier-und-keine-fuller_541"},"modified":"2012-10-04T15:41:09","modified_gmt":"2012-10-04T13:41:09","slug":"whiskey-bier-und-keine-fuller","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/08\/whiskey-bier-und-keine-fuller_541","title":{"rendered":"Whiskey, Bier und keine F\u00fcller"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch wenn dieses Lob gegen die zehn Gebote der Musikkritik verst\u00f6\u00dft: &#8222;Wasser kommt Wasser geht&#8220; von Captain Planet ist die beste deutsche Punkplatte seit Langem.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\">  <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/10\/planet-wasser.jpg\" \/> <\/a><\/div>\n<p>Vorgestern Abend in der Wunderbar, Westerstede. Mehr schlecht als recht m\u00fchen sich zwei lokale Bands auf der winzigen B\u00fchne ab. Die eine macht Hardrock, die andere hat gar keinen Stil. Ob man die hier kenne, frage ich meinen Stehtisch-Nachbarn. Hier in der Gegend schon, sonst eher nicht. \u201eAber die andere Band, die noch spielt, ist ziemlich bekannt, die kommen sogar aus Hamburg oder so.\u201c Sogar. In der nieders\u00e4chsischen Provinz steht Hamburg f\u00fcr Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Die andere Band hei\u00dft <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/21\/bg-matula\" target=\"_blank\">Captain Planet<\/a> und macht Punk mit deutschen Texten. Und Bekanntheit ist relativ. Vor zwei Jahren haben sie eine Vinylsingle mit vier Liedern ver\u00f6ffentlicht, <em>Unterm Pflaster der Strand<\/em>. Die erste Auflage von rund 600 St\u00fcck ist mittlerweile vergriffen, es wurde eine zweite gepresst. Sie spielen in kleinen L\u00e4den, die sind meistens voll. Auch in der Wunderbar dr\u00e4ngen sich 60, 70 Leute zwischen Bar und B\u00fchne. Vorne wird getanzt und mitgesungen, hinten trinkt man Whiskey und Jever vom Fass. Ein einzelner Punk im Publikum entspricht dem Klischee.<\/p>\n<p>Die vier Jungs auf der B\u00fchne tun es nicht, Punk ist heute nicht mehr die Kombination aus Musik und Mode, die er in den sp\u00e4ten Siebzigern war. Im Jahr 2007 ist man auch mit kurzen Haaren, T-Shirt, Jeans und Turnschuhen glaubw\u00fcrdig. Der Schlagzeuger Sebastian Habenicht hat heute Geburtstag, die Band hat offensichtlich riesigen Spa\u00df am Spiel und ist dem Publikum gegen\u00fcber ausgesprochen h\u00f6flich. Vielleicht weil es der letzte Auftritt einer dreiw\u00f6chigen Tour durch die Republik ist, vielleicht aber auch, weil die Musiker so betrunken sind, dass sie sich \u00fcberall wohlf\u00fchlen w\u00fcrden. Als einzige Band des Abends bringen sie wirklich Energie auf die B\u00fchne.<\/p>\n<p><em>Wasser kommt Wasser geht<\/em> ist das erste Album von Captain Planet. Und auch, wenn dieses Lob gegen mindestens zwei der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\/Themenseiten\/matzke\" target=\"_blank\">goldenen Gebote Volker Matzkes<\/a> verst\u00f6\u00dft: Es ist die beste deutsche Punkplatte seit Langem. Keines der elf St\u00fccke klingt unausgegoren oder kompromisshaft, <em>all killer, no filler<\/em> sagt man in England. Nicht dass der Deutschpunk daniederl\u00e4ge, viele gro\u00dfartige Platten entstanden in der letzten Zeit. Im Vergleich zu <em>Wasser kommt Wasser geht<\/em> haben sie aber alle ihre \u2013 kleinen \u2013 Schw\u00e4chen. Captain Planets Texte sitzen besser als die von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/turbostaat\" target=\"_blank\">Turbostaat<\/a>. Die Lieder sind noch druckvoller als <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/04\/20\/husum-gut_369\" target=\"_blank\">Matulas fabelhaftes Deb\u00fct <em>Kuddel<\/a><\/em>, der Gesang ausgefeilter als der auf <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/11\/01\/bis-die-nachbarn-klopfen_230\" target=\"_blank\">Duesenjaegers <em>Schimmern<\/a><\/em>, die Kompositionen sind feinsinniger als die von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/antitainment\" target=\"_blank\">Antitainment<\/a> oder Kommando Sonnenmilch. Auch die Produktion ist brillant.<\/p>\n<p>Arne von Twistern schreibt und singt kluge Texte, stellenweise schreit der Gitarrist Benni Sturm im Hintergrund die zweite Stimme. Sebastian Habenicht und Marco Heckler bauen mit Schlagzeug und Bass ein stabiles Ger\u00fcst, auf dem die beiden anderen sicher turnen. Die Gitarre malt originelle Melodien, immer wieder gibt es Tempowechsel und Br\u00fcche. Arne von Twisterns Worte sitzen, das ist das Besondere. Keine Zeile wird verschleppt, nirgendwo holpert der Vers. Gereimt wird ohnehin nicht. \u201eHeute Nacht hab\u2019 ich die Welt verstanden\u201c, ruft der S\u00e4nger, \u201eund sie mich\u201c. Seine Texte stecken voller Erinnerungen an vergangene Sommer, ans Unterwegssein, an Menschen und Orte. Er singt vom \u201eKopfkissen meiner Erinnerung\u201c, das ist keine Metapher, sondern sehr greifbar.<\/p>\n<p>Das St\u00fcck <em>Ohne Worte<\/em> tr\u00e4gt eine Beziehungskrise in den Wilden Westen: \u201eZw\u00f6lf Uhr mittags, am Ende der Stra\u00dfe scheint der Mond.\u201c Statt der Pistole umklammert seine linke Hand eine Bierflasche. Sie schweigen sich an: \u201eSieben Minuten ohne Worte, tausend Kilometer von deinem Mund zu meinem Ohr.\u201c Einen Gewinner gibt es nicht.<\/p>\n<p>Bei <em>Hols St\u00f6ckchen bitte<\/em> klingt die gesungene Melodie ein bisschen nach <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/28\/bg-nena\" target=\"_blank\">Nena<\/a>: \u201eJetzt suchen sie schon mit dem Hubschrauber nach dir, jeder Lichtkegel am Himmel, der gilt dir.\u201c  Aber das geht in Ordnung, denn wenn Nena ein Talent hat, dann sind es schlie\u00dflich die Melodien.<\/p>\n<p>Viele Texte entfalten etwas Poetisches, wenn man sie einfach nur mitliest &#8230;<\/p>\n<p>\u201eZwischen Himmel und Alster<br \/>\nEin sch\u00e4umendes Meer<br \/>\nEin Fu\u00dfballplatz im Hinterhof<br \/>\nDas Geld in deiner Tasche<br \/>\nSo gut beh\u00fctet und dann doch gestohlen<br \/>\nIm falschen Moment das Richtige getan<br \/>\nUnd umgekehrt<br \/>\nIch geh nicht mehr nach drau\u00dfen<br \/>\nWenn es regnet.\u201c<\/p>\n<p>&#8230; hei\u00dft es in <em>Auftauchen um Luft zu holen<\/em>.<\/p>\n<p>Ein Motiv zieht sich durch beinahe alle Lieder: Wasser kommt und geht, aber meistens ist es da. In <em>Wespenstich<\/em> rieselt der Regen durch das l\u00f6chrige Dach, in <em>Ohne Worte<\/em> haben die Autos Tropfen auf den Scheiben. Auch in den meisten anderen St\u00fccken regnet es. Immerhin zweimal scheint die Sonne, so ist das in Hamburg.<\/p>\n<p><em>\u201eWasser kommt Wasser geht\u201c von <a href=\"http:\/\/www.captain-pla.net\" target=\"_blank\">Captain Planet<\/a> ist als LP und CD erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.unterm-durchschnitt.de\/\" target=\"_blank\">Unterm Durchschnitt.<\/a><\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie PUNK<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/09\/10\/strip-poker-mit-tollenrock_516\">Turbo A.C.&#8217;s: \u201eLive To Win\u201c<\/a> (Bitzcore 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/04\/20\/husum-gut_369\">The Monsters: \u201eThe Worst of Garage Punk Vol. 1\u201c<\/a> (Voodoorhythm 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/20\/drei-takte-und-ein-uaaaaaaaaah_443\">Matula: \u201eKuddel\u201c<\/a> (Zeitstrafe 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/12\/11\/ein-schwarm-schlauer-bienen_255\">Gorilla Biscuits: \u201eStart Today\u201c<\/a> (Revelation Records 1989)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/11\/01\/bis-die-nachbarn-klopfen_230\">D\u00fcsenj\u00e4ger: \u201eSchimmern\u201c<\/a> (Go-Kart Records 2006)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch wenn dieses Lob gegen die zehn Gebote der Musikkritik verst\u00f6\u00dft: &#8222;Wasser kommt Wasser geht&#8220; von Captain Planet ist die beste deutsche Punkplatte seit Langem. 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