{"id":550,"date":"2007-10-10T12:44:01","date_gmt":"2007-10-10T10:44:01","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/10\/neukolln-sorge-dich-nicht_550"},"modified":"2007-10-10T12:44:01","modified_gmt":"2007-10-10T10:44:01","slug":"neukolln-sorge-dich-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/10\/neukolln-sorge-dich-nicht_550","title":{"rendered":"Neuk\u00f6lln, sorge dich nicht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der in Berlin lebende Engl\u00e4nder A.J. Holmes singt Heimatlieder, wie sie globaler nicht sein k\u00f6nnten. Sein Album <em>The King Of The New Electric Hi-Life<\/em> vereint Hintersinn und Tanzmusik, Europa und Afrika.<\/strong><br \/>\n<!--more--><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"AJ Holmes\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/10\/holmes-king200.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=07109\/07109_1191932438-02&amp;var_mp3_artist=A. J. Holmes&amp;var_mp3_title=Nino&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=07109\/07109_1191932438-01&amp;var_mp3_artist=A. J. Holmes&amp;var_mp3_title=Home (mit Anne Laplantine)&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Diese Platte handelt vom Leben in der Fremde und zu Hause, von der <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/05\/kehle-und-seele-sind-eins_539\" target=\"_blank\">Vermischung des Vertrauten mit dem Entfernten<\/a>, und sie tut es so frisch und froh und mit soviel Witz und Hintersinn, dass sie nicht genug gepriesen werden kann. Das beginnt mit dem Titel: Ein gewisser A.J. Holmes legt sein erstes Album unter eigenem Namen vor und nennt es superunbescheiden <em>The King Of The New Electric Hi-Life<\/em>. Auf dem Cover ist im Stile naiver Malerei ein zufrieden aus dem Busch schauendes Raubtier abgebildet, umschwirrt von bunten V\u00f6geln. So stellen wir uns Urwald vor!<\/p>\n<p>Aber Hi-Life kommt doch nicht aus dem Busch? Da wippen doch nicht blanke Busen \u00fcberm Bastr\u00f6ckchen zu Dorfplatztrommeln? Hi-Life ist der Pop Westafrikas, zu dem hinzugehen sich die jungen Menschen \u00fcber ihre Mobiltelefone verabreden, eine Mischmaschmusik aus indigenen Rhythmen und europ\u00e4ischen Einfl\u00fcssen. In der nicht martialisch getrommelt wird, sondern lateinamerikanisch weich und leicht; und bei den Melodien verweben sich gleich mehrere Gitarrenlinien zu einer bunten Sause: Indem sie nirgendwo hinf\u00fchren, verhelfen sie den Tanzenden zum Genuss des Hier und Jetzt. Und wer dann immer noch sitzt, den rei\u00dfen die Fanfaren hoch. Welch ein Widerspruch zwischen der Beschwingtheit der Musik und dem Stillstand des Kontinents! (Und auch wieder nicht.)<\/p>\n<p>So viel dazu. Und nun erkl\u00e4rt sich einer mit offenbar reichlich Testosteron zum K\u00f6nig des neuen elektrischen Hi-Life? Hinten auf dem Cover ist er zu sehen: Kein schwarzer Mann mit schwei\u00dfnassen Oberarmbrocken, sondern ein ziemlich blasser Engl\u00e4nder in Jeansjacke; sein L\u00e4cheln sucht Zuflucht im Schnurrbart; seine weinroten Socken verschwinden in karierten Pantoffeln. Er auf einem Hocker, hinter ihm eine Palmentapete. Oder ist es ein Gew\u00e4chshaus in Berlins Botanischem Garten? Denn in Berlin lebt A.J. Holmes, bisher im armen Wedding, k\u00fcnftig im rauhen Neuk\u00f6lln \u2013 nichts zieht ihn in die Latte-Macchiato-Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte. Langweilig findet er die, Mittelstand.<\/p>\n<p>Seit f\u00fcnf Jahren beehrt er die Stadt mit seiner Anwesenheit, die 31 Jahre davor verbrachte er in East London, jenem Ende der City, in dem die Arbeitslosen, Trinker und Heroinabh\u00e4ngigen die mittellosen Zuwanderer aus den ehemaligen Kolonien willkommen hei\u00dfen. Wer in East London richtig mitmacht, landet im Knast oder im Krankenhaus. Leute mit Narben gibt\u2019s hier viele, Touristen keine.<\/p>\n<p>A.J. Holmes wuchs auf zwischen Rastafaris und Kriminellen. Er kennt die Gefahren und Chancen des Lebens am Rand. Wer dem Getto entkommen will, kann Boxer werden oder Musiker. Bei seiner Statur empfahl sich das Zweite. Zuletzt lebte er T\u00fcr an T\u00fcr mit Folo Graff, einem Musiker aus Sierra Leone, der ihm die Feinheiten westafrikanischen Gitarrenspiels beibrachte. Auf sieben von elf St\u00fccken der CD nennt er seinen fr\u00fcheren Nachbarn als Mitkomponisten. Und, ja, das ist Hi-Life, was da t\u00f6nt, neu und elektrisch oder vielmehr elektronisch: Holmes holt das afrikanische Hybrid \u00fcber London nach Berlin, phasenverschiebt es, und gibt es der Welt zur\u00fcck als K\u00f6nig des neuen eklektischen Durcheinanders.<\/p>\n<p>Im Pop ist es gerade Trend, exotische Musiken zu importieren, zuv\u00f6rderst vom Balkan. Umgekehrt \u00fcbernehmen Musiker auf anderen Kontinenten von jeher Elemente des westlichen Pop; Hi-Life, das in den zwanziger Jahren wurzelt und in den Sechzigern in Ghana, Nigeria und Sierra Leone zur Bl\u00fcte gelangte, ist ein sehr fr\u00fches Beispiel daf\u00fcr. Holmes geriet im London der Neunziger in den Bann dieser mit den Immigranten gekommenen Mischkultur, die sich dort aufs Neue vermischte. Denn f\u00fcr die Hi-Life-Bands in der Stadt gab es nicht immer ausreichend Musiker aus dem eigenen Land, also holte man sich andere &#8211; bis hin zu Klezmer-Klarinettisten.<\/p>\n<p>In Berlin stellt Holmes die in London umger\u00fchrte afro-europ\u00e4ische Musiksuppe in die Mikrowellen deutscher Elektronik und w\u00fcrzt sie mit feinstem englischen Humor. Interessanterweise wirken an dem Album gar keine deutschen Musiker mit, wohl aber solche, die es wie Holmes nach Berlin verschlagen hat. Genannt sei <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2004\/22\/Franz_9asin_in_Berlin?page=all\">die Franz\u00f6sin Anne Laplantine, deren eigene Platten sich so k\u00f6rnig anh\u00f6ren, als seien sie am Rande einer Chaussee kurz in den Sand gefallen<\/a>.<\/p>\n<p>Holmes und Laplantine spielen <em>Home,<\/em> ein Volkslied, das sein Nachbar aus Freetown mit nach London brachte und das sie in jeder Hinsicht ver\u00e4ndert haben:<\/p>\n<p><em>Freetown, don\u2019t you worry for me<br \/>\nTomorrow I will be going home<br \/>\nThere is another city waiting for me<br \/>\nTomorrow I will be going home.<\/em><\/p>\n<p>Dann hei\u00dft es <em>Paris, don\u2019t you worry for me\u2026 London\u2026 Berlin\u2026 Lagos.<\/em><\/p>\n<p>Es ist eine melancholisch-optimistische Ballade \u00fcber das ersehnte Nachhausekommen und in dieser Fassung mit spieluhrartig aufklimpernden Gitarren ziemlich durchgedreht. Das Heimelige des Volksliedes wird durch die Art der Zubereitung urbanisiert, das Zuhause ist heute ja \u00fcberall und nirgends. Zuhause ist East London, ist Wedding, ist Neuk\u00f6lln. Singt Holmes an der Weser, singt er <em>Bremen, don\u2019t you worry for me<\/em>, und das Publikum stimmt munter ein.<\/p>\n<p>Und hat nicht auch mal einer gesungen <em>Home is where your heart is<\/em>?  A.J. Holmes hat sein Gl\u00fcck in Berlin gefunden. Seine Freundin ist T\u00fcrkin, Tochter streng t\u00fcrkischer Einwanderer, und so darf ihre Familie davon nichts erfahren, sonst gibt\u2019s gleich wieder Probleme. Die Welt aber erf\u00e4hrt es, durch ihn: <em>Nino<\/em> ist sein globalisiertes Liebeslied f\u00fcr sie.<\/p>\n<p><em>The King Of The New Electric Hi-Life<\/em> hellt tr\u00fcbe Herbsttage auf, l\u00e4sst einen mitpfeifen und st\u00e4rkt so die Zuversicht in un\u00fcbersichtlicher Zeit. Beim H\u00f6ren w\u00e4chst der Wunsch, den Musiker zu sehen, und \u2013 wie sch\u00f6n \u2013 das kann man jetzt: Denn der Herz-K\u00f6nig von Neuk\u00f6lln singt bald in Emden, Wesel, Duisburg, Bottrop und anderen Orten, die zu seiner Musik passen.<\/p>\n<p><em>\u201eThe King Of The New Electric Hi-Life\u201c von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/ajholmesthekingofthenewelectrichilife\" target=\"_blank\">A.J. Holmes<\/a> ist bei <a href=\"http:\/\/www.pingipung.de\/\" target=\"_blank\">Pingipung<\/a> in L\u00fcneburg (!) erschienen, leider nur als CD. Sie ist bei <a href=\"http:\/\/www.kompakt-net.com\/\">Kompakt<\/a> und <a href=\"http:\/\/www.a-musik.com\/\">a-Musik<\/a> im Vertrieb.<\/p>\n<p>Die Party zur Ver\u00f6ffentlichung des Albums steigt am 12. Oktober im Berliner <a href=\"http:\/\/www.bangbangclub.net\/\">Bang Bang Club<\/a>. Die aktuellen Tourdaten finden sich <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/ajholmesthekingofthenewelectrichilife\">hier<\/a>.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie ETHNO<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/09\/21\/tanzt-kaputt-was-euch-kaputt-macht_528\">M.I.A.: \u201eKala\u201c<\/a> (XL Recordings\/Beggars Banquet)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/23\/afrikanischer-swing_471\">Diverse: \u201eLagos All Routes\u201c<\/a> (Honest Jon&#8217;s 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/07\/14\/megaphone-fur-afrika_109\">Diverse: \u201eCongotronics\u201c<\/a> (Crammed Discs 2006)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\" target=\"blank\">zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der in Berlin lebende Engl\u00e4nder A.J. 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