{"id":578,"date":"2007-11-19T13:23:51","date_gmt":"2007-11-19T11:23:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/19\/detroit-ertasten_578"},"modified":"2011-03-04T16:57:50","modified_gmt":"2011-03-04T15:57:50","slug":"detroit-ertasten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/19\/detroit-ertasten_578","title":{"rendered":"Detroit ertasten"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Luxemburger Francesco Tristano hat an seinem Konzertfl\u00fcgel ein Technoalbum aufgenommen. \u201eNot For Piano\u201c zeigt, wie Klaviermusik auch klingen kann.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Francesco Tristano Not For Piano\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2007\/11\/tristano-piano200.jpg\" \/> <\/a><\/div>\n<p>Francesco Tristano-Schlim\u00e9 ist ein klassischer Pianist. Kompositionen von Bach, Ravel und Berio hat er aufgenommen, aber auch Alben mit eigenen St\u00fccken. Irgendwann durchbrach der 26-J\u00e4hrige die Konzertroutine und begann zu improvisieren. Vor zwei Jahren f\u00fcgte er seinem Repertoire ein \u00fcberraschendes St\u00fcck hinzu: <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Derrick_May\">Derrick Mays <\/a><em>Strings Of Life<\/em>, urspr\u00fcnglich im Jahr 1987 unter dem Projektnamen <em>Rhythim Is Rhythim<\/em> ver\u00f6ffentlicht. Es ist eines der fr\u00fchen St\u00fccke des Detroit-Techno.<\/p>\n<p>Jetzt nahm Tristano ein ganzes Techno-Album auf, <em>Not For Piano<\/em> hei\u00dft es, zu h\u00f6ren ist fast nur das Klavier. Die Idee vom Techno ohne Techno-Beat hatte Derrick May bereits mit einem Remix seines eigenen St\u00fccks verfolgt. Auf dem im Jahr 1991 erschienenen Sampler <em>RetroTechno\/DetroitDefinitive<\/em> ist <em>Strings Of Life<\/em> in einer auf das Thema reduzierten Version zu h\u00f6ren. Es ist ein hypnotisches St\u00fcck Klaviermusik, zu dem man tanzen kann. \u201eEs kann sein, dass ich zuerst diese Version des St\u00fccks geh\u00f6rt habe\u201c, erz\u00e4hlt Francesco Tristano, \u201eund dass das der Ausl\u00f6ser f\u00fcr mein Album war. Ich bin ja nicht mit Detroit-Techno gro\u00df geworden, sondern habe die Sachen erst nachtr\u00e4glich kennengelernt.\u201c<\/p>\n<p>Das Faszinierende an <em>Not For Piano<\/em> ist nicht die Idee, Techno auf dem Klavier zu spielen. Die hatten auch andere schon, <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/maxencecyrin\">Maxence Cyrin<\/a> zum Beispiel. Doch wo Cyrin die melodischen Anteile des Techno als Ausgangspunkt seiner <em>Modern Rhapsodies<\/em> nimmt, arbeitet sich Tristano an dem zentralen Moment des Techno ab: dem Rhythmus.<\/p>\n<p>\u201eDas Album hei\u00dft <em>Not For Piano,<\/em> weil ich darauf Musik spiele, die nicht f\u00fcr das Piano gedacht ist. Es ist sozusagen ein Piano-Album mit einem Augenzwinkern\u201c, sagt er. \u201eDer Hauptunterschied zwischen elektronischer Musik und Klavier-Musik ist ja, dass man bei programmierter Musik jeden Klang genau festlegen kann. Das Klavier hingegen ist unkontrollierbar.\u201c Aus diesem Kontrast beziehen seine Interpretationen ihre Faszination. Er fordert die vermeintliche Unvereinbarkeit des Techno mit dem klassischen Fl\u00fcgel heraus.<\/p>\n<p>\u201eDas Album wurde wie ein Klassik-Album aufgenommen. Alessandra Galleron, die Toningenieurin, arbeitet sonst f\u00fcr das Klassiklabel Naxos. Ich habe dann zusammen mit dem mexikanischen Techno-Produzenten Murcof beim Mastering \u2013 f\u00fcr das wir uns sehr viel Zeit genommen haben \u2013 den Klang pr\u00e4zisiert und kleine Effekte hinzugef\u00fcgt\u201c, erkl\u00e4rt Tristano. Die Effekte \u00e4hneln elektroakustischen Kompositionen, in denen die urspr\u00fcngliche Klangquelle elektronisch verfremdet wird.<\/p>\n<p>Auf <em>Not For Piano<\/em> finden sich auch drei Coverversionen. Neben <em>Strings Of Life<\/em> sind dies <em>Overand<\/em> von Autechre und <em>The Bells<\/em> von Jeff Mills. <em>Andover<\/em> hei\u00dft das St\u00fcck von Autechre in Tristanos Bearbeitung, er transferiert ihren vertrackten Ambient in eine dunkel schwelende Et\u00fcde. Aus den delikaten Beats des Originals werden tropfende, repetitive Klaviermuster, dezent unterlegt mit fl\u00e4chigen elektronischen Kl\u00e4ngen. <em>Andover<\/em> klingt wie eine sanfte Version des klassischen Minimalismus. \u201eTechno ist Minimalismus\u201c, sagt Tristano. \u201eEin Ritual. Maschinenmusik, aber das Gef\u00fchl ist organisch.\u201c<\/p>\n<p>Seine Version von <em>The Bells<\/em> unterstreicht dies. Die wuchtigen Klavierlinien und die H\u00e4rte des Anschlags lassen an <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Charlemagne_Palestine\">Charlemagne Palestine<\/a> denken. Auch Cecil Taylors Definition des Klaviers als Perkussionsinstrument <em>(\u201e88 tuned drums\u201c)<\/em> kommt einem in den Sinn. Aber <em>The Bells<\/em> klingt nicht nach freiem Jazz, Tristano entwickelt das Material wie ein klassischer Komponist. \u201eDie ganze Idee ist, das Ausgangsmaterial zu nehmen und es dann graduell zu ver\u00e4ndern, sodass man es am Ende nicht wiedererkennt. In <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2007\/35\/Giacinto-Scelsi\" target=\"_blank\">der ZEIT gab es k\u00fcrzlich einen Artikel \u00fcber Giacinto Scelsi<\/a>. Es ging darum, wie er in jungen Jahren mit lediglich einer Note gespielt hat und welche M\u00f6glichkeiten in dieser Begrenzung liegen.\u201c<\/p>\n<p>Tristanos Eigenkompositionen sind \u00fcppiger. <em>Two Minds One Sound<\/em> k\u00f6nnte eine Latin-House-Nummer zugrunde liegen. Ausnahmsweise nimmt er Schlagwerk, Violine und die Stimm-Improvisationen von Raimundo Penaforte hinzu. <em>Barcelona Trist<\/em> erinnert an eines der ruhigeren Solo-St\u00fccke <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/03\/28\/harmoniesuchtig_350\" target=\"_blank\">Brad Mehldaus<\/a>. Harmonischer Jazz und klassische Et\u00fcde reichen sich die Hand. Alles dreht sich um den Rhythmus. Wie fr\u00fcher auf <em>Strings Of Life,<\/em> aber jetzt kommen Melodie und Beat aus dem Klavier.<\/p>\n<p><em>\u201eNot For Piano\u201c von <a href=\"http:\/\/www.francescoschlime.com\/\" target=\"_blank\">Francesco Tristano<\/a> ist als CD erschienen bei <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/infinemuzik\" target=\"_blank\">Infin\u00e9<\/a>\/Discograph<\/em>.<\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie TECHNO<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/05\/vier-aufs-kopfsteinpflaster_568\">Cobblestone Jazz: \u201e23 Seconds\u201c<\/a> (!K7\/Wagonrepair 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/10\/31\/klangteppich-himmelwarts_560\">Michaela Meli\u00e1n: \u201eLos Angeles\u201c<\/a> (Monika 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/09\/17\/tanzen-in-der-tropfsteinhohle_525\">Chlo\u00e9: \u201eThe Waiting Room\u201c<\/a> (Kill The DJ Records 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/04\/18\/am-rande-der-party_376\">Rechenzentrum: \u201eThe John Peel Session\u201c<\/a> (Kitty Yo 2001)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/04\/02\/bittersus_356\">MIA: \u201eBitters\u00fcss\u201c<\/a> (Sub Static 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Luxemburger Francesco Tristano hat an seinem Konzertfl\u00fcgel ein Technoalbum aufgenommen. \u201eNot For Piano\u201c zeigt, wie Klaviermusik auch klingen kann. 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