{"id":5872,"date":"2010-07-14T11:04:45","date_gmt":"2010-07-14T09:04:45","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=5872"},"modified":"2010-07-16T13:59:24","modified_gmt":"2010-07-16T11:59:24","slug":"klezmer-sol-sajn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/07\/14\/klezmer-sol-sajn_5872","title":{"rendered":"Lasst uns trotzdem tanzen!"},"content":{"rendered":"<p><strong>Eine neue Anthologie jiddischer Musik im Nachkriegsdeutschland w\u00fchlt tief in der Geschichte, tief im deutschen Gewissen. Dabei sind viele dieser Lieder gro\u00dfe Fetenhits.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_5878\" aria-describedby=\"caption-attachment-5878\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/07\/daniel-kahn-540x304.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/07\/daniel-kahn-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"daniel-kahn-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-5878\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/07\/daniel-kahn-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/07\/daniel-kahn-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-5878\" class=\"wp-caption-text\">Der in Berlin lebende Daniel Kahn und seine Band Painted Bird nennen ihre Musik Verfremdungsklezmer (\u00a9 Oriente)<\/figcaption><\/figure><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Tsen Brider sejnen wir gewesen \/ hobn mir gehandelt mit lajn (Leinen)\/ ejner is fun uns gestorbn \/ senen mir geblieben najn.&#8220; Einer Bruder nach dem anderen stirbt bei immer neuen Handelsbem\u00fchungen, bis der Ich-Erz\u00e4hler singt: &#8222;Ejn bruder bin ich mir gewesen \/ hob ich mir gehandelt mit licht \/ schterbn tu ich jeden tog \/ wajl zu esn hob ich nicht.&#8220;<\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud303421296452\"><\/div>\n<p>Ein Klagelied \u00f6konomisch marginalisierter j\u00fcdischer Kleinh\u00e4ndler, ganz klar. Auch, weil der Refrain mit dem Wehschrei &#8222;Oj!&#8220; beginnt. Aber was ist das? So geht es weiter: &#8222;Schmerel mit dem Fidele \/ Tewje mit&#8217;n bas \/ schpiltssche mir a Lidele \/ oifn mit&#8217;n Gass&#8220;. Das &#8222;Oj&#8220; wird zum rhythmischen &#8222;Ojojojojoj&#8220;. Die Welt ist schlecht, wir sind am Verhungern \u2013 lomir ale danzn! Lasst uns alle tanzen!<\/p>\n<p>Wie dieses Abe Ellstein zugeschriebene Lied birgt die jiddische Musik der osteurop\u00e4ischen Juden die Diskriminierung in sich. Den fahrenden Musikanten, den Klezmorim, war in der Ukraine lange das Spielen lauter Instrumente verboten. Die ber\u00fchmte Klezmer-Klarinette bekam ihren Stammplatz in den Kapellen erst, als dieses Verbot aufgehoben wurde. Auch Anleihen aus Musik und Sprache der Roma zeugen von der Au\u00dfenseiterrolle: Oft reisten jiddische Musiker mit Roma-L\u0103utari und wurden wie diese von Nichtjuden ebenso wie von frommen Juden gering gesch\u00e4tzt. <\/p>\n<p><em>Sol Sajn. Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einfl\u00fcsse (1953-2009)<\/em> hei\u00dft eine ebenso gro\u00dfe wie gro\u00dfartige Anthologie, die just bei Bear Family erschienen ist. In der Einleitung zum ersten der vier 3-CD-Sets umrei\u00dfen die Editoren Alan Bern, Heiko Lehmann und Bertram Nickolay ihr Themenfeld, das ein Minenfeld sein kann: Zu &#8222;von deutschen Nichtjuden gespielter jiddischer Musik&#8220; gebe es Meinungen vom Verbot (&#8222;erinnert an das Dogma, Blues d\u00fcrfe nur von Schwarzen gespielt werden&#8220;)  und dem Vorwurf der &#8222;Nekrophilie&#8220; bis zu dem &#8222;philosemitischer Schw\u00e4rmerei&#8220;. <\/p>\n<p>Nicht nur in Deutschland entstand im j\u00fcdischen Musikleben nach dem so schrecklichen Massenmord eine Pause. Auch in den USA und anderen Zufluchtsl\u00e4ndern begann die Besch\u00e4ftigung so recht erst wieder in der Folkbewegung der sechziger Jahre und schwappte dann zur\u00fcck nach Europa, hier treffend repr\u00e4sentiert durch Aufnahmen Pete Seeger von der Berliner Schaub\u00fchne 1967.<\/p>\n<p>Die beiden ersten westdeutschen Alben mit jiddischer Musik, beide von Peter Rohland, erschienen nicht zuf\u00e4llig 1968. Es war ein wesentlicher Impetus der Revolte, den Eltern die Maske des &#8222;Wir haben von nichts gewusst&#8220; herunterzurei\u00dfen. Ein Weg war es, das reiche j\u00fcdische Kulturleben abzubilden: Das alles habt ihr vernichtet \u2013 und wollt es nicht einmal gemerkt haben? <\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud075174063094\"><\/div>\n<p>Der politische Folk auf Burg Waldeck, linke Liedermacher und Ensembles wie Walter Mo\u00dfmann und <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=IuOqdsYyPCc\">Zupfgeigenhansel<\/a> belebten jiddische Musik wieder. Dabei halfen \u00dcberlebende wie Esther Bejarano, die im M\u00e4dchenorchester von Auschwitz gespielt hatte, Emigranten, Musiker aus Nachbarl\u00e4ndern (sogar Karel Gott) und die nicht v\u00f6llig versch\u00fcttete j\u00fcdische Kultur der DDR. Die allerdings stand nach dem israelischen Sechs-Tage-Krieg unter pauschalem Zioniusmusverdacht und k\u00e4mpfte gegen Auftrittsverbote.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/xml.zeit.de\/2003\/31\/Klezmer\">In den neunziger Jahren boomte Klezmer<\/a>. Bands wie The Klezmatics urbanisierten die Shtetl-Musik, und seit den Workshops von Giora Feidman gerann die schluchzende Klarinette manchem Musiker zum Klischee. Deshalb ist die letzte der zw\u00f6lf CDs in dieser Sammlung die interessanteste, betitelt: &#8222;Naye yidishe khvalye \/ Neue jiddische Welle: Klezmer ist tot! Lang lebe Klezmer!&#8220;: Klezmerton und jiddischer Rap, Jazz-, Punk-, Pop- und Elektronikelemente frischen die alte Musik auf. <\/p>\n<p>Wer sich nur das vierte der 3-CD-Sets zulegt, verzichtet allerdings auf das Abbild des Krakauer Shtetls, das die Box-R\u00fccken nebeneinander im Regal zeigen. Die Ausstattung der Anthologie ist auch sonst \u00fcppig: ausf\u00fchrliche, informative und bebilderte Booklets, CDs im Gewand von Originalcovern, Liedtexte \u2013 diese aber nur, leider, in der deutschen \u00dcbersetzung: Um den jiddischen neben den deutschen Text zu stellen, reichte der Platz dann wohl doch nicht mehr. <\/p>\n<p>Experten werden den einen oder anderen Meilenstein vermissen, etwa Aleksander Kulisiewicz mit der Umdichtung von <em><a href=\"http:\/\/www.musik-for.uni-oldenburg.de\/tsenbrider\/index.html\">Tsen Brider<\/a><\/em> aus dem KZ Sachsenhausen zum <em>J\u00fcdischen Todestango<\/em>. Die Herausgeber erheben keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit und r\u00e4umen ein, dass sie lizenzrechtliche Einschr\u00e4nkungen zu beachten hatten. <\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud686425974874\"><\/div>\n<p>Auch so findet sich unter den 249 Aufnahmen eine \u00fcberbordende F\u00fclle gro\u00dfartiger Musikerlebnisse. Zum Beispiel das Partisanenlied <em>Schtill, di Nacht iz ojsgeschternt<\/em>, das CD 1 gleich in drei Fassungen \u2013 Pete Seeger, Hein &#038; Oss, Walter Mo\u00dfmann \u2013 hintereinander stellt. Oder eben die vielen Songs, die wie das unter anderem von Zupfgeigenhansel aufgenommene <em>Tsen Brider<\/em> mit d\u00fcsterem Humor und doch leichtf\u00fc\u00dfig \u00fcber die Missst\u00e4nde des Lebens hinwegtanzen. <\/p>\n<p>Wie bei kaum einer anderen Musik muss man zum Verst\u00e4ndnis jiddischer Musik auch ihre historische und \u00f6konomische Basis heranziehen. Trotzdem ist sie viel mehr als die Summe dieser materiellen Bedingungen, n\u00e4mlich tieftraurige, himmelhochjauchzende oder erzb\u00f6se-satirische, oft jedenfalls gro\u00dfartige Musik.<\/p>\n<p><em>&#8222;Sol Sajn \u2013 Jiddische Musik in Deutschland und ihre Einfl\u00fcsse (1953-2009)&#8220; ist in vier Boxen mit je drei CDs bei <a href=\"http:\/\/www.bear-family.de\/\">Bear Family<\/a> erschienen.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine neue Anthologie jiddischer Musik im Nachkriegsdeutschland w\u00fchlt tief in der Geschichte, tief im deutschen Gewissen. 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