{"id":633,"date":"2008-01-21T13:45:40","date_gmt":"2008-01-21T11:45:40","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/21\/zum-freudentag-zehn-pflaumen_633"},"modified":"2008-01-21T13:45:40","modified_gmt":"2008-01-21T11:45:40","slug":"zum-freudentag-zehn-pflaumen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/21\/zum-freudentag-zehn-pflaumen_633","title":{"rendered":"Zum Freudentag zehn Pflaumen"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Die Plattenfirma Thrill Jockey aus Chicago wird 15 Jahre alt. Zum Geburtstag gibt es \u201ePlum\u201c, ein Pappkistchen mit zehn Vinyl-Singles. Die K\u00fcnstler des Labels spielen sich darauf gegenseitig nach. <\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/01\/thrilljockey-plum.jpg' alt='Thrill Jockey Plum' \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080121\/080121_1200909217-01&amp;var_mp3_artist=Bobby Conn&amp;var_mp3_title=Washed In The Blood&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Da stockt das H\u00f6ren. Zwanzig St\u00fccke auf zehn Singles, das hei\u00dft: alle drei bis f\u00fcnf Minuten aufspringen, die Nadel abnehmen, das Vinyl umdrehen oder wechseln, die Nadel wieder auflegen und das Scheibchen in Bewegung bringen. <em>Plum<\/em> nennt das Label Thrill Jockey ein Pappkistchen mit zehn Singles, aufgenommen zum F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen, limitiert auf 2.000 St\u00fcck. Die K\u00fcnstler der Plattenfirma spielen sich gegenseitig nach. <em>Plum<\/em> gibt es nicht auf CD, die zwanzig St\u00fccke sollen f\u00fcr alle Zeiten exklusiv bleiben. <a href=\"http:\/\/www.thrilljockey.com\/catalog\/index.html?id=101588\" target=\"_blank\">Beim Label kostet der Spa\u00df 35 US-Dollar<\/a> plus Porto und Zoll, in Deutschland <a href=\"https:\/\/www.flight13.com\/details\/77387\/v-a-plum\" target=\"_blank\">bekommt man das Paket f\u00fcr rund 45 Euro<\/a>.<\/p>\n<p>Wer singt nun hier? Nur wenige K\u00fcnstler tragen einen gro\u00dfen Namen. Der Kiste ist kaum Information zu entnehmen, es gibt kein erl\u00e4uterndes B\u00fcchlein, auf den Plattenh\u00fcllen sind nur die Namen der Beteiligten verzeichnet. So trifft der H\u00f6rer lauter Unbekannte, f\u00fchlt sich ein bisschen blind. Namen und Pflaumen tropfen, irgendwann horcht er einfach und fragt sich gar nicht mehr, ob er all diese Leute kennen m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Eine Angela Desveaux macht den Anfang. Sie singt ein spr\u00f6des Country-Liedchen, das Original stammt von der Band Abouretum. <em>Two Moons<\/em> schleppt sich, die Slidegitarre klagt ein langes Solo. Ein nettes St\u00fcck, aber ein mitrei\u00dfender Beginn ist das nicht.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckseite singt John Parish mit einer Partnerin <em>Vampiring Again<\/em> von Califone. Marta Collica hei\u00dft die Dame. Die beiden sanften Stimmen passen gut zusammen, das St\u00fcck klingt charmant und etwas l\u00e4ndlich. Die Gitarren steigern sich, am Ende geht es hier richtig laut zu.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Auf jeder Single ist eine andere Pflaumensorte abgebildet, ihre Bl\u00e4tter, ihre Frucht und ihre Kerne. Die zweite Single ziert eine rot leuchtende Pflaume, ob es hier etwas feuriger zugeht? Nun kommen die auf der ersten Single Nachgespielten zum Zug. Arbouretum singen <em>Bus Stop<\/em> von Thalia Zedek, ein schunkelndes Rocklied mit schrammeligen Gitarren. Feuriger ist das, ja.<\/p>\n<p>Eine der ersten Bands des Alternative Country war Freakwater aus Kentucky. In den vergangenen zw\u00f6lf Jahren ver\u00f6ffentlichte das Duo sechs Alben bei Thrill Jockey, auf <em>Plum<\/em> werden sie gleich dreimal nachgespielt. Den ersten Versuch unternehmen Califone, sie tragen auf der R\u00fcckseite <em>Jewel<\/em> vor, mehrstimmig, akustisch, blechern.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Und wieder Califone. <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/01\/die-platte-springt-nicht_480\" target=\"_blank\">The Sea &#038; Cake<\/a> aus Chicago spielen deren <em>Spider&#8217;s House<\/em> in ganz untypischem Klang. Die Blechbl\u00e4ser t\u00f6nen, sie zerwirbeln die f\u00fcr Califone so typische glatte Oberfl\u00e4che. Im Jahr 1995 war Thrill Jockey von New York nach Chicago umgezogen, wegen der Steuern und der Miete, hei\u00dft es. Das Label hat den Klang Chicagos gepr\u00e4gt, Ende der Neunziger erbl\u00fchte hier der sogenannte Post-Rock. Bands wie Tortoise und The Sea &#038; Cake brachen die \u00fcblichen Rock-Strukturen auf und f\u00fcgten ihm ein paar Bluenotes hinzu. Viele Jazzkapellen versuchten sich nun als Rocker.<\/p>\n<p>Auf der R\u00fcckseite der dritten Single sind The Zincs zu h\u00f6ren. Jim Elkington, der Gitarrist der Band Sophia, hat zuhause mithilfe eines Schlagzeugcomputers, eines Keyboards und einer Gitarre Howe Gelbs <em>Blue Marble Girl<\/em> aufgenommen. Welch reizvolle Kargheit. Sie erinnert an die Schlafzimmerlieder der Band <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/06\/02\/batteriebetriebene-melancholie_66\" target=\"_blank\">Casiotone For The Painfully Alone<\/a>.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Bei aller Liebe zur Gestaltung, diese Zusammenstellung anzuh\u00f6ren ist reichlich umst\u00e4ndlich. H\u00e4tte man nicht eine CD beilegen k\u00f6nnen? Die k\u00f6nnte man dann anh\u00f6ren, und die Plaumenkiste machte sich gut im Plattenschrank.<\/p>\n<p>Es folgt die gemeine Hauspflaume. Vorn singen Tortoise das Lied <em>Fallslake<\/em> von Nobukazu Takemura. Die Stimme ist verzerrt, ein bisschen wie bei Daft Punk. Der Rest klingt sehr bekannt, ein flirrendes Schlagzeug, eine leicht \u00fcbersteuerte Orgel, ein lebendiger Bass. Das St\u00fcck w\u00e4re auch instrumental ganz wunderbar.<\/p>\n<p>Nach kurzer Unterbrechung ist die Gruppe Pullman zu vernehmen, das Zweitprojekt von Tortoises Douglas McCombs. In ihren H\u00e4nden beginnt <em>Three In The Morning<\/em> zu Schweben. Keyboards breiten eine Fl\u00e4che aus, der Bass tut darauf vorsichtige Schritte, die Gitarre spielt ein Solo in Zeitlupe, ihre T\u00f6ne zers\u00e4gen den Raum. Von dem verschwurbelten Jazz des Chicago Underground Quartet ist kaum etwas \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Das Konzept von <em>Plum<\/em> hat auch sein Gutes. <em>Three In The Morning<\/em> m\u00f6chte nachhallen und darf das. In den drei\u00dfig Sekunden bis Thalia Zedek auf der f\u00fcnften Single <em>Flat Hand<\/em> anstimmt, kann es wirken und sich setzen.<\/p>\n<p>Also, Pause. Dann die Platte wechseln.<\/p>\n<p>Auch Thalia Zedeks Beitrag ist im Original von Freakwater, wieder wird mehrstimmig gesungen. Die Country-Kl\u00e4nge halten sich zur\u00fcck. Post-Rock und Country waren in den vergangenen Jahren die musikalischen Pole des Labels, auch in der Pflaumenwelt liegen sie weit auseinander. Und das obwohl die personellen Verzweigungen bei Thrill Jockey zahlreich sind.<\/p>\n<p>Eleventh Dream Day bespielen die R\u00fcckseite. Douglas McCombs steht am Bass, Janet Beveridge Bean von Freakwater singt im Hintergrund und spielt einen simplen Rhythmus auf dem Schlagzeug. Die Band macht aus der behutsamen Ballade <em>I Like The Name Alice<\/em> von Sue Garner und Rick Brown ein dr\u00f6hnendes Rockst\u00fcck. Douglas McCombs spielte auch beim Original mit.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Single Nummer sieben, und wieder Freakwater. Diesmal nimmt Bobby Conn sie auseinander. Sein <em>Washed In The Blood<\/em> ist eine ausgelassene Tanznummer, die Fiddle ist nur noch als Sample im Refrain zu vernehmen. Wenn derart Neues entsteht, macht <em>Plum<\/em> am meisten Spa\u00df.<\/p>\n<p>Mutig gehen auch Adult auf der R\u00fcckseite  zu Werke. Ihr <em>Underwater Wave Game<\/em> \u2013 urspr\u00fcnglich von Pit Er Pat gesungen \u2013 ist verdrehter Elektrorock, \u00fcberkandidelt instrumentiert und kieksend gesungen.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Karibische Kl\u00e4nge flie\u00dfen aus dem Lautsprecher. Pit Er Pat aus Chicago tragen nun, unterst\u00fctzt von sanften Bl\u00e4sern und einer leiernden Gitarre, <em>Flew Out Of My Window<\/em> von The Lonesome Organist vor. Das St\u00fcck hat schon ein paar Jahre auf dem Buckel, damals war es eine klaustrophobische Nummer, von Jeremy J. Jacobsen auf Gitarre, Xylofon und singender S\u00e4ge eingespielt. Er jodelte ein bisschen dazu, Pit Er Pat belassen es beim Instrumentalen.<\/p>\n<p>Sue Garner und Rick Brown nahmen sich ein St\u00fcck der abgedrehten Japanerinnen <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/10\/27\/karaoke-ohne-fisch_210\" target=\"_blank\">OOIOO<\/a> vor. Es gelingt ihnen, das wilde Getrommel, Gepfeife und Geschrei von <em>UMO<\/em> noch zu \u00fcberbieten. Sie ver\u00e4ndern nicht viel, allein sie legen eine Schippe drauf. Die Trommeln hallen tief, der Bass grunzt. Sue Garner schnarrt eine Mischung aus Englisch, Japanisch und Fantastisch ins Mikrofon, im Hintergrund quietscht eine Blockfl\u00f6te.<\/p>\n<p>Hinterher braucht der H\u00f6rer eine l\u00e4ngere Pause, zwei Minuten mindestens. Dann: Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>David Byrne macht offensichtlich gern mit bei schr\u00e4gen Projekten. K\u00fcrzlich trug er zu <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/51\/bg-worried-noodles\" target=\"_blank\">David Shrigleys <em>Worried Noodles<\/em><\/a> bei, nun singt er Thrill Jockey das Geburtstagsst\u00e4ndchen. Vor f\u00fcnf Jahren hatte er hier mit Musikern der Bands Belle &#038; Sebastian und Mogwai einen Soundtrack ver\u00f6ffentlicht. Nun arrangiert er <em>Ex-Guru<\/em> von den Fiery Furnaces ein bisschen um. Au\u00dfer der Stimme ver\u00e4ndert er nicht viel, ein bisschen schade ist das.<\/p>\n<p>Directions In Music spielen auf der R\u00fcckseite Jeff Parkers <em>Toy Boat<\/em>. In den letzten f\u00fcnf Jahren hatte Parker zwei luftige Jazz-Alben bei Thrill Jockey ver\u00f6ffentlicht. Hier klingt es nach Tortoise, rockig und jazzig, deren Bundy K. Brown spielt mit. Directions In Music holen den Bass nach vorne und verleihen <em>Toy Boat<\/em> Schwere.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Nun d\u00fcrfen die bereits vielgeehrten Freakwater selbst ran, ihre Version von <em>Passengers<\/em> der Zincs ist noch spr\u00f6der als das Original. Catherine Irwin und Janet Beveridge Bean singen zweistimmig und begleiten sich an Gitarre und Mandoline. Es rauscht und knackt, das St\u00fcck k\u00f6nnte auch in den zwanziger Jahren in den Appalachen entstanden sein. Gackern da H\u00fchner im Hintergrund? Die Stimmen der beiden Frauen passen ganz herrlich nicht zusammen. Das Lied ist viel zu kurz, am besten h\u00f6rt man es gleich zweimal.<\/p>\n<p>Rund 80 K\u00fcnstler und Bands haben in den vergangenen f\u00fcnfzehn Jahren bei Thrill Jockey Platten ver\u00f6ffentlicht, immerhin ein Viertel darf hier gratulieren. Der n\u00e4chste ist Archer Prewitt, Gitarrist von The Sea &#038; Cake. Er impft The National Trusts <em>Mrs. Turner<\/em> den Gospel ein. Minutenlang singt er im Chor vom <em>Nice girl, gooo-hoood Girl<\/em>, Trompete und Saxofon wetteifern, ein bisschen geklatscht wird auch.<\/p>\n<p>Aufstehen, Platte wechseln.<\/p>\n<p>Die zehnte Single. Wieder ist die Verbindung direkt, <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/10\/23\/doktor-grubel-und-mister-tanz_211\" target=\"blank\">Mouse On Mars<\/a> mischen The Sea &#038; Cakes <em>Middlenight<\/em> neu zusammen, das ist ein bisschen zu anstrengend. Auf der R\u00fcckseite ist Howe Gelb zu h\u00f6ren, er schlie\u00dft den Kreis. <em>Boxers<\/em> ist ein St\u00fcck von John Parish, ihn h\u00f6rten wir auf der ersten Single.<\/p>\n<p>Das Knacksen der Auslaufrille hallt noch ein paar Minuten durch die Lautsprecher. Jetzt braucht der H\u00f6rer erstmal ein bisschen Ruhe.<\/p>\n<p><em>\u201ePlum\u201c ist auf Vinyl bei <a href=\"http:\/\/www.thrilljockey.com\/\" target=\"_blank\">Thrill Jockey<\/a> erschienen. <\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie POP<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/04\/opulenz-zum-quadrat_614\">Get Well Soon: \u201eRest Now, Weary Head!\u201c<\/a> (City Slang 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/24\/weihnachten-in-bienenwachs_608\">Low: \u201eChristmas\u201c<\/a> (Chairkicker\u2019s Music\/Rough Trade 1999)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/14\/40-pfund-fur-anderthalb-kilo_605\">Radiohead: \u201eIn Rainbows\u201c<\/a> (XL Recordings\/Beggars Banquet 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/10\/so-will-ich-auch-sein_601\">Nena: \u201eNena\u201c<\/a> (CBS 1983)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/07\/pause-nach-nummer-7_597\">The Innits: \u201eEverything Is True\u201c<\/a> (Sunday Service 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Plattenfirma Thrill Jockey aus Chicago wird 15 Jahre alt. 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