{"id":655,"date":"2008-02-15T12:19:41","date_gmt":"2008-02-15T10:19:41","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/15\/kleistern-bitte-im-wohnzimmer_655"},"modified":"2008-02-15T12:19:41","modified_gmt":"2008-02-15T10:19:41","slug":"kleistern-bitte-im-wohnzimmer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/15\/kleistern-bitte-im-wohnzimmer_655","title":{"rendered":"Kleistern bitte im Wohnzimmer"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Einst waren Underworld die Helden der britischen Party-Szene. Ihr neues Album \u201eOblivion With Bells\u201c klingt dumpf und tr\u00e4ge, wie Dubstep in Zeitlupe.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/02\/underworld-bells2001.jpg' alt='Underworld Oblivion With Bells' \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=08028\/08028_1202484698-01&amp;var_mp3_artist=Underworld&amp;var_mp3_title=Ring Road&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Jede Musik hat ihre Zeit. Genesis passten in die Siebziger und die Achtziger, heute kann man sie bel\u00e4cheln. Michael Jackson musiziert seit zwanzig Jahren als seine eigene Parodie, die <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/34\/rolling-stones\" target=\"_blank\">Rolling Stones<\/a> seit dreieinhalb Jahrzehnten. Auch die Wiedervereinigung der Sex Pistols vor einigen Jahren war ein Trauerspiel.<\/p>\n<p>Und Underworld? Sie hatten ihre Zeit Mitte der Neunziger, Ewan McGregor rannte damals im Rhythmus ihres <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=zsAa0Bhkkj8\" target=\"_blank\">Born Slippy. Nuxx<\/a><\/em> durch Edinburgh. In Danny Boyles Film <em>Trainspotting<\/em> lieh er dem Drogenkranken Mark Renton sein verschwitztes, aber nettes Gesicht. Renton pfiff auf Karriere und Riesenfernseher, auf Familie und Zahnzusatzversicherung. Wie <em>Smells Like Teen Spirit<\/em> einige Jahre zuvor wurde <em>Born Slippy. Nuxx<\/em> zur Hymne einer Generation. Diese gierte nicht nach Authentizit\u00e4t und Gitarren, sie durchfeierte die N\u00e4chte in den britischen Metropolen mit Alkohol, Pillen und poppigem Techno.<\/p>\n<p>Underworld haben ein neues Album ver\u00f6ffentlicht, <em>Oblivion With Bells<\/em>. Interessiert das jemanden? Heute bringen die br\u00fcchigen Rhythmen des Dubstep die Tanzb\u00f6den zum Bersten, Underworlds dickfl\u00fcssiger Kleister ist da kaum gefragt. Sie schwelgen im Fl\u00e4chigen, ihre Rhythmen sind dumpf und tr\u00e4ge, ist das <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/category\/dub\" target=\"_blank\">Dubstep<\/a> in Zeitlupe? Oft erhebt Karl Hyde seine Stimme, mal ruhig sprechend wie in <em>Holding The Moth<\/em> und <em>Ring Road<\/em>, dann wieder durch den Verzerrer singend, wie bei <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=CuMjeiDSCOY\" target=\"_blank\">Crocodile<\/a><\/em> und <em>Best Mamgu Ever<\/em>. Das geht meist ohne Punkt und Komma, wie damals bei <em>Born Slippy. Nuxx.<\/em><\/p>\n<p>\u00dcberhaupt, irgendwie ist hier alles wie fr\u00fcher. Hyde und sein Kollege Rick Smith fackeln nicht lange. Zwanzig Sekunden lang jubilieren schrille Keyboards, dann bahnt sich ein funkender Rhythmus den Weg, er beherrscht das Album. <em>\u201eTwo kangaroo fingers push through and scratch my back in rhythm\u201c<\/em>, singt Karl Hyde in lang gezogenen Silben. Und <em>\u201eTwo numbers click between her touch when you pull me down into them. Rising and rising through the inside of a glass eye painting\u201c.<\/em> Sind ja nur Worte. Nach sechseinhalb Minuten geht das St\u00fcck in <em>Beautiful Burnout<\/em> \u00fcber, das f\u00e4llt erst gar nicht auf.<\/p>\n<p>Im fidelen <em>Ring Road<\/em> klingt Hyde wie Mike Skinner alias The Streets. Im nordenglischen Zungenschlag legt er eine arhythmische Geschichte \u00fcber ein umso rhythmischeres Beben. Auch der Junge aus dem Trainspotting-Hit taucht wieder auf: Das St\u00fcck <em>Boy, Boy, Boy<\/em> klingt organisch, denn Larry Mullen Jr. spielt ein echtes Schlagzeug. Sonst trommelt er bei U2, auch so eine Band, die den richtigen Moment zum Aufh\u00f6ren verpasst hat. Das fantastische <em>Faxed Invitation<\/em> schlie\u00dflich klingt wirklich ein wenig nach Dubstep.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt: fantastisch. Das Album ergreift einen, sobald man aufh\u00f6rt, \u00fcbers Tanzen nachzudenken. <em>\u201eWaiting for a night to wrap around us\u201c,<\/em> beschw\u00f6rt Hyde in <em>Crocodile<\/em> das alte Gef\u00fchl. <em>\u201eI could go in there get some sweet stuff\u201c,<\/em> f\u00fcgt er hinzu und schmunzelt selbstsicher. Auch der ironische Titel des Album legt die Vermutung nahe, Underworld w\u00fcssten sehr genau, wie es um sie steht. Wenn ihr uns schon vergesst, dann wollen wir wenigstens gut klingen \u2013 so k\u00f6nnte man den Titel verstehen.<\/p>\n<p>Und sie klingen genau so gut und dicht wie vor zehn Jahren, nur alles um sie herum klingt heute anders. Sie sind dem Club entwachsen, weil sie dort niemand mehr h\u00f6ren will. Ihre Rhythmen sind tr\u00e4ge, fast beruhigend, so etwas macht sich im Wohnzimmer ohnehin viel besser.<\/p>\n<p>Im neuen Kontext d\u00fcrfen Underworld einen zweiten Fr\u00fchling erleben. Was das f\u00fcr die heutige Musik von Genesis, Michael Jackson und den Sex Pistols bedeutet? Da denken wir besser gar nicht dr\u00fcber nach.<\/p>\n<p><em>\u201eOblivion With Bells\u201c von <a href=\"http:\/\/www.underworld.com\/\" target=\"_blank\">Underworld<\/a> ist als CD und Doppel-LP erschienen bei PIAS.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie ELEKTRONIKA<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/11\/depeche-mode-aus-bietigheim_645\">Camouflage: \u201eArchive #1\u201c<\/a> (Polydor 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/16\/eintauchen-dann-ausatmen_630\">Raz Ohara And The Odd Orchestra: \u201es\/t\u201c<\/a> (Get Physical Music\/Rough Trade 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/03\/schon-dass-wir-strom-haben_593\">Closed Unruh: \u201eNichts schmeckt &#8211; aber alles schmeckt gut\u201c<\/a> (E-Klageto 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/30\/16-kleine-schwarze-auf-silber_590\">\u201eA Number Of Small Things\u201c<\/a> (Morr Music 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/23\/wo-die-katzchen-tanzen_584\">\u201eErnte25\u201c<\/a> (Bar25 Label 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einst waren Underworld die Helden der britischen Party-Szene. 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