{"id":66,"date":"2006-06-02T12:06:03","date_gmt":"2006-06-02T10:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/06\/02\/batteriebetriebene-melancholie_66"},"modified":"2006-06-02T12:06:03","modified_gmt":"2006-06-02T10:06:03","slug":"batteriebetriebene-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/06\/02\/batteriebetriebene-melancholie_66","title":{"rendered":"Batteriebetriebene Melancholie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der amerikanische Klangt\u00fcftler Owen Ashworth alias Casiotone For The Painfully Alone galt bisher als Meister minimalistischer Weisen. Sein neues, viertes Album \u201eEtiquette\u201c \u00fcberrascht dagegen mit Opulenz<\/strong><\/p>\n<p><\/p>\n<div>\n<div style=\"border: 1px solid black; float: left; margin-right: 6px\"><img decoding=\"async\" alt=\"Cover Casiotone\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2006\/05\/casio.jpg\" \/><\/div>\n<p>Owen Ashworth aus Chicago, Illinois ist kein Mann, der irgendwo auf der Welt als Popstar durchgehen w\u00fcrde. Die paar Pfunde zu viel, die er auf den H\u00fcften tr\u00e4gt, der Vollbart, die Brille und seine Unsicherheiten machen ihn auch optisch zu einem etwas verschrobenen Heimwerker tieftrauriger Weisen. Jeder, der ihn einmal auf der B\u00fchne gesehen hat, wird das best\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Mit seinem Projekt Casiotone For The Painfully Alone begl\u00fcckt er seit ein paar Jahren Freunde spartanischer Lieder. Der Name seines Projekts ist Programm. Ein batteriebetriebenes Mini-Keyboard der Marke Casio, holprige, vorprogrammierte Rhythmen und fein gearbeitete Texte steckten das k\u00fcnstlerische Feld ab. Dazu verhandelt er all die Miseren der Liebe und des Lebens. Die Seele der St\u00fccke liegt in seiner Stimme. Traurig und intim klingt das, was er in seinen Mehrspur-Rekorder diktiert. Die Platten dazu hei\u00dfen <em>Answering Machine Music<\/em> (Anrufbeantworter-Musik), <em>Pocket Symphonies For Lonesome Subway Cars<\/em> (Taschen-Sinfonien f\u00fcr einsame U-Bahn-Waggons) oder ganz aktuell: <em>Etiquette<\/em>.<\/p>\n<p>Der Minimalismus der vorangegangen Platten ist auf dem neuen Tontr\u00e4ger etwas aufgeweicht worden: <em>Etiquette <\/em>ist Casiotone For The Painfully Alone in Cinemascope. Streicher, Piano, Orgel und Schlagzeug erg\u00e4nzen das eng gezogene Korsett der Anf\u00e4nge. <em>Nashville Parthenon<\/em> ist ein Country-Song im Elektronik-Gewand, <em>Cold White Christmas<\/em> tr\u00e4umt zu einer heimeligen Orgel von fernen Weihnachtsabenden, w\u00e4hrend der Blick nach drau\u00dfen auf kahle Winterb\u00e4ume f\u00e4llt. Den St\u00fccken tut die neu gewonnene musikalische Opulenz gut.<\/p>\n<p>Auf der B\u00fchne wird alles wieder zur\u00fcckgef\u00fchrt auf mehrere analoge Keyboards, Sequenzer und Stimme. Owen Ashworth ist kein Entertainer, er wirkt fast unfreiwillig ins Rampenlicht gezerrt. Die F\u00fc\u00dfe, die schr\u00e4g zum Publikum positioniert sind, der scheue Blick und die kurzen Ansagen sprechen B\u00e4nde. Da steht einer auf der B\u00fchne, der wundervolle St\u00fccke schreibt, diesen aber lieber im Heimstudio den n\u00f6tigen Schliff verpasst, als vor gierigen Blicken.<\/p>\n<p>Ein Konzert wird so zu einer Erfahrung von Einsamkeit. Die Melancholie, die Vereinzelung, die St\u00fccke mit Titeln wie <em>I Should Have Kissed You When I Had A Chance<\/em>, <em>Tonight Was A Disaster<\/em> oder  <em>Don\u2019t They Have Payphones Where You Were Last Night<\/em> durchwehen, wirkt nicht aufgesetzt, sondern authentisch. Das Leben verdichtet sich darin zu dreimin\u00fctigen, analogen Songminiaturen. Von der wahren Liebe, die so schwer zu finden ist, erz\u00e4hlt er, von dem schalen Geschmack nach einem One-Night-Stand am Neujahrsmorgen, von einem Schutzschild, der ihn vom wirklichen Leben trennt. Ob es sein eigenes Leben ist, von dem er unter dem Mantel fremder Geschichten berichtet? Man muss es fast glauben.<\/p>\n<p>Bei seinen Konzerten spielt er manchmal ganz zum Schluss, als Zugabe, eine vollkommen zerhackte Version von Paul Simons <em>Graceland<\/em>. \u201eDie Liebe zu verlieren\u201c, hei\u00dft es darin, \u201egleicht einem Fenster in deinem Herzen. Jeder sieht, dass es dich umhaut, jeder sp\u00fcrt den Wind.\u201c Owen Ashworth trotzt diesem Wind: mit der Energie von drei Mignon-Batterien, einem kleinen, handlichen Keyboard und den wundervollen Songs seines Albums <em>Etiquette<\/em>.<\/p>\n<p><em>Etiquette von <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.cftpa.org\/\">Casiotone For The Painfully Alone<\/a> ist als LP und CD erschienen bei <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.tomlab.de\/\">Tomlab<\/a>.<\/em><\/p>\n<p><em>H\u00f6ren Sie hier <img decoding=\"async\" border=\"0\" src=\"http:\/\/zeus.zeit.de\/bilder\/elemente\/tonicon_sw1_16x16.gif\" \/> <a class=\"textlink\" href=\"javascript:openme('http:\/\/apollo.zeit.de\/redirects\/cc.php?to=http:\/\/medien.zeit.de\/medialinks\/casiotone_kiss.mov',400,200,'middle','casiotone');\"><em>\u201eNew Year&#8217;s Kiss\u201c<\/em><\/a><\/em><\/p>\n<p>Weitere St\u00fccke k\u00f6nnen Sie auf seiner <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.cftpa.org\/av.htm\">Website<\/a> h\u00f6ren<a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.cftpa.org\/av.htm\"><br \/>\n<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der amerikanische Klangt\u00fcftler Owen Ashworth alias Casiotone For The Painfully Alone galt bisher als Meister minimalistischer Weisen. 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