{"id":682,"date":"2008-03-05T13:57:07","date_gmt":"2008-03-05T11:57:07","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/05\/der-tiger-schnurrt-noch-immer_682"},"modified":"2010-03-25T10:23:46","modified_gmt":"2010-03-25T09:23:46","slug":"der-tiger-schnurrt-noch-immer","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/05\/der-tiger-schnurrt-noch-immer_682","title":{"rendered":"Der Tiger schnurrt noch immer"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/01\/uber-die-jahre_118\">\u00dcber die Jahre (34)<\/a>: Kein Album verkaufte sich so gut wie Michael Jacksons \u201eThriller\u201c. Jetzt wird die erfolgreichste Platte der Popgeschichte wiederver\u00f6ffentlicht, aber der Qualit\u00e4t von damals ist auch nach 25 Jahren nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/02\/jackson-thriller200.jpg' alt='Michael Jackson Thriller' \/><\/div>\n<p>Am 4. April 1982 betrat Quincy Jones die Westlake Studios in Los Angeles, um Michael Jacksons zweites Soloalbum zu produzieren. Jones hatte genaue Vorstellungen von seiner Arbeit. \u00bbWir sind hier, um die Musikindustrie zu retten\u00ab, sagte er zu seinen Kollegen. Im Gep\u00e4ck hatten Jones und Jackson eine Auswahl von St\u00fccken, an denen sie in den vergangenen Monaten fieberhaft gearbeitet hatten. Sie sollten zu einem Album werden, dessen Dramaturgie Michael Jackson mit Tschaikowskys <em>Nussknacker-Suite<\/em> verglich.<\/p>\n<p>Nicht einen Schwachpunkt sollte die Platte haben \u2013 in der Vision von Jackson und Jones hatte F\u00fcllmaterial keinen Platz. Jedes Lied musste ein H\u00f6chstma\u00df an Hitpotenzial besitzen, um das Album in die Charts zu bringen. Auf den \u00fcberw\u00e4ltigenden Erfolg des Ergebnisses war trotz aller Berechnungen niemand vorbereitet gewesen.<\/p>\n<p>Mehr als 100 Millionen Mal verkaufte sich das Album seit seiner Ver\u00f6ffentlichung. Sieben Singles schafften es in den Achtzigern in die Billboard Top Ten. Damit waren die Grunds\u00e4tze der Musikindustrie in Frage gestellt: Bisher hatten sich K\u00fcnstler damit abgefunden, durchschnittlich zwei St\u00fccke eines Albums als Singles auszukoppeln. Die weitl\u00e4ufige Annahme, zu viele Singles k\u00f6nnten dem Album als Gesamtwerk schaden, wurde von <em>Thriller<\/em> eindrucksvoll widerlegt. Hernach musste kommerzieller Erfolg neu definiert werden.<\/p>\n<p>Bereits mit seiner vision\u00e4ren Disco-Dekonstruktion <em>Off The Wall<\/em> hatte Jackson alle Schallgrenzen durchbrochen. Die spielerische Dynamik von <em>Don&#8217;t Stop &#8218;Til You Get Enough<\/em> oder <em>Working Day And Night<\/em> wich nun einem kalkulierten Pop-Sound. Die neun St\u00fccke auf <em>Thriller<\/em> schossen querfeldein und erreichten damit nahezu alle H\u00f6rerschichten. Das war zuvor nur wenigen schwarzen K\u00fcnstler gelungen. Dieses Album war weder Disco, noch Rock oder Soul. Es war \u2013 wie sein Sch\u00f6pfer mittlerweile \u2013 nicht einmal besonders schwarz. Michael Jackson schuf mithin das erste interkulturelle Popalbum.<\/p>\n<p>So buhlt die wei\u00dfe Popkultur, verk\u00f6rpert von Paul McCartney, mit dem schwarzen Superstar um die Aufmerksamkeit eines M\u00e4dchens: <em>The Girl Is Mine<\/em>. Auch der Schulterschluss mit der uralten Heimat gelingt. Im Lied <em>Wanna Be Startin&#8216; Somethin&#8216;<\/em> zitiert der Hintergrundchor den afrikanischen Saxofonisten Manu Dibango.<\/p>\n<p>Michael Jacksons Image wurde f\u00fcr diese Platte gr\u00fcndlich \u00fcberarbeitet. Hatte er auf der H\u00fclle des Vorg\u00e4ngeralbums noch als Disco-K\u00f6nig in wei\u00dfen Tennissocken posiert, zeigte nun das Foto zu <em>Thriller<\/em> den S\u00e4nger im l\u00e4ssigen wei\u00dfen Anzug. Auf seinen Knien ruht ein junger Tiger, statt eines strahlenden L\u00e4chelns tr\u00e4gt der S\u00e4nger einen n\u00fcchternen Blick im Gesicht. Dieses Bild wurde zum Symbol schwarzer Coolness.<br \/>\nDas Album \u00fcberrascht den H\u00f6rer mit Humor. <em>Thriller<\/em> ist eine Platte voller Spielzeug, sie klingt nach Geisterbahn, Schmonzette und Kindergeburtstag zugleich. Wenn im Titelst\u00fcck der Altmeister des Horrorfilms Vincent Price mit Grabesstimme von Zombies und Vampiren rappt, ist das purer Kitsch. Michael Jackson ist sich der Fallh\u00f6he durchaus bewusst. Sein naives Vergn\u00fcgen an Rollenspielen pr\u00e4gt das gesamte Album. So inszeniert er sich als gef\u00fchlvoller Lover (<em>Baby Be Mine<\/em>), harter Stra\u00dfenjunge (<em>Beat It<\/em>) oder vom Gro\u00dfstadt-Blues geplagter Stalker (<em>Human Nature<\/em>). Seine hervorragende Stimme verleiht all diesen Figuren Glaubw\u00fcrdigkeit.<\/p>\n<p><em>Thriller<\/em> hat bis heute nichts von seiner Faszination eingeb\u00fc\u00dft, weil es die Balance zwischen inszenierter K\u00fcnstlichkeit und Authentizit\u00e4t wahrt. Besonders die musikalische Perfektion l\u00e4sst es auch nach 25 Jahren noch aktuell klingen. Wie schon f\u00fcr die Aufnahmen zu <em>Off The Wall<\/em> luden Quincy Jones und Michael Jackson nur die profiliertesten Musiker ins Studio ein. Neben dem ehemaligen Miles-Davis-Schlagzeuger Ndugu Chancler machte auch die halbe Besetzung der Rockband Toto mit. Die Professionalit\u00e4t der Studiomusiker, deren Namen sich nur im Kleingedruckten auf der Plattenh\u00fclle wiederfanden, verleihen dem Album eine zeitlose Qualit\u00e4t. Das Material ist ganz auf Michael Jackson zugeschnitten, kein Musiker-Ego st\u00f6rt die Ein-Mann-Schau.<\/p>\n<p>Nur einen Ausbruch g\u00f6nnt sich der Rockfan Jackson: Er verpflichtete den Gitarristen Eddie van Halen, der auf <em>Beat It<\/em> eines der ber\u00fchmtesten Soli der Popmusik einspielte. Ein Geniestreich: Nie zuvor hatte ein wei\u00dfer Hardrock-Gitarrist \u00fcber ein Disco-St\u00fcck gespielt. Was 1982 noch als unm\u00f6gliche Paarung erschien, gilt heute K\u00fcnstlern wie Daft Punk, Justin Timberlake oder LCD Soundsystem als selbstverst\u00e4ndlich.<\/p>\n<p>Der eigentliche H\u00f6hepunkt des Albums ist jedoch eine einzige Basslinie. Das Motiv aus <em>Billie Jean<\/em> markiert einen Wendepunkt in der schwarzen Popmusik: Klang der Bass in St\u00fccken wie James Browns <em>Sex Machine<\/em> noch wie ein r\u00e4udiger Stra\u00dfenk\u00f6ter, verwandelt er sich auf <em>Billie Jean<\/em> in einen schwarzen Panther. Im Rahmen einer Gala zum 25-j\u00e4hrigen Jubil\u00e4um der Plattenfirma Motown bezeugte Michael Jackson diese Geschmeidigkeit:<br \/>\nZu den Kl\u00e4ngen von <em>Billie Jean<\/em> f\u00fchrte er hier zum ersten Mal den legend\u00e4ren Moonwalk auf.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/09\/W-Michael-Jackson\">Seitdem l\u00e4sst sich das St\u00fcck kaum ohne die Tanzschritte Jacksons denken<\/a>. Untrennbar ist <em>Thriller<\/em> mit dem damals aufstrebenden Musiksender MTV verbunden, der <a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=AtyJbIOZjS8&#038;feature=related\">Jacksons innovative Videos<\/a> in die Rotation nahm und ihre Ausstrahlung zu popkulturellen Gro\u00dfereignissen machte. Mit diesem Album best\u00e4rkte Michael Jackson seine visuelle K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit.<\/p>\n<p>Bei soviel historischer Gewichtigkeit muss die Frage erlaubt sein: Was kann eine Wiederver\u00f6ffentlichung des Albums der Legende noch hinzuf\u00fcgen? Bereits die im Jahr 2001 erschienene Special Edition gewann dem Werk trotz Demo- und Bonustracks keine neuen Perspektiven ab. Auch f\u00fcr die Jubil\u00e4umsausgabe verzichtete man auf eine umfassende \u00dcberarbeitung des Sounds. Quincy Jones&#8216; Produktion gibt es nichts hinzuzuf\u00fcgen.<\/p>\n<p>Um jedoch den Einfluss von <em>Thriller<\/em> auf den Pop der Gegenwart zu verdeutlichen, durften sich Kanye West, Akon und Will.I.Am von den Black Eyed Peas als Remixer versuchen. Ihre Interpretationen klingen seltsam blutleer. Will.I.Am, der Jacksons neues Album produziert, zw\u00e4ngt <em>The Girl Is Mine<\/em> und <em>P.Y.T.<\/em> in ein R&#8217;n&#8217;B-Korsett. Keine Spur mehr von der Leichtigkeit der Originale. Peinlich ger\u00e4t der Remix von <em>Beat It<\/em>, auf dem Will.I.Ams Kollegin Fergie vergeblich ihre Stimmb\u00e4nder bem\u00fcht. Einzig Kanye West kann in seiner Interpretation von <em>Billie Jean<\/em> frische Ideen umsetzen; vor der St\u00e4rke des Originals muss aber auch er kapitulieren.<\/p>\n<p>Dass die Nachahmer scheitern, liegt auch an der emotionalen Brisanz des Materials. Denn trotz all der guten Laune und Verspieltheit zeichnet <em>Thriller<\/em> bereits erste Gem\u00fctsschwankungen Jacksons auf. Es sind die Anzeichen der Paranoia, die sein sp\u00e4teres Werk und Leben bestimmen sollte. So ist <em>Wanna Be Startin&#8216; Somethin&#8216;<\/em> mit seinem hyperaktiven Funk-Groove Jacksons erste Antwort auf die \u00f6ffentliche Vereinnahmung seiner Person. In <em>Billie Jean<\/em> ist es der Vorwurf, ein uneheliches Kind gezeugt zu haben, gegen den Jackson verzweifelt ansingt: \u00bb<em>She says I am the one, but the kid is not my son<\/em>\u00ab.<br \/>\nGerade diese musikalisierte Zerbrechlichkeit l\u00e4sst das Album knapp 25 Jahre nach seinem Erscheinen umso relevanter erscheinen. <em>Thriller<\/em> ist nicht nur als perfektes Popalbum zu verstehen, sondern vor allem als Spiegel der komplexen Pers\u00f6nlichkeit seines Sch\u00f6pfers.<\/p>\n<p><em>\u201eThriller\u201c von <a href=\"http:\/\/www.michaeljackson.com\/\" target=\"_blank\">Michael Jackson<\/a> ist im Jahr 1982 bei Epic Records erschienen. Die Jubil\u00e4umsausgabe \u201eThriller 25\u201c ist als Doppel-CD und Doppel-LP erh\u00e4ltlich. Die beiliegende DVD enth\u00e4lt drei Musikclips, sowie Jacksons Auftritt bei der Motown-25-Gala.<\/em><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/10\/bg-bestverkauft\"><strong>Sehen Sie hier die meistverkauften Platten der Musikgeschichte in einer Bildergalerie \u00bb<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Serie \u00dcBER DIE JAHRE<\/strong><br \/>\n(33) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/20\/auf-ins-brackwasser-puppe_659\">Smog: \u201eThe Doctor Came At Dawn\u201c<\/a> (1996)<br \/>\n(32) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/25\/furt-mit-den-klagen_627\">Naked Lunch: \u201eThis Atom Heart Of Ours\u201c<\/a> (2007)<br \/>\n(31) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/14\/hhhmm-beutelrattenfleisch_622\">Neil Young: \u201eDead Man\u201c<\/a> (1996)<br \/>\n(30) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/09\/brull-drei-worte-zum-pogo_616\">The Exploited: \u201eTroops Of Tomorrow\u201c<\/a> (1982)<br \/>\n(29) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/24\/weihnachten-in-bienenwachs_608\">Low: \u201eChristmas\u201c<\/a> (1999)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/category\/1\">Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beitr\u00e4ge<\/a>.<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre (34): Kein Album verkaufte sich so gut wie Michael Jacksons \u201eThriller\u201c. 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