{"id":691,"date":"2008-03-17T16:59:22","date_gmt":"2008-03-17T14:59:22","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/17\/das-ist-doch-kein-jazz_691"},"modified":"2008-03-17T16:59:22","modified_gmt":"2008-03-17T14:59:22","slug":"das-ist-doch-kein-jazz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/17\/das-ist-doch-kein-jazz_691","title":{"rendered":"Das ist doch kein Jazz!"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/01\/uber-die-jahre_118\">\u00dcber die Jahre (34)<\/a>: 1972 erschien Miles Davis\u2019 letztes gro\u00dfes Album \u201eOn The Corner\u201c. Damals wurde es von den Kritikern verrissen, heute gilt es als vision\u00e4res Meisterwerk. <\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/03\/davis-corner200.jpg' alt='Miles Davis On The Corner' \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080317\/080317_1205748249-07&amp;var_mp3_artist=Miles Davis&amp;var_mp3_title=One And One&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Skandal! Kein anderes Album von Miles Davis, ja vermutlich der ganzen neueren Jazzgeschichte hat solche Hassausbr\u00fcche, so w\u00fcste Beschimpfungen provoziert wie <em>On The Corner<\/em>, keines wurde von der z\u00fcnftigen Jazzkritik so gnadenlos zerfetzt. \u201eV\u00f6llig wertlos\u201c, \u201eperpetuierter Stumpfsinn\u201c, \u201eeine Beleidigung f\u00fcr jeden halbwegs intelligenten Menschen\u201c waren bei seinem Erscheinen im Jahr 1972 noch die freundlichsten Kommentare. Weit und breit gab es damals nur gerade eine einzige positive Rezension, und die stand nicht in einer Jazz-Zeitschrift, sondern im Rock-Magazin <em>Rolling Stone<\/em>. Heute, 36 Jahre danach, gilt <em>On The Corner<\/em> als Vorl\u00e4ufer der Ambientmusik. Es gibt kaum einen DJ, der die Platte nicht als Meisterwerk preist.<\/p>\n<p>Was ist sie nun, wertloser Schrott oder Meisterwerk? Eine definitive Antwort gibt es auf diese Frage nicht. Jede Wertung muss so ambivalent und widerspr\u00fcchlich bleiben wie die Platte selbst.<\/p>\n<p>Denn: Einerseits tr\u00e4gt <em>On The Corner<\/em> die Vision einer in jeder Hinsicht grenzenlosen Musik in sich, einer bis dahin noch nie geh\u00f6rten Weltmusik, eines universalen Weltklangs. Mit Jazz hat <em>On The Corner<\/em> zweifellos nichts zu tun, das erkl\u00e4rt die zornige Ablehnung durch die Jazzkritik. Ihr war es unertr\u00e4glich, dass ausgerechnet einer, der die Entwicklung des Jazz seit den f\u00fcnfziger Jahren dominiert hatte, so radikal mit seiner Tradition brach.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich, Davis hatte bereits seit Mitte der sechziger Jahre nach einer neuen Musik jenseits der stagnierenden Routinen des Bebop und Hardbop gesucht. Doch auch den Free Jazz verstand er blo\u00df als esoterischen Irrweg, der von jenem Publikum wegf\u00fchrte, dessen Held er sein wollte, der Black Community.<\/p>\n<p>Mit <em>In A Silent Way<\/em> und <em>Bitches Brew<\/em> hatte Davis erste Ausbr\u00fcche gewagt und sich dem Rock, dem Soul, James Brown, Sly Stone, Jimi Hendrix und George Clinton ge\u00f6ffnet. Gewiss hat es ihn ge\u00e4rgert, dass seine Sch\u00fcler ihn kommerziell \u00fcberholten, Wayne Shorter und <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2007\/37\/zawinul-nachruf\" target=\"_blank\">Joe Zawinul<\/a> mit Weather Report, Herbie Hancock mit Joe Zawinul mit Headhunter, Chick Corea mit <em>Return To Forever<\/em>, John McLaughlin mit dem Mahavishnu Orchestra und Tony Williams mit seinem Trio Lifetime. Mehr noch st\u00f6rte ihn, dass sie seine Erfindung, den Electric Jazz, mit kalter Technik, leerer Virtuosit\u00e4t und kopflastiger Komplexit\u00e4t \u00fcberfrachteten und ihm die Emotionen, den Soul und die Schw\u00e4rze nahmen.<\/p>\n<p>In einer Kneipe um die Ecke hatte Miles Davis die indische Musik entdeckt \u2013 er sa\u00df dort oft mit seinem Freund, dem Perkussionisten James M&#8217;tume Forman, und philosophierte \u00fcber die Zukunft der Musik. In London hatte er den Cellisten Paul Buckmaster kennengelernt, der ihm Bachs Cellosonaten vorspielte, sich f\u00fcr die Musik Karlheinz Stockhausens begeisterte, Arrangements f\u00fcr David Bowie, Elton John, Meat Loaf und Leonard Cohen schrieb und zugleich in abseitigen Rockgruppen spielte. Davis saugte diese Einfl\u00fcsse auf und verband sie in seiner neuen Musik, vor allem den metaphysischen Klang, den Stockhausen in seinen Kompositionen <em>Gruppen<\/em> oder <em>Mixtur<\/em> suchte. Auf der Basis einfacher, sich endlos wiederholender funkiger Bassmuster sollte eine abstrakte Klanglandschaft entstehen, eine Polyphonie disparater Partikel unterschiedlicher Herkunft, die unabh\u00e4ngig voneinander herumschwirren, sich f\u00fcr Momente zusammenballen, ineinander verschlingen und dann wieder auseinanderdriften, die angeknipst und wieder ausgeschaltet werden. (Das Plattencover von Corky McCoy, auf das Davis gegen den Willen der Plattenfirma bestand, ist gleichsam eine Visualisierung dieses musikalische Programm: Es zeigt schwarze Herumh\u00e4nger, l\u00e4ssige Zuh\u00e4lter, scharfe Nutten und die beiden Worte <em>On<\/em> und <em>Off.)<\/em><\/p>\n<p>Paul Buckmaster schrieb Scores, fragmentarische Motive, rhythmische Muster, Bassfiguren, er dachte sich Abl\u00e4ufe aus, die dieses <em>On<\/em> und <em>Off<\/em> steuern sollten. Er verteilte sie an die Musiker, die sie (nach eigenen Aussagen) studierten, ohne genau zu wissen, was sie damit anfangen sollten. Wie bei Davis \u00fcblich, wurde nicht gemeinsam geprobt, stattdessen lud er die Musiker zu Einzelgespr\u00e4chen nach Hause, zeigte ihnen dies und das und diskutierte mit ihnen diese oder jene nebul\u00f6se Idee.<\/p>\n<p>Als die mindestens 13 Musiker sich am 1. Juni 1972 zur ersten Aufnahmesession trafen, wusste keiner, was Davis von ihm erwartete. Der indische Tablaspieler Roy Badal berichtete sp\u00e4ter, dass Davis ihn einfach angewiesen habe, mit irgendeiner rhythmische Figur zu beginnen, Michael Henderson warf monotone Bassfiguren ein, Jack DeJohnette dengelte sparsame auf dem Schlagzeug, Herbie Hancock fl\u00fcsterte <em>&#8222;Yeah&#8220;<\/em> und gesellte sich mit einigen Orgelkl\u00e4ngen dazu. Erkennbare Themen gibt es mit einer Ausnahme <em>(Black Satin)<\/em> keine, Buckminsters Scores blieben unbeachtet in einer Ecke liegen, Davis knipste diesen oder jenen Musiker an, spielte selber hie und da einige elektronische Wahwah-Kl\u00e4nge auf der Trompete. Soli im konventionellen Sinn gibt es ebenfalls keine, allenfalls schiebt sich ein Instrument f\u00fcr eine Weile in den Vordergrund, um dann wieder im Klangstrom zu versinken. (Nicht ganz zuf\u00e4llig fehlt auf der Originalh\u00fclle jeder Hinweis auf die beteiligten Musiker; f\u00fcr Davis z\u00e4hlten nicht die einzelnen Musikerpers\u00f6nlichkeiten, er verstand sich als eine Art Hexenmeister, der aus den verschiedensten Ingredienzien ein neues <em>Bitches Brew<\/em> mischte.)<\/p>\n<p>Aufschlussreich ist die Anekdote, die der Saxofonist Dave Liebman erz\u00e4hlt: Miles Davis beorderte ihn, w\u00e4hrend die Aufnahmesession bereits lief, dringend ins Studio, und obwohl er noch nie  zuvor mit Davis gespielt hatte, geschweige denn in die Vorbereitungen zu <em>On The Corner<\/em> einbezogen war, schob ihn Davis kurzerhand vor ein Mikrofon und knipste ihn mit einem einzigen Wort an: <em>&#8222;Play!&#8220;<\/em><\/p>\n<p>So entstanden in langen Sessions scheinbar endlose, mal etwas schneller, mal etwas langsamer dahinflie\u00dfende, blubbernde Klangstr\u00f6me von unterschiedlicher Intensit\u00e4t und Dichte \u2013 Musik von langweiliger Monotonie f\u00fcr denjenigen, der durchstrukturierte Formen, Spannungsb\u00f6gen und virtuose Jazzsoli erwartet, aufregend und spannend f\u00fcr denjenigen, der sich darauf einl\u00e4sst, sich von diesem kosmischen Weltklang mitnehmen zu lassen. Erst im Nachhinein wurden die einzelnen St\u00fccke aus diesem Endlosband herausgeschnitten.<\/p>\n<p>Das ist die eine Seite von <em>On The Corner.<\/em> Zugleich ist das Album auch das Resultat einer kapitalen pers\u00f6nlichen Krise Davis\u2019. Eben hatte ihn seine Lebenspartnerin verlassen; Arthritis, schmerzhafte Gallensteine und akute H\u00fcftproblemen machten jeden Konzertauftritt zur Qual, die Folgen einer schweren Lungenentz\u00fcndung machten es ihm unm\u00f6glich, \u00fcberhaupt l\u00e4ngere Melodielinien zu spielen. Die Schmerzen und seine Depression hielt er mit einer hoch dosierten Mischung aus Alkohol, Kokain, Schmerz- und Aufputschmitteln in Schach. R\u00fcckl\u00e4ufige Plattenertr\u00e4ge, die Drogen und Strafgelder f\u00fcr abgesagte Konzerte bedrohten seinen luxuri\u00f6sen Lebenswandel, zudem sa\u00df ihm die Steuerbeh\u00f6rde mit hohen Nachforderungen im Nacken. Die Kreativit\u00e4t und Kraft des alles \u00fcberragenden Improvisators und anr\u00fchrenden Balladenmeisters hatten ihn verlassen. So ist <em>On The Corner<\/em> denn auch ein verzweifelter Versuch, als Vision\u00e4r einer v\u00f6llig neuen Weltmusik noch einmal Ruhm zu erlangen. Drei Jahre sp\u00e4ter, nach nur noch sporadischen Aufnahmen und Auftritten zog sich Davis schwer krank f\u00fcr sechs Jahre v\u00f6llig von der Musikszene zur\u00fcck, um, wie er sagte, auf den Tod zu warten.<\/p>\n<p><em>\u201eOn The Corner\u201c von <a href=\"http:\/\/www.dragcity.com\/bands\/smog.html\" target=\"_blank\">Miles Davis<\/a> ist im Jahr 1972 bei Columbia Records erschienen. Ebenda erschien k\u00fcrzlich zum Abschluss der luxuri\u00f6s ausgestatteten achtteiligen Reihe \u201eThe Complete Columbia Studio Recordings Of Miles Davis\u201c die 6 CD-Box \u201eThe Complete On The Corner Sessions\u201c. <\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Serie \u00dcBER DIE JAHRE<\/strong><br \/>\n(33) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/20\/auf-ins-brackwasser-puppe_659\">Smog: \u201eThe Doctor Came At Dawn\u201c<\/a> (1996)<br \/>\n(32) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/25\/furt-mit-den-klagen_627\">Naked Lunch: \u201eThis Atom Heart Of Ours\u201c<\/a> (2007)<br \/>\n(31) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/14\/hhhmm-beutelrattenfleisch_622\">Neil Young: \u201eDead Man\u201c<\/a> (1996)<br \/>\n(30) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/09\/brull-drei-worte-zum-pogo_616\">The Exploited: \u201eTroops Of Tomorrow\u201c<\/a> (1982)<br \/>\n(29) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/24\/weihnachten-in-bienenwachs_608\">Low: \u201eChristmas\u201c<\/a> (1999)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/category\/1\">Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beitr\u00e4ge<\/a>.<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre (34): 1972 erschien Miles Davis\u2019 letztes gro\u00dfes Album \u201eOn The Corner\u201c. 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