{"id":6933,"date":"2010-11-22T10:36:54","date_gmt":"2010-11-22T09:36:54","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=6933"},"modified":"2010-11-24T15:23:46","modified_gmt":"2010-11-24T14:23:46","slug":"cee-lo-green","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/11\/22\/cee-lo-green_6933","title":{"rendered":"Eine Prise Schmerz mit viel Sirup"},"content":{"rendered":"<p><strong>Sein Song &#8222;Crazy&#8220; mit Gnarls Barkley war die gr\u00f6\u00dfte Single des 21. Jahrhunderts. Auf seinem neuen Soloalbum ver\u00f6ffentlicht Cee-Lo Green nun Soulgospelfunkrap der besseren Art.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_6983\" aria-describedby=\"caption-attachment-6983\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/cee-lo-green-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"cee-lo-green-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-6983\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/cee-lo-green-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/cee-lo-green-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6983\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Warner Music<\/figcaption><\/figure><!--more--><\/p>\n<p>Wenn man sich die schwarze Popmusik als Schulklasse vorstellt, dann besetzt der aus Atlanta stammende <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/zeitmagazin\/2010\/11\/13\/cee-lo-green\/\">Cee-Lo Green<\/a> die Rolle des Klassenclowns. Er ist ein theaterspielender Allesk\u00f6nner. Schon vor 15 Jahren, damals noch als Rapper des Goodie Mob, hat sich der gedrungene Typ mit dem Kastensch\u00e4del und den t\u00e4towierten Armen schrille Per\u00fccken aufgesetzt. Als er dann 2002 eine Solokarriere begann, wusste man nie so recht, ob er den n\u00e4chsten Song im <em>Star-Wars<\/em>-Kost\u00fcm oder in Frauenkleidern auff\u00fchren w\u00fcrde. Entsprechend spleenig wirkten seine Alben: Die Kritiker liebten Cee-Lo Greens zwischen Gospel, Funk und Rap oszillierende Musik, bejubelten ihn gar als f\u00fclligeren Wiederg\u00e4nger von <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2010\/28\/Konzert-Prince\">Prince<\/a>. Dem Massenpublikum erschlossen sich seine Rollenspiele weniger. Zu esoterisch f\u00fcr die Hip-Hop-Jugend, zu aggressiv f\u00fcr die Soulgemeinde.<\/p>\n<p>Man kann Cee-Los Metamorphosen als Spiegel seiner zerrissenen Lebensgeschichte begreifen: Der Sohn eines Paars von Baptistenpredigern singt zun\u00e4chst im Gospelchor und strebt selbst eine Karriere als Prediger an. Sp\u00e4ter profiliert er sich als Hip-Hop-DJ und Rapper und wird, gerade erst 18-j\u00e4hrig, durch den Tod der Mutter aus der Bahn geworfen. Nur seine musikalische Leidenschaft rettet den Schl\u00e4ger und Autoknacker davor, ganz im kriminellen Milieu zu versinken. Seine Erfahrungen packt Green 2006 in eine <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2006\/17\/gnarls_barkley\">z\u00fcndende Popnummer: <em>Crazy<\/em><\/a>. Der Song, den er als H\u00e4lfte des Duos <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/16\/Gnarls-Barkley\">Gnarls Barkley<\/a> einsingt, wird zum bisher gr\u00f6\u00dften Single-Hit des 21. Jahrhunderts. Vier Jahre hat Green gebraucht, um mit einem Solowerk nachzulegen: <em>The Ladykiller<\/em> \u2013 ein Soulalbum mit Cee-Lo in der Rolle des Frauenbet\u00f6rers und Schweren\u00f6ters.<\/p>\n<p><object width=\"540\" height=\"304\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/aPPtgBMCzpI?fs=1&amp;hl=de_DE\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object><\/p>\n<p>Dass der Mann inzwischen wei\u00df, wie man Massenappeal buchstabiert, beweist die mehr als 20 Millionen Mal im Internet angeklickte Vorabsingle <em>Fuck You!<\/em> Keine handels\u00fcbliche Obsz\u00f6nit\u00e4t, sondern der Aufschrei eines verlassenen Liebhabers, der seine Ex mit neuem Freund im Ferrari vorbeirauschen sieht: &#8222;Er ist f\u00fcr dich eine X-Box \/ ich bin nur ein Atari&#8220;. Sarkastisch verpackt Green die Trag\u00f6die einer unerwiderten Leidenschaft in einen unwiderstehlichen Fingerschnipper; selbst der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/musik\/2009-11\/bg-motown\">Motown-Chef Berry Gordy<\/a> k\u00e4me wohl kaum umhin, anzuerkennen, dass der Song Mitpfeifqualit\u00e4ten hat. <\/p>\n<p>Von einem Pastiche der goldenen Soul-\u00c4ra aber ist Cee-Lo Green weit entfernt: Er beugt die Regeln, flucht, wann immer es ihm passt. Au\u00dferdem hat er eine Reihe erstklassiger Hip-Hop-Produzenten als Kulissenbauer f\u00fcr seine selbst geschriebenen Songs engagiert. Das Ergebnis wirkt wie ein barocker Gegenentwurf zum Minimalismus des zeitgen\u00f6ssischen Rhythm&#8217;n&#8217;Blues: mit Gospel-Beats, den Aaahs und Ooohs des Backgroundchors, opulenten Streichern, Glockenspiel\u2026<\/p>\n<p>Auf <em>The Ladykiller<\/em> hat Cee-Lo Green endlich das passende Korsett f\u00fcr seine expressiv kn\u00f6delnde Stimme gefunden: In den Songs schwingt bei aller Kraftmeierei stets auch ein wenig Verzweiflung mit. Oft sind die Geschichten von erkalteten Aff\u00e4ren und wiedereroberten Lieben nur ein Vorwand, um den schmachtenden Crooner voll auszuspielen und nach altem Motown-Rezept eine Prise Schmerz mit viel Sirup aufzukochen.<\/p>\n<p>Zum Gl\u00fcck aber haben einige von Greens exzentrischen Charakterz\u00fcgen die geschliffene Produktion \u00fcberlebt. So reicht das Spektrum von der Neo-Disco-Nummer <em>Bright Lights Bigger City<\/em> \u00fcber die als <em>Forget You<\/em> entsch\u00e4rfte Vorabsingle bis zur d\u00fcster-intensiven Mord-Ballade Bodies, in der er von einer Frauenleiche auf seinem Bett fl\u00fcstert. F\u00fcr den Tanztee taugt diese Platte nur bedingt. Spannender aber als die braven Retro-Soul-Nummern in den Charts dieser Tage ist Cee-Lo Greens Freak-Show garantiert. <\/p>\n<p><em>&#8222;The Ladykiller&#8220; von Cee-Lo Green ist erschienen bei Warner Music.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus der ZEIT Nr. 47\/2010<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sein Song &#8222;Crazy&#8220; mit Gnarls Barkley war die gr\u00f6\u00dfte Single des 21. Jahrhunderts. 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