{"id":6939,"date":"2010-11-17T15:30:03","date_gmt":"2010-11-17T14:30:03","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=6939"},"modified":"2010-11-19T11:53:33","modified_gmt":"2010-11-19T10:53:33","slug":"elvis-costello","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/11\/17\/elvis-costello_6939","title":{"rendered":"Er hat den Wall-Street-Blues"},"content":{"rendered":"<p><strong>Harte Zeiten vom Schwarzen Freitag bis heute: Elvis Costello hat den Soundtrack zur Finanzkrise gemacht und nennt ihn &#8222;National Ransom&#8220;.<\/strong><br \/>\n<figure id=\"attachment_6940\" aria-describedby=\"caption-attachment-6940\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/elvis-costello-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"elvis-costello-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-6940\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/elvis-costello-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2010\/11\/elvis-costello-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-6940\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Universal Music<\/figcaption><\/figure><!--more--><\/p>\n<p>&#8222;Wo ist Buddy Hollys Brihille jetzt?&#8220; fragten einst die \u00c4rzte. Die Antwort: auf der Nase von Elvis Costello. Der Brite, der einen K\u00fcnstlernamen nun wirklich n\u00f6tig hat \u2013 geboren wurde er 1954 als Declan Patrick Aloysius MacManus \u2013 fing in den Siebziger als sp\u00e4ter Erbe des fr\u00fch gestorbenen Rock&#8217;n&#8217;Roll-Helden in Londoner Pubs an, zu einer Zeit, als Punk und Wave gerade keimten. Mit seinem neuen Album ist er wieder ungef\u00e4hr da angekommen, um die Ecke vom Country.<\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud172454751818\"><\/div>\n<p>Costello ist eine dieser Konstanten der Popkultur, immer irgendwie da, gut vernetzt, aber nie richtig gro\u00df, jedenfalls auf den Skalen von Starruhm und wirtschaftlichem Erfolg. Vielleicht hat er sich daf\u00fcr zu oft verwandelt, hat sich in Soul, Pop, Rock, Blues, Country, Jazz, Klassik versucht. Vielleicht ist er auch ein zu kantiger Charakter \u2013 der Kollege von der <em><a href=\"http:\/\/sz-magazin.sueddeutsche.de\/blogs\/musikblog\/2634\/elvis-costello-im-interview-ich-denke-niemals-daran-was-cool-sein-konnte\/\">S\u00fcddeutschen<\/a><\/em> bekam auf selbstgef\u00e4llige Fragen so knarzige Antworten, dass er \u00fcbers Interview schrieb, &#8222;anl\u00e4sslich seines neuen Albums <em>National Ransom<\/em> spricht ein schlecht gelaunter Elvis Costello&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Auch weltanschaulich eckt Costello an. Ein Konzert in Israel sagte er ab, um gegen die Behandlung der Pal\u00e4stinenser zu protestieren. Und die Zeitung <em>Die Welt<\/em> meckert, das Cover von <em><a href=\"http:\/\/www.elviscostello.com\/micro\/national-ransom\/\">National Ransom<\/a><\/em> erinnere an DKP-Plakate und das Neue Deutschland. Es zeigt einen Wolf in Gamaschen und Zylinder, gezeichnet wie schon fr\u00fchere Costello-Cover vom Comic-K\u00fcnstler Tony Millionaire. <\/p>\n<p>Der Wolf ist ein altmodischer Cartoonkapitalist, auf der Flucht mit einem Koffer brennenden Geldes. Costello singt im Titelsong vom Gemetzel auf der Wall Street und der Verachtung f\u00fcr die Akteure, von &#8222;bankrotten Zeiten, wann immer die sein m\u00f6gen&#8220; &#8211; und legt damit den Rahmen f\u00fcr die 16 meist kurzen Songs fest: harte Zeiten vom Schwarzen Freitag 1929 bis heute, &#8222;und derweil arbeiten wir jeden Tag, um das nationale L\u00f6segeld abzuzahlen&#8220;. <\/p>\n<p>Nimmt man das Konzept \u2013 Soundtrack zur Krise \u2013 allzu ernst, muss man das Resultat ein bisschen d\u00fcnn finden; Costello war noch nie f\u00fcr den Wirtschaftsnobelpreis nominiert. Versteht man es als Kulisse f\u00fcr einen der besseren Songwriter des 20. und 21. Jahrhunderts, eignet es sich gar nicht so schlecht. Es ist eine wandlungsf\u00e4hige Drehb\u00fchne, auf die Costello immer neue Charaktere stellt, Jimmie auf einem Bahnsteig in Lancashire, eine Josephine und eine Jezebel, Dr. Watson.<\/p>\n<p>Zwei Dinge pr\u00e4gen das Werk Costellos, durch alle Wandlungen: Er schreibt Zeilen, die an Wortwitz und lyrischer Leichtigkeit kaum zu \u00fcbertreffen sind. Wohl dem, der Englisch kann \u2013 vern\u00fcnftig \u00fcbersetzen l\u00e4sst sich vieles nicht. Und er kennt die Musikgeschichte mindestens so gut wie die Listen schreibenden Nerds aus den Romanen <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/kultur\/film\/2010-02\/education-nick-hornby\">Nick Hornbys<\/a>, k\u00f6nnte wahrscheinlich die Charts der ersten Februarwoche 1959 auswendig hersagen. Pop ist ein Selbstbedienungsladen, Costello ist der Shoplifter, und er dampft durch alle Regalgassen. <\/p>\n<p><object width=\"540\" height=\"304\"><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/www.youtube.com\/v\/BGOGKnwJzDU?fs=1&amp;hl=de_DE\"><\/param><param name=\"allowFullScreen\" value=\"true\"><\/param><param name=\"allowscriptaccess\" value=\"always\"><\/param><\/object><\/p>\n<p>Das f\u00e4ngt auf <em>National Ransom<\/em> mit heftig rockigen T\u00f6nen im Titelsong an, geht akustisch und intim mit<em> Jimmy in the Rain<\/em> weiter, wird in <em>Stations Of The Cross<\/em> angejazzt und wechselt in <em>A Slow Drag With Josephine<\/em> nach Nashville, wo Teile des Albums entstanden. Die anderen nahmen Costello und seine Stammbands The Imposters und The Sugarcanes sowie Gastmusiker Vince Gill, Marc Ribot, Buddy Miller und <a href=\"http:\/\/www.leonrussellrecords.com\/\">Leon Russell<\/a> in Los Angeles auf, in insgesamt nur elf Tagen. <\/p>\n<p>Produziert hat das Album <a href=\"http:\/\/www.tboneburnett.com\/\">T Bone Burnett<\/a>, mit dem Costello Ende der Achtziger im Duett als Coward Brothers auftrat und die Fans aus seinen punkigen Zeiten mit Country-Arrangements verst\u00f6rte. Mal schaut der Geist von George Harrison vorbei, mal wimmert die Slide-Guitar, mal stehen Crooner wie Frank Sinatra Pate \u2013 allerdings mit Costellos immer irgendwie angeschlagener Stimme, die sich durch Skurriles und Sentimentales zw\u00e4ngt, durch wortgewaltige Texte, mit Liebe zum Detail umgesetzt. <\/p>\n<p>Rock, Country, Punk \u2013 Etiketten, sagt Costello im schlecht gelaunten Interview, bergen die Gefahr, dass man den Inhalt aus dem Blick verliert, die Musik. &#8222;Das ist, als ob man eine Packung Kekse kauft und dann in die Verpackung bei\u00dft, in der Erwartung, dass sie gut schmeckt.&#8220; Das schwere schwarze Gestell auf Costellos Nase ist nicht wirklich Buddy Hollys Brille. Die ist in Hollys Heimatstadt Lubbock, Texas, im Buddy Holly Center ausgestellt.<\/p>\n<p><em>Elvis Costello: &#8222;National Ransom&#8220; (Concord\/Universal) <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Harte Zeiten vom Schwarzen Freitag bis heute: Elvis Costello hat den Soundtrack zur Finanzkrise gemacht und nennt ihn &#8222;National Ransom&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"author":130,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_jetpack_memberships_contains_paid_content":false,"footnotes":""},"categories":[857,858,869],"tags":[],"class_list":["post-6939","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-blues","category-country","category-pop"],"yoast_head":"<!-- This site is optimized with the Yoast SEO plugin v21.0 - https:\/\/yoast.com\/wordpress\/plugins\/seo\/ -->\n<title>Er hat den Wall-Street-Blues - Musikblog<\/title>\n<meta name=\"robots\" content=\"index, follow, max-snippet:-1, max-image-preview:large, max-video-preview:-1\" \/>\n<link rel=\"canonical\" href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/11\/17\/elvis-costello_6939\" \/>\n<meta property=\"og:locale\" content=\"de_DE\" \/>\n<meta property=\"og:type\" content=\"article\" \/>\n<meta property=\"og:title\" content=\"Er hat den Wall-Street-Blues - 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