{"id":710,"date":"2008-04-21T16:37:37","date_gmt":"2008-04-21T14:37:37","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/21\/ein-liter-schwarzer-atlantik_710"},"modified":"2008-04-21T16:37:37","modified_gmt":"2008-04-21T14:37:37","slug":"ein-liter-schwarzer-atlantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/21\/ein-liter-schwarzer-atlantik_710","title":{"rendered":"Ein Liter Schwarzer Atlantik"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Seit 25 Jahren rappen britische MCs \u00fcber karibische Rhythmen. \u201eAn England Story\u201c res\u00fcmiert die vom Kolonialismus gepr\u00e4gte Geschichte des HipHop im Vereinigten K\u00f6nigreich.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Soul Jazz England Story\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/04\/england-souljazz.jpg\" \/> <\/a><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080317\/080317_1205748249-06&amp;var_mp3_artist=YT&amp;var_mp3_title=England Story&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Die Menschen bei Soul Jazz Records m\u00fcssen riesige Ohren haben. Im Londoner Viertel Soho sitzen sie vor Plattenspielern und h\u00f6ren sich t\u00e4glich durch hohe Stapel verkratzter Vinylscheiben, gefunden in Kellern, billig erstanden auf Flohm\u00e4rkten, f\u00fcr viel Geld beim Sammler gekauft. Welche Namen man der Musik gegeben hat, ist ihnen gleich, ebenso, auf welchem Kontinent und in welchem Jahrzehnt sie aufgenommen wurde. Die Menschen bei Soul Jazz Records in Soho h\u00f6ren einfach alles.<\/p>\n<p>Sie tun das nicht f\u00fcr sich, sie wollen Geschichten erz\u00e4hlen, Geschichte erz\u00e4hlen. Immer wenn sie zehn, zwanzig tolle St\u00fccke in einer Schublade gesammelt haben, bringen sie eine Platte raus und verkaufen sie zu einem guten Preis. In ihrem Plattenladen Sounds Of The Universe in der Broadwick Street und bei Honest Jon\u2019s in der Portobello Road kosten die CDs und Doppel-LPs rund zehn Pfund, so g\u00fcnstig bekommt man sie in Deutschland nicht.<\/p>\n<p>Freilich, die Kompilationen von Soul Jazz Records sind sehr speziell. Ganze Serien entstehen, die sich mit winzigen Bereichen der popul\u00e4ren Musik auseinandersetzen. Mehrere Alben f\u00fchrten in den New York Noise der Jahre 1977 bis 1984 ein. Funk ist nicht gleich Funk, sondern Philadelphia Funk, New Orleans Funk oder Jamaica Funk. Und so ist das bei jedem Genre: Ort und Zeit spielen eine gro\u00dfe Rolle. Doch das Spezielle dient hier nicht der Abgrenzung, sondern der Verbreitung von Wissen \u00fcber Musik und der Vermittlung eines Gef\u00fchls f\u00fcr die Geschichte der Musik. Diese Alben wollen sie erz\u00e4hlen, deshalb sind in den H\u00fcllen kluge Texte \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Aufnahmen abgedruckt. Man erf\u00e4hrt etwas \u00fcber das Genre, \u00fcber die K\u00fcnstler und die Lieder.<\/p>\n<p>Seit beinahe zwanzig Jahren verfolgen die Menschen bei Soul Jazz Records ihre Mission, rund 180 Zusammenstellungen sind in dieser Zeit entstanden. Anfangs waren darauf vor allem Reggae und Ska, Soul, Funk und Jazz zu h\u00f6ren, mittlerweile widmen sie sich auch dem Post-Punk und dem Disco, dem HipHop und dem Gospel, afro-kubanischen Kl\u00e4ngen oder der brasilianischen Tropic\u00e1lia. K\u00fcrzlich erschienen sechs LPs mit aktuellem Dubstep.<\/p>\n<p><em>An England Story<\/em> nennt sich das neue Werk, <em>The Culture Of The MC In The UK 1984 \u2013 2008<\/em> ist sein Untertitel. Es geht um den Master of Ceremonies \u2013 denjenigen also, der wortgewaltiges Geplapper zu Rhythmen und Klangschnipseln vortr\u00e4gt. Es geht um britischen HipHop. F\u00e4lschlicherweise, so wird in der H\u00fclle erl\u00e4utert, werde dieser h\u00e4ufig als Form des in Amerika beheimateten Rap betrachtet. Dabei habe der jamaikanische Reggae einen wesentlich st\u00e4rkeren Einfluss gehabt. Schwarze Musik in Gro\u00dfbritannien habe sich anders entwickelt als die in Amerika oder Afrika, vor allem wegen der ehemals kolonialen Beziehung des K\u00f6nigreichs in die Karibik.<\/p>\n<p>In Anlehnung an die Theorie des <em>Black Atlantic,<\/em> im Jahr 1992 von dem Kulturwissenschaftler Paul Gilroy ersonnen, geht es auf <em>An England Story<\/em> nicht darum, die Lieder der Unterdr\u00fcckten wieder zu singen, die Lieder von Jamaikanern in England. Stattdessen wird die Untrennbarkeit kultureller Einfl\u00fcsse vor Ohren gef\u00fchrt. Gilroy fand das Bild des Schwarzen Atlantik um die durch Sklaverei und Kolonialisation beeinflusste kulturelle Produktion zu beschreiben. Sklaven und Kolonialherren befuhren den Atlantik mit ihren Schiffen in die eine Richtung, R\u00fcckkehrer, Intellektuelle und andere karibische Emigranten in die andere. Der in England praktizierte HipHop ist folglich keine berechenbare Mischung aus britischer und jamaikanischer Kultur, er ist ein Produkt der untrennbar verwobenen und sich fortsetzenden Geschichten Gro\u00dfbritanniens und der Karibik. <em>An England Story<\/em> \u2013 ein Liter Wasser aus dem <em>Black Atlantic.<\/em><\/p>\n<p>In den Siebzigern t\u00f6nten in England \u00fcberall <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Soundsystem_%28Jamaika%29\" target=\"_blank\">jamaikanische Soundsystems<\/a>, in den fr\u00fchen Achtzigern begannen MCs, den Reggae zu Bereimen. MCs wie Papa Levi und Jah Screechy erz\u00e4hlten in flotter Mundart von ihrem Alltag als Fremde im eigenen Land. Ihre B\u00e4sse sa\u00dfen tief, sie hatten wenig gemein mit den scheppernden Rhythmen aus der New Yorker Bronx. Und was dort rappen hie\u00df, wurde in England meist MCing genannt. Das Genre wurde vielgestaltiger, die Rhythmen komplexer, mal schneller, dann wieder langsamer. <em>Jamaica<\/em> wurde zum Stil. MCs gaben sich karibische Fantasienamen und kopierten den Zungenschlag der Soundsystems.<\/p>\n<p>Etliche Spielarten des britischen HipHop sind auf <em>An England Story<\/em> zu h\u00f6ren, hier das luftige <em>Complain Neighbour<\/em> von Tippa Irie, dort der hektisch flirrende Bass von Jakes &#038; TCs <em>Deep<\/em>, hier das schwerf\u00e4llige <em>So You Want More<\/em> von Ty &#038; Roots Manuva, dort Suncycles soulig treibendes <em>Somebody<\/em>. Das Album erz\u00e4hlt kurzweilig und kenntnisreich die f\u00fcnfundzwanzigj\u00e4hrige Geschichte des britischen HipHop. Gro\u00dfe Namen sind f\u00fcr diese Geschichte nicht so wichtig, hier geht es um die Meilensteine der Entwicklung des Sprechgesangs, von Dancehall \u00fcber Jungle und Garage hin zu Grime und Dubstep.<\/p>\n<p>Dies alles auf vermeintliche kulturelle Wurzeln zur\u00fcckf\u00fchren ist sinnlos, auch das lehrt diese Zusammenstellung. Nicht einmal auf den fremden Klang der Namen Roots Manuva und Tippa Irie kann man sich verlassen: B\u00fcrgerlich hei\u00dfen sie Rodney Smith und Anthony Henry.<\/p>\n<p><em>\u201eAn England Story\u201c ist auf Doppel-CD sowie zwei Doppel-LPs bei <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.souljazzrecords.co.uk\/\">Soul Jazz Records<\/a>\/Indigo erschienen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie HIPHOP<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/09\/reim-monk-auf-punk_705\">Buck 65: \u201eSituation\u201c<\/a> (Warner 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/29\/diese-djane-ist-ein-geschoss_677\">Missill: \u201eTargets\u201c<\/a> (Discograph\/Rough Trade 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/12\/hokern-am-tapeziertisch_603\">Percee P: \u201ePerseverance\u201c<\/a> (Stones Throw 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/08\/03\/kurz-vorm-umkippen_495\">Common: \u201eFinding Forever\u201c<\/a> (Geffen\/Universal 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/07\/11\/diese-stimme-durchbohrt-wande_445\">Wiley: \u201ePlaytime Is Over\u201c<\/a> (Ninja Tune\/Rough Trade 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\" target=\"_blank\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 25 Jahren rappen britische MCs \u00fcber karibische Rhythmen. \u201eAn England Story\u201c res\u00fcmiert die vom Kolonialismus gepr\u00e4gte Geschichte des HipHop im Vereinigten K\u00f6nigreich. 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