{"id":716,"date":"2008-04-23T17:56:11","date_gmt":"2008-04-23T15:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/23\/im-schein-des-feuerzeugs_716"},"modified":"2008-04-23T17:56:11","modified_gmt":"2008-04-23T15:56:11","slug":"im-schein-des-feuerzeugs","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/23\/im-schein-des-feuerzeugs_716","title":{"rendered":"Im Schein des Feuerzeugs"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Auf \u201eThe Lighter\u201c singt Joanne Robertson 13 unfertige Lieder. Ihre schlaftrunkene Stimme, karge Gitarrenkl\u00e4nge und organische Ger\u00e4usche verleihen dem Album Intimit\u00e4t.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/04\/robertson-lighter.jpg' alt='The Lighter Joanne Robertson' \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n      <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"sameDomain\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080423\/080423_1208970418-01&amp;var_mp3_artist=Joanne Robertson&amp;var_mp3_title=Silver&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>H\u00f6rt man Joanne Robertson singen, kann man sie sich dabei vorstellen. Sie sitzt auf dem Bett in einem sp\u00e4rlich beleuchteten Zimmer. Drau\u00dfen ist es duster, die Stadt liegt still. Kein Ger\u00e4usch ist zu h\u00f6ren \u2013 bis auf das Anschlagen der Gitarrensaiten. Dann dringt eine Stimme durch das Halbdunkel. <em>\u201eThe people in the village \/ all are sleeping \/ when nighttime ends \/ we&#8217;ll take it now\u201c,<\/em> singt Joanne Robertson mit geschlossenen Augen. Ihre Lieder klingen, als seien sie in einem Zustand zwischen Tr\u00e4umen und Wachen aufgenommen worden. In diesen Momenten entstehen Bilder von eigenartiger Kraft, deren Sinn sich niemals ganz erschlie\u00dft. Die Welt erscheint unwirklich, Worte und S\u00e4tze wollen nicht zusammenpassen.<\/p>\n<p><em>The Lighter<\/em> hei\u00dft ihr Album. Es ist kein in sich geschlossenes Werk, vielmehr eine Sammlung skizzenhafter St\u00fccke. Ihre musikalische Offenheit fasziniert. Keines der 13 St\u00fccke klingt wie eine fertige Komposition. Melodien lassen sich allenfalls erahnen, nur selten kehrt ein erkennbarer Refrain wieder. Es sind kurze, zerbrechliche Lieder voller r\u00e4tselhafter Bilder. Wie die Flamme eines Feuerzeugs drohen sie zu erl\u00f6schen. Robertsons Gitarrenspiel klingt improvisiert, fast karg. Meist kommt sie mit wenigen, gleichwohl wirkungsvollen Griffen aus. Mal ist die Bewegung ihrer Finger auf dem Griffbrett der Gitarre zu h\u00f6ren, mal leise Atemger\u00e4usche. Diese Ger\u00e4uschkulisse vermittelt Intimit\u00e4t, es ist, als s\u00e4\u00dfe man gleich neben ihr.<\/p>\n<p>Diese Wirkung ist nicht auf Zuf\u00e4lligkeit oder charmanten Dilettantismus zur\u00fcckzuf\u00fchren. Trotz seiner Grobk\u00f6rnigkeit ist <em>The Lighter<\/em> ein wohldurchdachtes Kunstwerk. Joanne Robertson hat in Glasgow Malerei studiert und geh\u00f6rt zu einer \u00fcberschaubaren Szene junger britischer K\u00fcnstler. Die Zeichnung auf der Plattenh\u00fclle stammt von ihr. Bereits mit ihrer Band I Love Lucy improvisierte sie Texte und sie trat mit dem K\u00fcnstlerkollektiv Blood &#8217;n Feathers auf. Auf <em>The Lighter<\/em> singt sie St\u00fccke, die sie bereits in London mit dem Konzeptk\u00fcnstler Martin Creed auff\u00fchrte.<\/p>\n<p>Mit dem Weird Folk von Devendra Banhart und Joanna Newsom hat sie nichts zu tun, deren Drang zur pr\u00e4tenti\u00f6sen Inszenierung teilt sie nicht. Die Person Joanne Robertson bleibt hinter ihren Liedern unsichtbar. Einzig ihre Stimme dringt aus dem Dunkel hervor.<\/p>\n<p>Joanne Robertson singt, als fielen ihr Musik und Text erst in diesem Moment in den Scho\u00df. Sie singt mit schlaftrunkener Stimme, die ganze Textzeilen verschleiert. Weil sich nur vereinzelt Worte und S\u00e4tze erahnen lassen, ist schwer zu sagen, wovon die Lieder handeln. Ihr entr\u00fcckte Gesang verleiht den Worten einen Klang, hinter dem der eigentliche Sinn verschwindet. St\u00fccken wie <em>Marker<\/em> und <em>Crackling<\/em> ist die Uneindeutigkeit zutr\u00e4glich, sie schimmern geheimnisvoll, fast magisch. Die Stimme klingt wie aus weiter Ferne her\u00fcber, auf allem liegt Hall. Dem St\u00fcck <em>Blow<\/em> verleiht dieser Effekt etwas Geisterhaftes. Auf <em>Stovepipe<\/em> doppeln sich Robertsons dissonante Anschl\u00e4ge, um schlie\u00dflich zitternd zu verhallen.<\/p>\n<p><em>\u201eDreaming is a garden\u201c,<\/em> singt Robertson in <em>Silver.<\/em> In diesem Garten m\u00f6chte man sich ein ums andere Mal verlieren.<\/p>\n<p><em>\u201eThe Lighter\u201c von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/jorobertsonblood39n39feathers\" target=\"_blank\">Joanne Robertson<\/a> ist als LP und CD bei <a href=\"http:\/\/www.textilerecords.com\" target=\"_blank\">Textile Records<\/a>\/Cargo erschienen. <\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie FOLK<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/20\/auf-ins-brackwasser-puppe_659\">Smog: \u201eThe Doctor Came At Dawn\u201c<\/a> (Drag City 1996)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/07\/das-milde-lacheln-miesepeters_620\">Castanets: \u201eIn The Vines\u201c<\/a> (Asthmatic Kitty\/Cargo 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/21\/radikal-selbstgemacht_611\">Jeffrey Lewis: \u201e12 Crass Songs\u201c<\/a> (Rough Trade 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/12\/17\/sternzeichen-wollmaus_598\">Scout Niblett: \u201eThis Fool Can Die Now\u201c<\/a> (Too Pure\/Beggars Banquet 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/11\/16\/musik-wie-zwieback_577\">\u201eNever the Same &#8211; Leave-Taking From The British Folk Revival 1970-1977\u201c<\/a> (Honest Jon&#8217;s 2007)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf \u201eThe Lighter\u201c singt Joanne Robertson 13 unfertige Lieder. 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