{"id":737,"date":"2008-05-16T14:36:51","date_gmt":"2008-05-16T12:36:51","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/16\/der-rupel-und-die-blasse-frau_737"},"modified":"2008-05-16T14:36:51","modified_gmt":"2008-05-16T12:36:51","slug":"der-rupel-und-die-blasse-frau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/16\/der-rupel-und-die-blasse-frau_737","title":{"rendered":"Der R\u00fcpel und die blasse Frau"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Die Schauspielerin Scarlett Johansson m\u00f6chte Tom Waits\u2019 br\u00e4sigem Zirkusjazz einen Schuss Avantgarde injizieren \u2013 und scheitert. Jedem St\u00fcck auf \u201eAnywhere I Lay My Head\u201c h\u00f6rt man ihr Bem\u00fchen an, etwas Besonderes aufzunehmen. <\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Scarlett Johansson Anywhere I Lay My Head\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/05\/johansson-head200.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n    <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080516\/080516_1210940477-01&amp;var_mp3_artist=Scarlett Johansson&amp;var_mp3_title=Falling Down&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Man hatte es geahnt. Sp\u00e4testens seit dieser grandiosen Szene in <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2004\/03\/Portr_8at_Coppola\" target=\"_blank\">Sofia Coppolas<\/a> Film <em>Lost In Translation.<\/em> L\u00e4ssig schmachtet Scarlett Johansson da <em>Brass In Pocket<\/em> von den Pretenders ins Mikrofon. Das war Karaoke, doch wusste man: Die wird mal eine Platte machen.<\/p>\n<p>Die Schauspielerin lie\u00df sich Zeit mit ihrer zweiten Karriere, denn sie meinte es ernst. Das unkaputtbare <em>Summertime<\/em> sang sie f\u00fcr einen guten Zweck ein und galt als Favoritin f\u00fcr die Hauptrolle in Andrew Lloyd Webbers Musical <em>The Sound Of Music.<\/em> Ihre selbstbewussten Auftritte mit den Indierockern The Jesus and Mary Chain gaben Grund zur Hoffnung, sie k\u00f6nne erfolgreich das Fach wechseln. Nur wenigen gelingt das.<\/p>\n<p>Jetzt hat sie es tats\u00e4chlich gewagt. Die Johansson hat eine ganze Platte gemacht, <em> Anywhere I Lay My Head<\/em>. Als Produzenten verpflichtete sie David Siget. Das beweist Geschmack, Siget ist nebenbei Musiker der Rockband TV On The Radio. Macht diese Frau denn alles richtig?<\/p>\n<p>Dann ein erster Wehmutstropfen: Scarlett Johansson spielte keine eigenen Lieder ein, sondern ausschlie\u00dflich von Tom Waits komponierte. Dass ausgerechnet der Leitwolf der verbeulten Tramps und Strauchdiebe f\u00fcr Johanssons Deb\u00fct herhalten muss, ist zun\u00e4chst \u00fcberraschend. Der grantelnde R\u00fcpel und die blasse Frau \u2013 kann das gut gehen? Leider geht es nicht gut.<\/p>\n<p>Was h\u00e4tte man alles aus Johanssons Stimme herausholen k\u00f6nnen! In den guten Momenten erinnert ihre d\u00fcstere F\u00e4rbung an <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/30\/tu-die-traume-in-die-flasche_149\" target=\"_blank\">Nico<\/a>. Doch die guten Momente sind selten, denn <em> Anywhere I Lay My Head<\/em> ist ein Lehrst\u00fcck verschwenderischer Produktionskunst. Sitek webt Johanssons Gesang in einen Teppich aus Gitarrenr\u00fcckkopplungen, Saxofonexzessen, Spieluhrmelodien und hallenden Keyboards. Fr\u00fcher sprach man angesichts solcher Textur anerkennend vom <em>Wall Of Sound<\/em>,<br \/>\nhier klingt sie pr\u00e4tenti\u00f6s. An dieser massiven Klangwand ist die Stimme nur eine Farbe von vielen, sie geht im Allerlei der Effekte unter.<\/p>\n<p>Scarlett Johansson m\u00f6chte Tom Waits\u2019 br\u00e4sigem Zirkusjazz einen Schuss verhuschter Avantgarde injizieren, aber sie scheitert. Jedem St\u00fcck h\u00f6rt man das Bem\u00fchen der Schauspielerin an, ja kein normales Pop-Album zu machen. Allerorten raunt es einem zu: Das hier will etwas Besonderes sein. Ununterbrochen purzeln Klangspielereien und exzentrische Ger\u00e4usche aus den Lautsprechern, halten Grillengezirpe und Vogelstimmen als romantische Ornamente her.<\/p>\n<p>Die z\u00e4rtliche Glockenspiel-Melodie von <em>I Wish I Was In New Orleans<\/em> ertrinkt in Hall. Dabei h\u00e4tte Johanssons Gesang ausgereicht, dem St\u00fcck Sehnsucht zu verleihen. Geradezu komisch ist der pomp\u00f6se Einstieg des Instrumentalst\u00fccks <em>Fawn,<\/em> die Arrangements wirken, als h\u00e4tte sich Bruce Springsteens Saxofonist Clarence Clemons im Bayreuther Orchestergraben verirrt. Als reichte das nicht aus, erklimmen Sitek und Johansson den Gipfel der erzwungenen Stilhuberei gemeinsam mit David Bowie, bei <em>Falling Down<\/em> und <em>Fannin Street<\/em> tritt er als Duettpartner auf. In der Kulissenhaftigkeit des Albums scheint auch er sich nicht wohlzuf\u00fchlen, Orgelfluten schlagen \u00fcber seiner Stimme zusammen.<\/p>\n<p>Streckenweise erlahmt das Album vollkommen, schleppen sich die St\u00fccke vor\u00fcber. Die schl\u00e4frige Melancholie, die der Titel verspricht, verkommt zur erm\u00fcdenden Geste. <em>I Don&#8217;t Want To Grow Up<\/em> ist einer von wenigen guten Momenten: Die Keyboards klingen nach <em>Always On My Mind<\/em> von den <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/05\/31\/heimliche-lieblingslieder_65\" target=\"_blank\">Pet Shop Boys<\/a>, langsam w\u00e4chst eine gelungene New-Wave-Hymne heran. Bald zieht wieder schweres Ger\u00e4uschgewitter auf, zu viel Pop war dem Produzenten offenbar nicht geheuer.<\/p>\n<p>Auf der Albumh\u00fclle ist Scarlett Johansson als blasse Leiche zu sehen, aufgebahrt im k\u00fcnstlichen Gr\u00fcn. Die Kamera beobachtet sie durch ein Astloch. Im M\u00e4rchen k\u00e4me der Prinz und errettete die Pop-Prinzessin. Auf <em>Anywhere I Lay My Head<\/em> versinkt sie in hundertj\u00e4hrigem Schlaf.<\/p>\n<p><em>\u201eAnywhere I Lay My Head\u201c von Scarlett Johansson ist erschienen bei Warner Music.<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/2008\/21\/TomWaits\">Lesen Sie hier, was Diedrich Diederichsen \u00fcber Scarlett Johanssons Musikversuch schreibt \u00bb<\/a><\/strong><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/20\/bg-schauspieler\"><strong>Viele Schauspieler haben Musik gemacht. Manchen ist es gut gelungen, manchen nicht. H\u00f6ren und sehen Sie selbst. Eine Bildergalerie \u00bb<\/strong><\/a><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie POP<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/02\/ins-absurde-erhoben_729\">The Notwist: \u201eThe Devil, You + Me\u201c<\/a> (City Slang 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/30\/puls-im-glanzanzug_726\">Yeasayer: \u201eAll Hour Cymbals\u201c<\/a> (We Are Free\/Cargo 2007)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/18\/lass-das-jammern-eule_713\">Portishead: \u201eThird\u201c<\/a> (Island\/Universal 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/11\/auf-der-ruckbank-rumpeln_697\">Gnarls Barkley: \u201eThe Odd Couple\u201c<\/a> (Warner 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/02\/gleich-ist-nacht_687\">Taunus: \u201eHarriet\u201c<\/a> (Ahornfelder 2008)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schauspielerin Scarlett Johansson m\u00f6chte Tom Waits\u2019 br\u00e4sigem Zirkusjazz einen Schuss Avantgarde injizieren \u2013 und scheitert. 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