{"id":749,"date":"2008-05-23T11:22:26","date_gmt":"2008-05-23T09:22:26","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/23\/aprilscherz-auf-dunnem-eis_749"},"modified":"2008-05-23T11:22:26","modified_gmt":"2008-05-23T09:22:26","slug":"aprilscherz-auf-dunnem-eis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/23\/aprilscherz-auf-dunnem-eis_749","title":{"rendered":"Aprilscherz auf d\u00fcnnem Eis"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>&#8222;Narrow Stairs&#8220; hei\u00dft das neue Album von Death Cab For Cutie. Im Internet hatte es schon vor der Ver\u00f6ffentlichung f\u00fcr gro\u00dfe Verwirrung gesorgt.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Death Cab For Cutie Narrow Stairs\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/05\/dcfc-stairs200.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080519\/080519_1211202380-01&amp;var_mp3_artist=Death Cab For Cutie&amp;var_mp3_title=I Will Possess Your Heart&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Vor ein paar Monaten verschickte <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/09\/neil-young-konzert\" target=\"_blank\">Neil Young<\/a> seine Single <em>Ordinary People<\/em> an amerikanische Radiostationen. Das St\u00fcck dauert knappe zwanzig Minuten, so etwas h\u00f6rt man im Rundfunk selten. Er wisse das, sagte Neil Young, seine St\u00fccke liefen aber auch dann nicht im Radio, wenn sie nur die \u00fcblichen dreieinhalb Minuten dauerten. So habe er eben sein Lieblingsst\u00fcck genommen.<\/p>\n<p>Was mag die amerikanische Band Death Cab For Cutie geritten haben, als sie es ihm nachtat und das achteinhalbmin\u00fctige <em>I Will Possess Your Heart<\/em> als erste Single ihres neuen Albums ver\u00f6ffentlichte. Bei den amerikanischen College-Sendern sind sie seit einigen Jahren beliebt, aber wer sollte nun so etwas spielen? Beh\u00e4big wankt ein markantes Bassmuster zwischen Porcupine Tree und Pink Floyd entlang, erst gegen Ende setzt die Stimme ein, den charmanten Refrain singt sie in der ganzen Zeit nur einmal, kurz vor Schluss. (Von einem Re-frain kann also eigentlich keine Rede sein.)<\/p>\n<p>In der Strophe h\u00e4ngt die Stimme dem Bass hinterher, als sei es ein Kanon. <em>I Will Possess Your Heart<\/em> wiegt schwer. Wer die Band vor drei Jahren mit ihren kleinen Erfolgen <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=f7mNNhRpxyg\" target=\"_blank\">Soul Meets Body<\/a><\/em> und <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=sfBw0IWwO5U\" target=\"_blank\">I Will Follow You Into The Dark<\/a><\/em> kennenlernte, wird griffige Poplieder suchen und die leichten Melodien vermissen. Sind Death Cab For Cutie zu Prog-Rockern geworden? W\u00fcrde so auch das neue Album <em>Narrow Stairs<\/em> klingen?<\/p>\n<p>Im April \u2013 acht Wochen vor Ver\u00f6ffentlichung \u2013 gelangte es dann auf die Tauschb\u00f6rsen im Internet. Erste Rezensionen erschienen in Musik-Blogs, die Stimme des S\u00e4ngers sei zarter als zuvor, die Lieder alle sehr ruhig, hie\u00df es. Es sei erstaunlich viel elektronisches Schlagwerk zu vernehmen, die Melodien \u00fcberwiegend schwach. <em>Narrow Stairs<\/em> klang anders als die Single, das war gut. Aber so weichgesp\u00fclt und \u00f6de wollte es nun auch kaum einer haben. Viele Kommentatoren zeigten sich entt\u00e4uscht, dass <em>Narrow Stairs<\/em> nicht an die W\u00e4rme und Musikalit\u00e4t des letzten Albums <em>Plans<\/em> ankn\u00fcpfe,  wenige feierten es \u00fcberschw\u00e4nglich als einen Schritt nach vorne, ihnen schien die Stimme Benjamin Gibbards Kontinuit\u00e4t genug zu sein.<\/p>\n<p>Nur: diese Stimme geh\u00f6rte gar nicht Gibbard. Ein Spa\u00dfvogel hatte das letzte Album der deutschen Band <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/velveteenmusic\" target=\"_blank\">Velveteen<\/a> umbenannt, die damals schon bekannte Single daruntergemischt und das Ganze den gierigen Runterladern zum Fra\u00df vorgeworfen als studiofrische Platte der Amerikaner. Der Aprilscherz funktionierte mehrere Wochen lang. Die Stimmen der S\u00e4nger \u00e4hneln sich, doch wer genau hinh\u00f6rte, ahnte den Schwindel.<\/p>\n<p>Wer sich nun doppelt verwirren lie\u00df, erst von der Single, dann von Velveteen, den wird das wirkliche <em>Narrow Stairs<\/em> wiederum verwundern. Denn Death Cab For Cutie klingen weder weichgesp\u00fclt, noch sind sie pl\u00f6tzlich melodieschwach auf der Brust, auch der ausufernde Prog-Rock spielt ansonsten keine Rolle. Zum Gl\u00fcck ist die Band klug genug, gar nicht erst zu versuchen, das erfolgreiche <em>Plans<\/em> aus dem Jahr 2005 zu wiederholen. Nein, sie gewinnen ihren Klang zur\u00fcck. Damals waren sie von der kleinen Plattenfirma zur gro\u00dfen gewechselt, das hatte ihre Musik ver\u00e4ndert. Die Gl\u00e4tte von <em>Plans<\/em> umschmeichelte die H\u00f6rer, es verhalf der Band vor allem in den USA zu einem gro\u00dfen Publikum. Doch f\u00fcr die Musiker war es ein Irrweg. Oder eine Sackgasse. Mit <em>Narrow Stairs<\/em> wenden sie, schlendern zur\u00fcck zur letzten Kreuzung und folgen dem Weg, den sie mit ihren ersten vier Alben beschritten hatten.<\/p>\n<p>Die meisten der zehn St\u00fccke neben <em>I Will Possess Your Heart<\/em> sind flott und kurz. <em>Cath &#8230;<\/em>, <em>Long Division<\/em> und <em>No Sunlight<\/em> leben von scheppernden Gitarren, dr\u00e4ngendem Bass und rumpeligem Schlagwerk, kaum eines der St\u00fccke ist l\u00e4nger als vier Minuten. Das ist Rockmusik zum Lieben: gro\u00dfe Melodien, laute Instrumente, wenig Schauspiel, kein Schwei\u00df.<\/p>\n<p>Im Mittelteil der Platte wechselt die Band auch mal das Tempo. <em>Talking Bird<\/em> ist ruhig und langweilig, <em>Grapevine Fires<\/em> ist ruhig und gar nicht langweilig. Im beschwingten <em>You Can Do Better Than Me<\/em> winkt Scott Walker um die Ecke. Bevor es pathetisch wird, ziehen Death Cab For Cutie die Notbremse \u2013 nach kaum anderthalb Minuten Orgelfreuden im Dreivierteltakt.<\/p>\n<p>Gleich, ob die Instrumente beschwingt klingen oder nicht, Benjamin Gibbard singt d\u00fcsteres Zeug. In <em>No Sunlight<\/em> \u2013 man ahnt es schon, wenn man den Titel liest \u2013 hei\u00dft es: <em>\u201eWith every year that came to pass more clouds appeared, till the sky went black and there was no sunlight anymore. And it disappeared at the same speed as the idealistic things I believed when the optimist died inside of me.\u201c<\/em> Fr\u00fcher war nicht alles besser, aber es sah besser aus. Man ver\u00e4nderte sich st\u00e4ndig und k\u00f6nne nichts dagegen tun, dass das Eis unter den F\u00fc\u00dfen d\u00fcnner w\u00fcrde, singt er zu molligen Akkorden. Dann stimmt die Gitarre zwei, drei fr\u00f6hlichere Akkorde, und an Gibbard singt vom Fr\u00fchling. Keine gute Jahreszeit f\u00fcr Eisschollen. Hier, ganz am Ende der Platte wird es musikalisch beschaulich, <em>The Ice Is Getting Thinner<\/em> beschlie\u00dft <em>Narrow Stairs<\/em>. Schon bei Led Zeppelin war das letzte St\u00fcck einer Platte das ruhigste. Das ist nicht die schlechteste Referenz.<\/p>\n<p><em>\u201eNarrow Stairs\u201c von <a href=\"http:\/\/www.lahengst.com\/\" target=\"_blank\">Death Cab For Cutie<\/a> ist als CD bei Atlantic\/Warner Music erschienen, im September soll das Album als LP bei Barsuk ver\u00f6ffentlicht werden.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie POP<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/21\/der-sittich-profitiert-vom-klimawandel_748\">Bernadette La Hengst: \u201eMachinette\u201c<\/a> (Trikont\/Ritchie Records 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/19\/die-zauberkraft-schwindet_741\">JaK\u00f6nigJa: \u201eDie Seilschaft der Verflixten\u201c<\/a> (Buback 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/16\/der-rupel-und-die-blasse-frau_737\">Scarlett Johansson: \u201eAnywhere I Lay My Head\u201c<\/a> (Warner Music 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/05\/02\/ins-absurde-erhoben_729\">The Notwist: \u201eThe Devil, You + Me\u201c<\/a> (City Slang 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/18\/lass-das-jammern-eule_713\">Portishead: \u201eThird\u201c<\/a> (Island\/Universal 2008)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Narrow Stairs&#8220; hei\u00dft das neue Album von Death Cab For Cutie. 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