{"id":780,"date":"2008-06-30T12:08:12","date_gmt":"2008-06-30T10:08:12","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/30\/aus-liebe-zum-bein_780"},"modified":"2008-06-30T12:08:12","modified_gmt":"2008-06-30T10:08:12","slug":"aus-liebe-zum-bein","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/30\/aus-liebe-zum-bein_780","title":{"rendered":"Aus Liebe zum Bein"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/01\/uber-die-jahre_118\">\u00dcber die Jahre (38)<\/a>: Die New Yorker Band Liquid Liquid nahm Anfang der Achtziger gro\u00dfartige Lieder auf, dann zerbrach sie. Beinahe ihr gesamtes Werk ist nun auf \u00bbSlip In And Out Of Phenomenon\u00ab nachzuh\u00f6ren.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" alt=\"Liquid Liquid Slip In And Out Of Phenomenon\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/06\/liquidliquid-slip200.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n     <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080630\/080630_1214820814-02&amp;var_mp3_artist=Liquid Liquid&amp;var_mp3_title=Optimo&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>In der Geschichte der Musik gibt es Gruppen, die immensen Einfluss auf das Nachfolgende aus\u00fcben. Und es gibt Gruppen, die verschwinden, bevor sie \u00fcberhaupt jemand bemerkt hat. Auf das New Yorker Quartett Liquid Liquid trifft beides zu. Wenige Lieder haben sie hinterlassen, doch deren Ruhm \u00fcberragt den schmalen Korpus. Die Band wird zitiert, kopiert und verehrt. Einer der besten europ\u00e4ischen Clubs, <em>Optimo<\/em> in Glasgow, hat sich nach einem ihrer Lieder benannt.<\/p>\n<p>Auf den Fotos von fr\u00fcher sieht man vier wei\u00dfe Jungs in engen Hosen und ranzigen T-Shirts. Sie schauen aus wie gro\u00dfst\u00e4dtische K\u00fcnstler, k\u00f6nnten aber ebenso gut Bohrmaschinenvertreter aus New Jersey sein. Was haben diese unl\u00e4ssigen Typen zu tun mit HipHop, Punk und Disco? Alles und nichts. Ihre Rhythmen treiben, scheppernde Kuhglocken erinnern an den Samba, der Bass an den Funk. Der Gesang klingt in keiner Abspielgeschwindigkeit richtig, auf 33 Umdrehungen scheint die Platte zu langsam, auf 45 zu schnell.<\/p>\n<p>Die Beine sagen: \u00bbDas ist Disco, Mann! Wir m\u00fcssen uns bewegen, da rinnt schon Schwei\u00df von den Haaren.\u00ab Etwas Unterhalb der Haare meldet sich das Gehirn zu Wort: \u00bbNee, das ist Kunst! H\u00f6re auf den Puls dieser seltsamen Kl\u00e4nge. Was wird hier zusammenger\u00fchrt? Hybrider kann Musik kaum klingen, da ist alles drin. Von Afrika bis Eurasien. Wie der Bass die Melodie f\u00fchrt, das ist purer Krautrock. Und die Melodica? Dub Reggae! Das ist der Schmelztigel New York. Sogar <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/22\/elliot-sharp\" target=\"_blank\">Elliott Sharp<\/a> spielt bei einem St\u00fcck mit. Das ist Avantgarde!\u00ab \u2013 \u00bbH\u00f6ren wir auf, dies hier in Schubladen zu versenken, tanzen wir!\u00ab, fordern die Beine. Und so geschieht es.<\/p>\n<p>Anfang der Achtziger erschienen vier EPs von Liquid Liquid auf dem kleinen Label <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/99_Records\" target=\"_blank\">99 Records<\/a>. Die drei ersten werden nun um ein paar unver\u00f6ffentlichte Lieder angereichert bei Domino Records wiederver\u00f6ffentlicht, <em>Slip In And Out Of Phenomenon<\/em> nennt sich die Sammlung. Die im B\u00fcchlein zur CD abgedruckten Flugbl\u00e4tter zeigen, dass die Musikszene im New York der fr\u00fchen Achtziger eng zusammenger\u00fcckt war. Liquid Liquid spielten mit <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2007\/02\/12\/pinkfarbener-wandkuss_309\">Sonic Youth<\/a>, aber auch mit Pionieren des HipHop und des Electro, mit <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Afrika_Bambaataa\" target=\"_blank\">Afrika Bambaataa<\/a>, den <a href=\"http:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Treacherous_Three\" target=\"_blank\">Treacherous Three<\/a> und <a href=\"http:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Afrika_Islam\" target=\"_blank\">Afrika Islam<\/a>. Das erkl\u00e4rt die Uneindeutigkeit, ja Unverfrorenheit ihres Klangs.<\/p>\n<p>Warum wurde die vierte EP nicht ber\u00fccksichtigt? Die Band war nicht zufrieden mit den Liedern. Und warum haben sie nie ein ganzes Album aufgenommen? Weshalb erschienen ihre Lieder in diesem Zwischenformat EP? Waren das nur Bestandsaufnahmen, die den Weg in eine jeweils andere Richtung freimachen sollten? Ein Mythos wird zum Mythos, weil er Fragen offenl\u00e4sst.<\/p>\n<p>Ausgerechnet ihr bekanntestes St\u00fcck wurde Liquid Liquid zum Verh\u00e4ngnis: <em>Cavern<\/em> wurde auf zweifelhaftem Weg vom Disco-Kn\u00fcller zum Welthit. Der Rapper Grandmaster Flash und seine Furious Five lie\u00dfen f\u00fcr ihr <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=8rnCXRfJu_k\" target=\"_blank\">White Lines<\/a><\/em> das St\u00fcck <em><a href=\"http:\/\/www.youtube.com\/watch?v=-4gsoppRmuE\" target=\"_blank\">Cavern<\/a><\/em> nachspielen und rappten dazu. An den Einnahmen wollte Flashs Plattenfirma Sugarhill weder Liquid Liquid noch 99 Records beteiligen. Deren Besitzer Ed Bahlman protestierte, wurde bedroht und prozessierte schlie\u00dflich. Vor Gericht war das eine klare Sache \u2013 99 Records gewann. Doch Sugarhill war bankrott, sie hatten das Geld l\u00e4ngst verprasst. Die hohen Anwaltskosten und die Entt\u00e4uschung gaben Bahlman den Rest: Sein Label ging pleite und die Band zerbrach.<\/p>\n<p>Im Jahr 1997 ver\u00f6ffentlichten die Firmen Mo\u2019 Wax und Grand Royal Liquid Liquids Platten erneut. Bald darauf meldeten sie Konkurs an. Als l\u00e4ge ein Fluch auf den Platten der Band, wer sie unter die Leute bringt, geht pleite. Nun arbeitet das britische Label Domino Records liebevoll das Werk der Band auf, das ist mutig. In der CD-Version gelingt zwar die Dokumentation des Schaffens, doch gibt es wenig, was dar\u00fcber hinausweist. Die LP-Ausgabe ist ganz anders angelegt, sie fr\u00f6nt dem Objektfetisch. In einem Schuber stecken die drei EPs in Originalh\u00fcllen, dem liegen eine CD mit Liveaufnahmen und ein Begleitheft in Postergr\u00f6\u00dfe bei. Das edle St\u00fcck ist f\u00fcr rund 20 Euro zu bekommen, Geld wird die Plattenfirma mit so etwas nicht verdienen.<\/p>\n<p>Man muss Domino Records also gleich doppelt Mut bescheinigen, auch wenn sie nur aus Liebe zu den eigenen Beinen handeln.<\/p>\n<p><em>\u00bbSlip In And Out Of Phenomenon\u00ab von <a href=\"http:\/\/www.liquidliquidmusic.com\/\" target=\"_blank\">Liquid Liquid<\/a> ist auf CD und Dreifach-LP bei Domino Records\/Indigo erschienen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Serie \u00dcBER DIE JAHRE<\/strong><br \/>\n(37) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/25\/furt-mit-den-klagen_627\">Nick Drake: \u201eFruit Tree\u201c<\/a> (1979)<br \/>\n(36) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/25\/lecker-strychnin_720\">The Sonics: \u201eHere Are The Sonics!!!\u201c<\/a> (1965)<br \/>\n(35) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/07\/unterwasserbetrinken_704\">dEUS: \u201eIn A Bar, Under The Sea\u201c<\/a> (1996)<br \/>\n(34) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/17\/das-ist-doch-kein-jazz_691\">Miles Davis: \u201eOn The Corner\u201c<\/a> (1972)<br \/>\n(33) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/20\/auf-ins-brackwasser-puppe_659\">Smog: \u201eThe Doctor Came At Dawn\u201c<\/a> (1996)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/category\/1\">Hier finden Sie eine Liste aller in der Serie erschienenen Beitr\u00e4ge<\/a>.<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre (38): Die New Yorker Band Liquid Liquid nahm Anfang der Achtziger gro\u00dfartige Lieder auf, dann zerbrach sie. 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