{"id":789,"date":"2008-07-09T11:32:18","date_gmt":"2008-07-09T09:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/07\/09\/den-keller-voller-gerate_789"},"modified":"2008-07-09T11:32:18","modified_gmt":"2008-07-09T09:32:18","slug":"den-keller-voller-gerate","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/07\/09\/den-keller-voller-gerate_789","title":{"rendered":"Den Keller voller Ger\u00e4te"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\"><strong>Matmos aus San Francisco sind emsige Klangforscher. Nun haben sie unz\u00e4hlige Synthesizer geschultert und stapfen mit ihrem neuen Album \u00bbSupreme Balloon\u00ab in Richtung Club.<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img src='https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/07\/matmos-supreme.jpg' alt='Matmos Supreme Balloon' \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=080630\/080630_1214820813-01&amp;var_mp3_artist=Matmos&amp;var_mp3_title=Rainbow Flag&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Platte oder CD? Gute Frage. Als die CD eingef\u00fchrt wurde, lockten viele K\u00fcnstler mit Bonusst\u00fccken, die den Kauf des teureren Silberlings attraktiv machen sollten. Der <a href=\"http:\/\/www.zeit.de\/online\/2008\/28\/60-jahre-vinyl\" target=\"_blank\">Schallplatte<\/a> drohte das Ende, als Anfang der Neunziger viele Alben nur noch auf CD erschienen. Es blieb ein kleiner Liebhabermarkt. Seit einiger Zeit nun produzieren selbst die gro\u00dfen Plattenfirmen wieder Schallplatten ihrer namhaften Popk\u00fcnstler, Madonnas <em>Hard Candy<\/em> erscheint ebenso auf LP, wie das neue Alben von Coldplay. Mancher Plattenh\u00fclle liegen die digitalen Versionen der Lieder bei, anderen ein Schl\u00fcssel, mit Hilfe dessen man sie ganz umsonst aus dem Netz ziehen kann. Derweil soll der Absatz der CD wiederum durch limitierte Auflagen mit geschenkten DVD-Beilegern angekurbelt werden. Doch wie viel Bonus braucht der Mensch, um sich f\u00fcr die jeweilige CD oder LP zu entscheiden? Ein Musikvideo? Einen Film \u00fcber die Band? Zwei, drei Lieder?<\/p>\n<p>Das amerikanische Elektro-Duo Matmos macht dem H\u00f6rer die Entscheidung leicht. Sind auf der silbernen Version ihres neuen Werks <em>Supreme Balloon<\/em> sieben St\u00fccke zu h\u00f6ren, schallen aus den schwarzen Rillen der Doppel-LP derer elf. Unter den vier vinyl-exklusiven St\u00fccken sind einige der besten des Albums, auf einem davon, <em>Hashish Master,<\/em> improvisierte der Minimal-Musiker Terry Riley auf den Tasten. Die schweren Scheiben sind in stabilen Karton gebettet, die abstrakten Computerzeichnungen auf der H\u00fclle der CD kaum zu erkennen \u2013 geschweige denn oben links in diesem Artikel. Wer die Platte kauft, kann sich alle elf St\u00fccke von der Internetseite der Plattenfirma Matador in guter Qualit\u00e4t herunterladen. Da lohnt sich der Plattenkauf selbst f\u00fcr Menschen, die gar keinen Plattenspieler besitzen. Und er lohnt sich nicht nur, weil er dem Besitzer das Gef\u00fchl gibt, reich beschenkt worden zu sein. Er ist auch musikalisch durchaus sinnvoll.<\/p>\n<p>Martin Schmidt und Drew Daniel sind Matmos, sie kommen aus San Francisco. Ihre bisher sechs Alben folgten jeweils einem experimentellen klanglichen Konzept. Auf <em>The Civil War<\/em> setzten sich Matmos im Jahr 2003 klanglich und inhaltlich mit dem britischem und dem amerikanischen B\u00fcrgerkrieg auseinander. Zwei Jahre zuvor f\u00fcgten sie <em>A Chance To Cut Is A Chance To Cure<\/em> aus Klangschnipseln medizinischer Ger\u00e4tschaften zusammen. Die Rhythmen bastelten sie aus den Ger\u00e4uschen brechender Knochen und schneidender Skalpelle, Fettabsauger und chirurgische Laser spendeten minimalistische Melodien. Stellenweise klang das nach harmlosem Techno-Pop. Allein das ihrer Ratte gewidmete <em>To Felix (And All The Rats)<\/em> spielten sie auf dem K\u00e4fig des verstorbenen Tieres.<\/p>\n<p>Die Vorgabe f\u00fcr das neue Album <em>Supreme Balloon<\/em> ist dagegen recht banal. Matmos versichern, man h\u00f6re hier ausschlie\u00dflich Synthesizer und kein einziges Mikrofon. Eine Elektronikband nimmt ein rein elektronisches Album auf, ist das wirklich etwas Besonderes? Bei Matmos schon, schlie\u00dflich mussten sie nun ohne die vielen Klangfetzen ihrer Umwelt auskommen, ohne K\u00fcchenger\u00e4te, elektrische Zahnb\u00fcrsten und Rattenk\u00e4fige. Klingen durfte nur, was im Synthesizer schon drin war.<\/p>\n<p>Und was hier alles klingt!<\/p>\n<p>Auf ihrer Internetseite <a href=\"http:\/\/www.brainwashed.com\/common\/htdocs\/discog\/ole799.php?site=matmos\" target=\"_blank\">erl\u00e4utern die beiden Musiker<\/a> recht genau, welche elektronischen Sch\u00e4tze und musikalischen Einfl\u00fcsse zu h\u00f6ren sind und wo die verwendeten Instrumente bereits fr\u00fcher zu vernehmen waren. Hier ein modularer Doepfer Synthesizer, ein Korg MS-20 und ein ARP 2600, dort ein Dubreq Stylophone, ein Coupigny Synthesizer und ein Electro Comp 100. Man liest all diese Namen, ohne sie wirklich zu verstehen. Aber eines ist klar: Martin Schmidt und Drew Daniel haben den Keller voller Klangmacher \u2013 und sie sind vollkommen durchgedreht.<\/p>\n<p>Und wie es klingt!<\/p>\n<p>So abschreckend die Worte Experiment und Konzept wirken, so leicht man K\u00fchle assoziiert, h\u00f6rt man Elektronik: <em>Supreme Balloon<\/em> strahlt eine heimelige W\u00e4rme aus, es lebt. Manch einer der Synthesizer ist beinahe 50 Jahre alt, viele T\u00f6ne umgibt ein analoges Flirren. <em>Rainbow Flag<\/em> kokettiert mit einem lateinamerikanischen Rhythmus. Die torkelnde Melodie kommt aus dem Stylophone, einem kleinen Synthesizer, den man in der Hand h\u00e4lt und dessen winzige Tasten man mit einem Metallstab bedient. Zu Zeiten des Manchester Rave Ende der Achtziger t\u00f6nte diese Taschenorgel in vielen Tanzkrachern.<\/p>\n<p>Oder <em>Polychords<\/em>: Der Rhythmus stapft in Richtung Club, irgendein sicher namhafter Synthesizer schiebt harmonische Fl\u00e4chen hinterher. Zwischendurch brodelt und knarzt es kurz, wir tanzen auf der Stelle. Dann geht es steten Schrittes weiter, nach dreieinhalb Minuten sind wir angekommen, es ging viel zu schnell. <em>Zemoi<\/em> funktioniert \u00e4hnlich, kombiniert harte Rhythmen mit Hymnischem. <em>Les Folies Francaises<\/em> und <em>Cloudhoppers<\/em> sind expressionistische Spielereien ganz ohne Taktschlag. Ganz anders <em>Mister Mouth<\/em> und <em>Exciter Lamp And The Variable Band<\/em>, hier betreiben Matmos weniger leicht konsumierbare Rhythmusexperimente. Doch selbst aus dem Abstrakten sch\u00e4len sich hier und da greifbare Melodien. Komplex klingen vor allem <em>Hashish Master<\/em> und das Titelst\u00fcck, in ihnen kommt alles Vorhergenannte zusammen. <em>Supreme Balloon<\/em> nimmt die Seite D des Albums vollkommen ein und f\u00fchrt den H\u00f6rer vierundzwanzig Minuten lang durch die H\u00f6hen und Tiefen der Klangerforschung.<\/p>\n<p><em>Supreme Ballroom<\/em> w\u00e4re ein viel besserer Titel f\u00fcr dieses berauschende Album gewesen. Matmos bringen das elektronische Experiment zum Tanzen. Sie selbst nennen das: \u00bbTraditionelle synthetische K\u00fcche, serviert in ungezwungener Atmosph\u00e4re\u00ab. Da ist man gern zu Gast.<\/p>\n<p><em>\u00bbSupreme Balloon\u00ab von <a href=\"http:\/\/www.myspace.com\/matmos1\" target=\"_blank\">Matmos<\/a> ist auf CD und Doppel-LP bei Matador\/Beggars Banquet erschienen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Kategorie ELEKTRONIKA<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/27\/disco-in-elysium_778\">Kelley Polar: \u00bbI Need You To Hold On While The Sky Is Falling\u00ab<\/a> (Environ\/Alive 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/16\/den-bass-flach-halten_771\">Munk: \u00bbCloudbuster\u00ab<\/a> (Gomma 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/06\/das-leben-ist-kein-wunschkonzert_762\">Gustav: \u00bbVerlass die Stadt\u00ab<\/a> (Chicks On Speed Records 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/14\/explosion-mit-botschaft_707\">Mark Stewart: \u00bbEdit\u00ab<\/a> (Crippled Dick Hot Wax 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/02\/18\/wenn-die-sitar-leise-weint_661\">Bishi: \u00bbNight At The Circus\u00ab<\/a> (Gryphon 2008)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Matmos aus San Francisco sind emsige Klangforscher. 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