{"id":836,"date":"2008-08-27T13:58:30","date_gmt":"2008-08-27T11:58:30","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/08\/27\/ein-engel-fallt-vom-surfbrett_836"},"modified":"2010-09-13T16:29:00","modified_gmt":"2010-09-13T14:29:00","slug":"ein-engel-fallt-vom-surfbrett","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/08\/27\/ein-engel-fallt-vom-surfbrett_836","title":{"rendered":"Ein Engel f\u00e4llt vom Surfbrett"},"content":{"rendered":"<p><strong><a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2006\/08\/01\/uber-die-jahre_118\">\u00dcber die Jahre (41)<\/a>: Dennis Wilson spielte Schlagzeug bei den Beach Boys. Ende der Siebziger l\u00f6ste er sich mit dem Solo-Album &#8222;Pacific Ocean Blue&#8220; aus dem Schatten seines genialen Bruders Brian<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\">  <img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/08\/wilson-ocean200.jpg\" \/> <\/a><\/div>\n<p>Dennis Wilson erz\u00e4hlte seinem Bruder Brian oft vom Strand, wenn sie gemeinsam in ihrem Zimmer sa\u00dfen. Brian h\u00f6rte gut zu und schrieb seiner Band kleine Lieder \u00fcber Wellen, Autorennen zum Hamburgerstand und M\u00e4dchen im Bikini. Die Br\u00fcder spielten bei den Beach Boys, ohne Dennis&#8216; Erz\u00e4hlungen h\u00e4tten deren Miniatur-Symphonien wohl von etwas anderem gehandelt. Er k\u00f6nne nicht verstehen, weshalb nicht jeder am Ozean leben wolle, sagte Dennis Wilson einmal. Wenn sein Bruder sang <em>&#8222;Catch a wave and you\u2019re sitting on top of the world&#8220;,<\/em> dann wusste nur Dennis Wilson, was gemeint war. Er war der einzige Beach Boy, der surfen konnte. Ohne ihn w\u00e4ren die Strandjungs einfache Jungs geblieben.<\/p>\n<p>Dennis Wilsons Schlagzeugspiel pr\u00e4gte den Klang der Band, als S\u00e4nger blieb er im Hintergrund. W\u00e4hrend die glockenhellen Stimmen seiner Br\u00fcder Brian und Carl sich in komplexe Harmonien verschr\u00e4nkten, brummte Dennis kaum vernehmbar. Er fiel auch sonst aus der Reihe: Verk\u00f6rperte der Rest der Band das amerikanische Ideal netter Jungs, trat Dennis als unangepasster Surfertyp mit Herz auf. Er war das Sexsymbol der Beach Boys. Ende der sechziger Jahre schrieb er der Band seine ersten Lieder. Gegen das Genie seines Bruders Brian konnte er nicht ankommen, dennoch waren Dennis&#8216; gef\u00fchlvolle St\u00fccke <em>Forever<\/em> und <em>Little Bird<\/em> sehr beliebt. Als die Beach Boys im konventionellen Oldie-Karussell endeten, ragten einzig seine Lieder heraus.<\/p>\n<p>Brian Wilson verabschiedete sich langsam aus der Realit\u00e4t, und auch Dennis k\u00e4mpfte mit dem s\u00fcdkalifornischen Irrsinn: Seine Stimme ruinierte er mit Alkohol, er h\u00e4ufte Spielschulden an und quartierte Charles Mansons Clique bei sich ein. W\u00e4hrend mancher Konzerte der Beach Boys rannte er nackt \u00fcber die B\u00fchne. In dieser Zeit begann er, die Lieder seines Solo-Albums zu schreiben. Ideen trug er zuhauf mit sich herum, Schmerz und Verzweiflung sowieso. Im Jahr 1977 nahm Dennis Wilson sie mit einigen der besten Studiomusiker der Westk\u00fcste auf.<\/p>\n<p><em>Pacific Ocean Blue<\/em> ist eine Platte nackter Emotionen, sie hat nichts gemein mit den harmlosen Strandspielen der Beach Boys. Das Meer ist Wilson nicht mehr blo\u00dfe Kulisse. Der Ozean tr\u00e4gt den Surfer nicht, er verschlingt ihn. Wilsons Sehnsucht, in den Wellen zu versinken, schwingt in den St\u00fccken mit. Schon mit dem ersten Lied <em>River Song<\/em> l\u00e4sst Wilson die Wellen \u00fcber sich zusammenschlagen. Majest\u00e4tische Gospelch\u00f6re, ein donnernder Klavierlauf, orchestrale Synthesizer: S\u00fcndhaft \u00fcberladen schraubt sich die genialische Studiomucke ineinander. Nur Dennis Wilsons raue Stimme stellt sich dem kalifornischen Breitwandklang der Siebziger entgegen. Am Ende singt er <em>&#8222;You have got to run away&#8220;<\/em> \u2013 weder schwingen sich Engelsch\u00f6re auf, noch packt ihn die rettende Hand des Bruders beim Schopf. Auf <em>Pacific Ocean Blue<\/em> ist Dennis Wilson mit seiner vom Alkohol und der puren Lebenslust geschundenen Stimme ganz allein. Wie eine verrostete Boje ragt diese Stimme aus den Fluten von Klavieren, Streichern und Bl\u00e4sern.<\/p>\n<p>Das Morbide durchweht diese Platte, es ber\u00fchrt selbst strahlende Liebeslieder wie <em>You And I<\/em> und <em>Rainbows<\/em>. Und Wilson versammelt Bruchst\u00fccke: Kaum ein St\u00fcck ist zu Ende komponiert, immer wieder flie\u00dfen neue Ideen ein, immer wieder bricht er eine Melodie ab, um einem weiteren Einfall Platz zu machen. Man scheint dem Engel bei seinem Fall zuzusehen. Dann erhebt sich eine Ballade wie <em>Thoughts Of You<\/em> mit solch friedvoller Klarheit, dass man glaubt, der alte Surfer packe es noch.<\/p>\n<p>Doch bald kriecht \u00fcber den D\u00fcnen die Dunkelheit heran. Der Hamburgerstand ist l\u00e4ngst geschlossen, die M\u00e4dchen sind nach Hause gegangen. Wilson weint ihnen nach: <em>&#8222;Farewell \/ You take the high road \/ I\u2019ll take the low&#8220;,<\/em> singt er. Er ist der b\u00e4rtige Streuner, der es nicht geschafft hat. Er lungert die Nacht \u00fcber am Strand herum, getrieben von der Sehnsucht, einfach in der blauen Tiefe zu verschwinden.<\/p>\n<p>Wilson k\u00e4mpft um jeden gro\u00dfen Moment, legt seine Traurigkeit dar und schreckt vorm Kitsch nicht zur\u00fcck. Diese Hingabe macht <em>Pacific Ocean Blue<\/em> zu einem Meisterwerk. Der Erfolg blieb ihm versagt. Sein n\u00e4chstes Album <em>Bambu<\/em> sollte noch deutlicher von der Selbstzerst\u00f6rung zeugen. Die Platte konnte nicht fertig gestellt werden, denn im Dezember 1983 ertrank er beim Tauchen in einer Bucht bei Los Angeles. Das Meer hatte ihn wieder.<\/p>\n<p><em>&#8222;Pacific Ocean Blue&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.danaddington.com\/denny\/\" target=\"_blank\">Dennis Wilson<\/a> ist im Jahr 1977 bei Caribou erschienen. Im Jahr 2008 wurde das Album zusammen mit den unfertigen Aufnahmen zu &#8222;Bambu&#8220; als Doppel-CD bei Sony BMG wiederver\u00f6ffentlicht.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Serie \u00dcBER DIE JAHRE<\/strong><br \/>\n(40) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/08\/06\/galaktischer-pierrot_816\">Klaus Nomi: &#8222;Nomi&#8220;<\/a> (RCA\/Sony 1981)<br \/>\n(39) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/07\/16\/der-anselm-kiefer-des-techno_794\">GAS: &#8222;Nah und Fern&#8220;<\/a> (Kompakt\/Rough Trade 2008)<br \/>\n(38) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/06\/30\/aus-liebe-zum-bein_780\">Liquid Liquid: &#8222;Slip In And Out Of Phenomenon&#8220;<\/a> (2008)<br \/>\n(37) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/01\/25\/furt-mit-den-klagen_627\">Nick Drake: &#8222;Fruit Tree&#8220;<\/a> (1979)<br \/>\n(36) <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/04\/25\/lecker-strychnin_720\">The Sonics: &#8222;Here Are The Sonics!!!&#8220;<\/a> (1965)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Jahre (41): Dennis Wilson spielte Schlagzeug bei den Beach Boys. 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