{"id":8525,"date":"2011-04-15T09:23:17","date_gmt":"2011-04-15T07:23:17","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=8525"},"modified":"2011-04-15T09:24:49","modified_gmt":"2011-04-15T07:24:49","slug":"ja-panik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2011\/04\/15\/ja-panik_8525","title":{"rendered":"F\u00fcnf junge Bohemians"},"content":{"rendered":"<p><strong>Grandios verwirrter Pop zwischen allen Stilen: Die \u00d6sterreicher von Ja, Panik finden auf ihrem neuen Album eine unfassbare Sprache, gesunden Trotz und ein bisschen Pathos.<\/strong><\/p>\n<p><figure id=\"attachment_8686\" aria-describedby=\"caption-attachment-8686\" style=\"width: 540px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/04\/ja-panik-540x304.jpg\" alt=\"\" title=\"ja-panik-540x304\" width=\"540\" height=\"304\" class=\"size-full wp-image-8686\" srcset=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/04\/ja-panik-540x304.jpg 540w, https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2011\/04\/ja-panik-540x304-300x168.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 540px) 100vw, 540px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8686\" class=\"wp-caption-text\">\u00a9 Christoph Voy<\/figcaption><\/figure><\/p>\n<p>Den Anfang vom Ende her zu denken kann sehr erhellend sein. Richtungs\u00e4nderungen lindern ja bisweilen einen besonders schmerzhaften Zustand unserer Zeit: Nichtbegreifen. <!--more-->Starten wir also am Ziel eines der schwerstbegreiflichen Werke heutiger Popmusik, h\u00f6ren wir es Lied f\u00fcr Lied von hinten nach vorn, und siehe da: Die Platte mit der Chiffre <em>DMD KIU LIDT<\/em> entschl\u00fcsselt sich zusehends von selbst.<\/p>\n<div class=\"zol_video aud_narrow aud614312757844\"><\/div>\n<p>Vom Ende her gedacht, beg\u00e4nne das neue Album der Band Ja, Panik mit neun Minuten Stille: dem tonlosen Finale des epischen Titelsongs, einem beredten Schweigen, das die \u00d6sterreicher den &#8222;Champagnerrevoluzzern&#8220; in ihrem Berliner Exil auferlegen. &#8222;Lasst es mich jetzt zu Ende bringen \/ lasst mich mein seltsames Lied jetzt zu Ende singen&#8220;, fleht S\u00e4nger Andreas Spechtl vor der Leerstelle, &#8222;da kommen noch ein paar Strophen \/ an denen mir mehr als an allen anderen liegt&#8220;. Doch dann kommt da \u2013 nichts.<\/p>\n<p>Es ist der Schlussakkord einer Platte, die aufr\u00e4umen will. Die sich des Erbes ihrer gefeierten Vorg\u00e4nger <em>The Taste And The Money<\/em> und <em>The Angst And The Money<\/em> in einem anarchistischen Umsturz des eigenen Systems entledigen m\u00f6chte, also <em>The Irrsinn And The Money<\/em> hei\u00dfen m\u00fcsste, tr\u00fcge sie nicht bereits einen viel irrsinnigeren Code als Namen. Denn je weiter man sich in Richtung Anfang vorarbeitet, desto schrulliger wird&#8217;s, desto weniger halten sich Ja, Panik an ihre eigenen Regeln.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sie den Diskurspop, f\u00fcr den sie bekannt sind, drei Alben lang zwischen dem Bierernst von <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/02\/17\/fehlfarben-gluecksmaschinen_4700\">Fehlfarben<\/a> und der Supergaudi der Hamburger Band <a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2010\/06\/23\/superpunk_5725\">Superpunk<\/a> auf charmante Weise mit Falco vers\u00f6hnt haben, streiten sich nun fast alle denkbaren Stile um Deutungshoheit, bis alles an-, in-, \u00fcbereinanderger\u00e4t. <\/p>\n<p>Benetzt von Christian Treppos pl\u00e4tscherndem Klavier, durchsetzt von Thomas Schleichers verschrobenen Gitarrentropfen, wirkt <em>DMD KIU LIDT<\/em> mal bombastrockig, mal schlageresk und stets etwas wirr. Bis Spechtl seine deutsch-englische Prosa in einer Art Shanty zur Stille vom Ende f\u00fchrt. Die Stille, sie kennzeichnet Ja, Paniks Wunsch zum R\u00fcckzug in die alte Nische, aus der Popularit\u00e4t und Kaufkraft die Kunst oft so nachhaltig verjagen.<\/p>\n<p>Vor verfr\u00fchter Saturiertheit bewahrt ja, wenn schon nicht der vertikale Stil-, so doch ein horizontaler Ausbruch. Einmal das Innere nach au\u00dfen kehren und kr\u00e4ftig r\u00fchren \u2013 das tun Ja, Panik. Und trotzdem klingen sie nach sich selbst: f\u00fcnf jungen Bohemians, deren Kritik an Beliebigkeit, Sinnleere und Kommerz sich weder in biegsamer Anpassung noch in selbstgerechter Renitenz ersch\u00f6pft, sondern eine eigene, sehr lyrische, oft unfassbare Sprache findet. Wiederum produziert von Moses Schneider, der schon Tocotronic auf neue Pfade f\u00fchrte, wird auch <em>DMD KIU LIDT<\/em> \u2013 der Titel steht \u00fcbrigens f\u00fcr <em>DIE MANIFESTATION DES KAPITALISMUS IN UNSEREM LEBEN IST DIE TRAURIGKEIT<\/em> \u2013 von einer windschiefen Stimme getragen. Schr\u00e4ger denn je zwar, aber nie vollends krumm.<\/p>\n<p>Schon gar nicht, wenn man es doch von vorn nach hinten h\u00f6rt. Wenn nach der Funkst\u00f6rung <em>Bittersweet<\/em> in der Mitte einschmeichelnder Pianobar-Pop (<em>Grey &#038; Old<\/em>) oder Folk-Fragmente (<em>Modern Life Is War<\/em>) zur kr\u00e4chzenden Harmonie der Schlussballade \u00fcberleiten. &#8222;Letztendlich hab ich meine Koffer gepackt \/ hab ein Ticket gel\u00f6st und bin weit gefahren&#8220;, singt Spechtl zu Beginn dieses Endspiels, &#8222;habe aufgeschrieben, was ich lang vergessen hab \/ auf der Suche nach Rat \/ paar verlorenen Jahren&#8220;. Ja, Panik sind f\u00fcndig geworden. Sie suhlen sich eine halbe Platte in ihrem Trotz, kehren dann aber zur\u00fcck zu dem, was sie ausmacht: grandioser Pop mit vielen Kanten und ein bisschen Pathos. <\/p>\n<p><em>&#8222;DMD KIU LIDT&#8220; von <a href=\"http:\/\/ja-panik.com\/\">Ja, Panik<\/a> ist erschienen bei Staatsakt\/Rough Trade.<\/em><\/p>\n<p><em>Aus der ZEIT Nr. 15\/2011<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Grandios verwirrter Pop zwischen allen Stilen: Die \u00d6sterreicher von Ja, Panik finden auf ihrem neuen Album eine unfassbare Sprache, gesunden Trotz und ein bisschen Pathos. Den Anfang vom Ende her zu denken kann sehr erhellend sein. 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