{"id":881,"date":"2008-10-15T15:56:56","date_gmt":"2008-10-15T13:56:56","guid":{"rendered":"http:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/?p=881"},"modified":"2008-10-15T15:56:56","modified_gmt":"2008-10-15T13:56:56","slug":"biene-maja-auf-der-uberholspur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/10\/15\/biene-maja-auf-der-uberholspur_881","title":{"rendered":"Biene Maja auf der \u00dcberholspur"},"content":{"rendered":"<div class=\"main\">\n<strong>Das M\u00fchlheimer Quartett Bohren &#038; Der Club Of Gore zelebriert die gruselige Langsamkeit. Auch auf &#8222;Dolores&#8220; musizieren sie mit unendlicher Geduld. Und doch, es hat sich etwas Neues eingeschlichen<\/strong><\/p>\n<div class=\"cover\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/files\/2008\/10\/bohren-dolores200.jpg\" \/><\/div>\n<div class=\"audio_player_old\">\n  <object classid=\"clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000\" codebase=\"http:\/\/fpdownload.macromedia.com\/pub\/shockwave\/cabs\/flash\/swflash.cab#version=8,0,0,0\" width=\"200\" height=\"50\" id=\"audio_system\" align=\"middle\"><param name=\"allowScriptAccess\" value=\"always\"\/><param name=\"movie\" value=\"http:\/\/minos.zeit.de\/vid_comp\/audio_system.swf\" \/><param name=\"quality\" value=\"high\" \/><param name=\"bgcolor\" value=\"#ffffff\" \/><param name=\"flashvars\" value=\"&amp;var_mp3_file=08101\/08101_1222860681-02&amp;var_mp3_artist=Bohren %26 Der Club Of Gore&amp;var_mp3_title=Unkerich&amp;var_ivw_tag=a_Kultur\/Musik\"\/><\/object>\n<\/div>\n<p>Die Angst kommt in Gestalt einer \u00fcbern\u00e4chtigten Jazz-Kombo. Das Klavier und das Vibrafon spielen geisterhafte T\u00f6ne. Hin und wieder legt sich ein sanft geblasenes Tenorsaxofon \u00fcber das knochige Ger\u00fcst aus Schlagzeug und Kontrabass. Aus den Schatten kriecht der Klang einer Orgel. Die schaurigen Melodien erz\u00e4hlen vom Abstieg in einen Abgrund.<\/p>\n<p>Das M\u00fchlheimer Quartett Bohren &#038; Der Club Of Gore zelebriert die Langsamkeit. Scheinbar endlos dehnen sich die Lieder, bis am Ende nur noch der Bass d\u00fcstern summt. Sie \u00fcberwinden die kitschige Tr\u00e4gheit des Lounge-Jazz, indem sie ihn bis ins Extrem verlangsamen. Ihre Musik funktioniert wie ein guter Horrorfilm, der im Moment des Schreckens die Zeit still stehen l\u00e4sst. Sie bildet das nackte Grauen musikalisch ab. Zu dieser Musik l\u00e4sst man am besten die Roll\u00e4den herunter.<\/p>\n<p>Bohren &#038; Der Club Of Gore klingen so unheimlich, weil sie den w\u00e4rmenden Klang einer Jazz-Kombo umkehren. Vertraute Instrumente wirken pl\u00f6tzlich bedrohlich. Wie lustvoll und genie\u00dferisch das Quartett dabei zu Werke geht, zeigen die Titel mancher St\u00fccke: <em>Constant Fear, Skeletal Remains<\/em> oder <em>On Demon Wings,<\/em> solche Namen schreibt man eher z\u00fcnftigen Todesmetallern zu.<\/p>\n<p>Auf ihren Platten w\u00fchlt die Band in Gebeinen und feiert die Sch\u00f6nheit von S\u00e4rgen. Stalker und Schlitzer wandeln durch die geschw\u00e4rzten Klanglandschaften. Erleuchtet wird diese Halbwelt von den Schaufenstern der Waffengesch\u00e4fte und Bestattungsinstitute. Mit jedem Album begeben sich Bohren und sein Club tiefer in den Schlund des Grauens. <em>Maximum Black<\/em> lautet ihr Motto.<\/p>\n<p>F\u00fcnf Alben hat die Band in den Jahren seit 1994 eingespielt. Auf dem vorletzten \u2013 dem abstrakten Konzeptalbum <em>Geisterfaust<\/em> \u2013 hatte sie das Tempo noch einmal drastisch verlangsamt. Die Musik war nun beinahe zum Stillstand gekommen. Angesichts dieser Verschleppung erschienen selbst tektonische Erdverschiebungen als rasantes Spektakel. Mit <em>Geisterfaust<\/em> war das letzte F\u00fcnkchen W\u00e4rme aus der Musik gewichen: Hier regierte der Horror mit eiskalter Knochenhand.<\/p>\n<p>Das neue Werk <em>Dolores<\/em> klingt, wie Bohren &#038; Der Club Of Gore eben klingen m\u00fcssen. Mit unendlicher Geduld malen sie in den f\u00fcr sie typischen Klangfarben, sie bleiben unverwechselbar. Und doch hat sich etwas Neues eingeschlichen, winzige musikalische Ver\u00e4nderungen sind zu vernehmen. Da ist eine Kirchenorgel, die der Musik Erhabenheit verleiht. Da scheinen menschliche Stimmen durch die dichten Arrangements zu wehen \u2013 es ist der Vocoder des Bassisten Morten Gast.<\/p>\n<p><em>Dolores<\/em> klingt aufger\u00e4umt und konzentriert, nur noch selten schleichen die T\u00f6ne derma\u00dfen in Zeitlupen aus den Lautsprechern, wie noch auf <em>Geisterfaust<\/em>. Bohren &#038; Der Club Of Gore beschleunigen und spielen nun so etwas wie Filmmusik, jedes St\u00fcck erz\u00e4hlt eine Geschichte, beschreibt ein Bild. Die Melodien sind greifbar geworden, das liegt auch an der \u00fcberschaubaren Spieldauer der St\u00fccke. So nah am Pop waren Bohren &#038; Der Club Of Gore noch nie.<\/p>\n<p>Die eiskalte Unerbittlichkeit von <em>Geisterfaust<\/em> hat sich in zerbrechliche Melancholie verwandelt. Lakonisch klingen die Soli des Saxofonisten Christoph Gl\u00f6ser, auch manch schrulligen Witz wagen sie: Ein St\u00fcck hei\u00dft <em>Schwarze Biene (Black Maja)<\/em>, ihre Hommage an Lurchi nennen sie <em>Unkerich<\/em>. Keine Angst, von einer neuen Leichtigkeit kann man hier nicht sprechen, denn mit Liedern wie <em>Welk<\/em> und <em>Welten<\/em> haben Bohren &#038; Der Club Of Gore auch einige schwarze Monolithen in den Raum gestellt.<\/p>\n<p>Auch wenn auf <em>Dolores<\/em> hin und wieder das Tageslicht aufblitzt: Die Roll\u00e4den werden noch lange unten bleiben.<\/p>\n<p><em>&#8222;Dolores&#8220; von <a href=\"http:\/\/www.bohrenundderclubofgore.de\/\" target=\"_blank\">Bohren &#038; Der Club Of Gore<\/a> ist auf CD und Doppel-LP bei PIAS\/Rough Trade erschienen.<\/em><\/p>\n<p>&#8230;<\/p>\n<p><strong>Weitere Beitr\u00e4ge aus der Serie AMBIENT<\/strong><br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/07\/16\/der-anselm-kiefer-des-techno_794\">Gas: &#8222;Nah und Fern&#8220;<\/a> (Kompakt\/Rough Trade 2008)<br \/>\n<a href=\"https:\/\/blog.zeit.de\/tontraeger\/2008\/03\/17\/das-ist-doch-kein-jazz_691\">Miles Davis: &#8222;On The Corner&#8220;<\/a> (Columbia 1972)<\/p>\n<p>Alle Musikangebote von ZEIT online finden Sie unter <a target=\"_blank\" href=\"http:\/\/www.zeit.de\/musik\">www.zeit.de\/musik<\/a><\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das M\u00fchlheimer Quartett Bohren &#038; Der Club Of Gore zelebriert die gruselige Langsamkeit. 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