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Briefe über Deutschland (4)

 

Lieber Rich,

Deutschland profitiert davon, dass sein Tellerrand niedriger ist als der Kanadas: Mit neun Nachbarländern muss man einfach mehr auf die Meinungen und Gepflogenheiten anderer achten als mit einem. Und ein Ausflug in die USA bedeutet hier oft einstündige Grenzprozeduren mit strengen Fragen. Seit Neuerem braucht man sogar einen
Pass. Das lässt den Tellerrand weiter wachsen. Dabei hat Kanada allen Grund, stolz zu sein: Als klassisches Einwanderungsland mit einer weithin gelungenen Integrationspolitik kommt es dem Ideal eines kosmopolitischen Landes wohl weltweit am nächsten. Es holt die Welt zu sich und genießt dafür weltweit einen guten Ruf. Davon kann
Deutschland noch lernen. Aber Weltoffenheit und Neugier marschieren nicht automatisch im Gleichschritt. Die recht homogene Sprach- und Kulturlandschaft Nordamerikas und die geografische Einsamkeit machen es der Nabelschau zu leicht.

Wenn Deutschland es aber schaffen kann, bestehende Neugier mit Offenheit zu vereinen, und auch noch die von Dir angesprochene neue Lockerheit verinnerlicht, dann wird es hier auch mehr als das Bier-Wurst-Hitler-Ingenieursland sein: Dann wird es richtig respektiert.

Darauf freut sich
Dein Julian

Im wöchentlichen Wechsel schreiben sich hier Julian Lee, 30, Umweltberater aus Montreal, und sein Stiefvater Friedrich Engelke, 68, Physiker aus Villingen


 

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