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Brief aus Kapstadt

 

Ist die WM Fluch oder Segen? Werden die WM-Schulden zu einer zunehmenden Verelendung führen oder wird das wirtschaftliche Vertrauen in Südafrika gestärkt und durch Investitionen mehr Arbeitsplätze schaffen? Diese Frage begleitet meine südafrikanische Familie. Da ich zurzeit in Deutschland bin, schickt mein Teenager-Sohn regelmäßig Berichte.

Renate Cochrane

Liebe Mama,

Die WM Organisation in Kapstadt klappt super. Für uns ist es ebenfalls ein Art (Winter-) Märchen. Wir müssen nicht mit dem Auto in die Stadt fahren, denn von unserem Vorort fährt jetzt jede halbe Stunde ein schicker Bus zur Waterfront und zum Stadion und wieder zurück bis in die frühen Morgenstunden. Diese Busverbindung ist wie ein durchlebter Zukunftstraum. In der Nacht sieht das erleuchtete Green Point Stadium fast wie ein UFO aus. Alles hat etwas Unwirkliches an sich. Wir waren beim Spiel England-Algerien und das Gefühl in einem vollgepackten (65.000!) Welt-Stadion zu sein war überwältigend. Die Einweisung an unsere Plätze war so effizient und gut durchdacht, dass es überhaupt kein Gedränge gab und 10 Minuten später saßen wir wie gebannt auf unseren Sitzen. Der junge Mann hinter mir hatte ein Vuvuzela, aber ich bat ihn nach oben zu blasen und das Geräusch war überhaupt nicht störend, denn die Fans um uns waren dann doch viel lauter. Die Kudu-zelas, die aus dem echten Kuduhorn geblasen werden, haben einen warmen Brummton und klingen viel schöner als Plastiktröten.

Ich hatte bei diesen Massen einen Bammel auf die Toilette zu gehen. Aber welche eine Überraschung! Die Toiletten (zumindest für Männer) muten futuristisch an. Meilenweite schimmernde Installationen mit Platz für Tausende. Dann waren wir auf der Fanmeile – wow, wir konnten unser City Centre nicht wieder erkennen! Das Bahnhofsviertel ist völlig neu renoviert und alles sieht fabelhaft attraktiv aus. Es herrscht überall eine großartige Stimmung. Wir sind stolz, dass wir als Südafrikaner dies auf die Reihe bringen.

Der Diski-Dance symbolisiert für mich unseren südafrikanischen Hoffnungsgeist. „Diski“ sollte nach Europa importiert werden. Du weißt hoffentlich, dass der Diski-Tanz von den Jugendlichen in den Townships erfunden wurden, die sich keinen „Diski“-Fußball leisten können, also spielen sie singend und tanzend mit einem imaginären Ball. Ich hoffe schon, dass die WM uns nun mehr Vertrauen gibt, dass wir auch unsere sozialen Probleme besser in Griff bekommen. Wenn wir solche wunderbaren Stadien errichten können, warum sollen wir es dann nicht auch schaffen Schulen und menschenwürdige Wohnungen für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft zu bauen? Viva Südafrika!

Tebo Cochrane, Kapstadt

 

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