Das Foto oben schoss mein Vater, als er sich vor zwanzig Jahren beruflich in Peking aufhielt. Es zeigt den Tiananmen-Platz, im Hintergrund die Gedenkstele der Volkshelden und das Mao-Mausoleum, die beide auf der Nord-Süd-Achse errichtet wurden und somit jenen Blick versperren, der sich dem chinesischen Kaiser geboten hatte, wenn er von seinem Thron sinnbildlich nach Süden in sein Reich hineinschaute. Das Foto unten entstand im vergangenen Sommer während einer Kulturfreizeit, an der wir teilnahmen, um das neue China kennenzulernen.
Nicht, dass im neuen Bild das Riesenporträt Sun Yat-sens fehlt, des Gründers der ersten Republik, ist der auffälligste Unterschied – es wird auch heute noch zu den Maifeiern aufgestellt. Aber im Vordergrund sind jeweils Besucher zu sehen: 1990 die zu Feierlichkeiten versammelten Vertreter der Arbeiterklasse, 2010 einheimische Touristen aus der neuen Mittelschicht. Die blau-grünen Ameisen von einst sind modisch und selbstbewusst geworden.
Mirjam Kudella, Tübingen

