‹ Alle Einträge

Führt endlich ein Tempolimit ein!

 

Als zugegeben reisetechnisch ein wenig unbedarfter Österreicher gerate ich auf dem Weg nach Nordfrankreich mit einem Kleinwagen zum ersten Mal auf die deutsche Autobahn. Es dauert einige Zeit, bis ich begreife: Es ist ein Zurück in die Geschichte. Ich verlasse die gemütlich egalitäre Moderne und spüre die Macht der Gewalt, des Besitzes, das Vorrecht erlaubter Rücksichtslosigkeit. Es ist klar: Ich mag das Autofahren nicht. Es ist tote, verlorene Zeit. Die schnelle Fortbewegung nagt an mir, sie raubt mir die Freude, lässt mich den Wert des Daseins grundsätzlich überdenken. Also reise ich so selten wie möglich. Und dann die deutsche Autobahn: Ich verstehe nun, wie Revolutionäre gemacht werden, nämlich durch fortgesetzte ungerechtfertigte Demütigung vonseiten eines stupiden, protzigen, privilegiensüchtigen Großbürgertums, dem ich hier, Jahrzehnte nach seinem Untergang, in automobiler Gestalt begegne. Und wie schon das Großbürgertum des 19. Jahrhunderts weckt es Zweifel, da die Form dem Inhalt nicht entspricht. Wer verstehen möchte, was die dämonische Grausamkeit eines Lenin entfachte, der begebe sich auf die deutsche Autobahn! In einem Augenblick echter Wut wünschte ich diesen hohlköpfigen Rasern einen neuen österreichischen Führer an den Hals, der die automobile Deppenparade dorthin führt, wo sie hingehört, nämlich in den Abgrund. Diesen Fluch nehme ich hiermit zurück und beschwöre die Deutschen, besonders in Zeiten, wo doch längst zehntausend Argumente in Richtung 80/100 weisen, wenigstens ein Tempolimit einzuführen, wie alle anderen Nationen auch.

Marius Bonfert,Kottingbrunn, Österreich

10 Kommentare

  1.   P. Spaehn

    Mein Tipp an Herrn Bonfert: Fahren Sie nächstes Mal über die Schweiz nach Frankreich, Sie schonen so ihr Herz und ihren Gemüt.

  2.   Klaus Rock

    Mindesten zwei Mal im Jahr fahre ich geschäftlich mit dem Auto von Lindenberg nach Wien. Im Gegensatz zu Herr Bonfert fahre ich sehr gerne Auto da man während der langen Fahrt trefflich über Gott und die Welt nachdenken kann. Diese Woche Mittwoch war es wieder so weit mit der Geschäftsreise nach Wien. Trotz der vorgeschriebenen Höchstgeschwindigkeit von 130 KM/H bist du bei Einhaltung dieser Geschwindigkeitsbeschränkung auf den Autobahnen Österreichs der letzte „Depp“. Permanent wird man von schneller fahrenden Österreichern überholt bzw. wenn man selbst einmal auf der linken Seite einen langsamer fahrenden überholt, klebt ein Meter hinter einem ein Kollege aus der Alpenrepublik an der Stoßstange und scheucht einem per Lichthupe auf die rechte Seite. Selbst an Baustellen wird die Geschwindigkeitsbeschränkung nicht eingehalten.
    Ich glaube, dass die „Demütigung“, von der Herr Bonfert spricht, in Österreich viel gravierender ist, da man als derjenige, der sich an die Regeln hält, permanent von den Überholenden entsprechend gedemütigt wird. Hohlköpfige Raser gibt es also auch auf den österreichischen Autobahnen. Vielleicht ist aber Herr Bonfert auf deutschen Autobahnen von seinen eigenen Landsleuten gedemütigt worden, die die Gelegenheit, ohne Tempolimit einmal so richtig die Sau raus zu lassen, genutzt haben.

    Mit freundlichen Grüßen

    Klaus Rock, Friedrichshafen

  3.   Elisabeth Manna

    Lieber Marius Bonfert, ich habe Tränen gelacht. Auf den österreichischen Jammerhumor ist einfach immer Verlass. Ich hoffe, Sie beehren uns wieder.

    Elisabeth Manna, Regensburg

  4.   Eva Faessler

    Ein großes Bravo (Humor ist wenn man trotzdem lacht…) und Dank an Herrn Marius Bonfert aus Österreich! 45 Jahre Fahrpraxis und sehr viele Kilometer in einigen Ländern der Welt konnten mir den Abscheu vor deutschen Autobahnen nicht nehmen, dabei war ich sonst überall immer mit Freude und ohne Angst am Steuer.

    In der Hoffnung auf späte Einsicht der Politik, trotz der übermächtigen Autolobby – Eva Faessler

  5.   Doro Burke

    Wow, jaaa Tempolimit – und zwar auf sämtlichen deutschen Straßen und zwar eins das auch eingehalten werden muss. Autobahnen sind schon schlimm genug, aber sich täglich als Fahrradfahrer/in in einer deutschen Tempo 30-Zone fort zu bewegen lässt einen oft an den oben erwähnten „letzten Depp“ denken. „Hohlköpfige Raser“ gibt es bei jeder Nationalität von Autofahrern, ich stimme zu dass es sicher besonders viele in Deutschland gibt. Die Frage für mich ist: was für Möglichkeiten gibt es diese (von Ihrem Grundrecht! auf) Rasen abzuhalten?
    Z.B. technische Lösung: Chip zur Geschwindigkeitsdrosselung der beim einfahren in die jeweilige Geschwindigkeitszone automatisch abbremst, müsste doch machbar sein.
    Ganz klar damit will die Autoindustrie nichts zu tun haben, damit wäre ja der Spaß am Rasen verhindert der so viel zu den „Emotionen“ beim Autofahren beiträgt (och die Armen Autofahrer, immer sollen Sie kleinere, nicht Sprit fressende, weniger Umwelt verschmutzende Autos fahren, menno macht ja gar keinen Spaß mehr)
    Na ja, eigentlich kann ich nur hoffen dass bald das Benzin zur Neige geht, oder so teuer wird dass sich das Autofahren nicht mehr lohnt – bis dahin sollen Sie alle Rasen was das Zeug hält, dann geht’s schneller.

  6.   Matthias Storch

    Es gibt eine wissenschaftliche Abhandlung die da sagt, dass ein Steinzeitmensch, wenn man ihn in einem Auto mitnähme, in Panik verfallen würde weil sein Gehirn nicht in der Lage ist die Geschwindigkeit zu verarbeiten. Heißt, der Mensch muss sich an ihm unbekannte Geschwindigkeiten gewöhnen.
    Deshalb sind die Autobahnen in Deutschland in der Regel 3 spurig. Die Spur rechts ist vorgesehen für geschwindigkeitsunerfahrene Özies, unabhängig von ihrer Nationalität. Sie ist eine Art Landstrasse ohne Kurven. Hier darf man 80 km/h fahren ohne schief angesehen zu werden und kann die gemächlich vorüberziehende Landschaft bewundern,
    Sollte man sich irgendwann an der Natur satt gesehen haben oder man ist der Meinung, dass das eigene Geschwindigkeitszentrum sagen wir mal Mittelalterniveau erreicht hat, darf man auch auf die mittlere Spur wechseln. Hier gibt es nicht viel zu beachten ausser dass man möglichst schneller als die Brummis auf der rechten Fahrbahn sein sollte. Und nicht nur ein bisschen sondern sichtbar schneller. Sonst zieht man den Unmut anderer Mittelfeldfahrer auf sich. Zu sehen gibt es hier nicht mehr soviel außer den Autos. Deshalb sollte man, gerade wenn man noch etwas unsicher ist, auch nicht versuchen zu sehen was der Beifahrer gerade gesehen hat sondern sich auf die anderen Verkehrsteilnehmer konzentrieren. Am besten man schwimmt einfach mit. Wie ein Fisch im Schwarm.
    Möchte man nicht mehr nur durchschnittlich sein, sei es weil sich das Gehirn weiterentwickelt hat oder weil menschliche Bedürfnisse nach dem nächsten Rastplatz rufen, hat man nun die Möglichkeit auf die linke Spur zu wechseln. Dies sollte man sich als Autobahnungeübter und Landstrassenliebender Autofahrer jedoch gut überlegen. Wäre die Autobahn ein Computerspiel müsste man sich auf die linke Spur hochleveln. Hier nämlich, und nur hier, gilt das Recht des Stärkeren. Es wird erwartet dass man den fünften Gang benutzt und auch bereit ist, den Motor zu schikanieren. Dafür darf man sich nun mit den Großen und Schnellen messen. Porsche Mercedes BMW. Alles was Rang und Namen hat tummelt sich hier. Und keiner will die Landschaft bewundern. Alle wollen nur weg von dem Ort an dem sie gerade sind. Und zwar möglichst schnell. Hier zählt jeder Meter und jede Sekunde. Auf der linken Spur werden keine Freundschaften geschlossen, hier gibt es nur Gegner. Endbosse wären es auf der Spielkonsole. Manchen macht es Spaß, anderen nicht. Und deshalb gibt es 3 Spuren auf deutschen Autobahnen.

    Für alle die nur 90 fahren wollen gibt es Amerika. Für alle denen selbst das noch zu schnell ist gibt es Norwegen.


  7. […] ich vor zwei Wochen auf dieser Seite las, wie es Herrn Bonfert aus Österreich auf der deutschen Autobahn ergangen ist, fragte ich mich zuerst, ob die Redaktion diese Zeilen getürkt hat, um die Österreicher zu […]

  8.   Mluise

    Die beiden Beträge sind in mehrfacher Hinsicht bedenkenswert!
    Ich bin Österreicherin, lebe in München und ich fahre sehr oft zu meiner Mutter nach Österreich.
    Der Österreicher B. hat in der ZEIT 42 einiges sehr drastisch und auch für mich extrem formuliert. Der Schock saß wohl noch tief oder er wollte bewusst provozieren – was bei so manchen Themen ja leider notwendig ist, damit…
    Ich fahre sehr gerne Auto, genieße es, auf der Autobahn mit flottem Tempo und guter Musik dahinzubrausen. Wenn dann noch die Landschaft so schön ist wie im Voralpenland, auf der Autobahn nur flüssiger Verkehr ist anstatt Stau – wunderbar!
    Wenn da nicht allzuoft Drängler mit „dem Vorrecht erlaubter Rücksichtslosigkeit“ daherkämen, mit vollem Tempo knapp heranfahren, so den Verkehrsfluss stören, die Spuren „sportlich“ wechseln, oft ohne zu blinken.
    Das passiert mir, wenn ich mit unserem großen Wagen fahre, aber es passiert mir noch öfter, wenn ich mit meinem kleineren Wagen unterwegs bin. Da sollte ich mich wohl oft in Luft auflösen, wenn die Besitzer schwerer Wagen ihre freie Fahrt beanspruchen.
    Komme ich von Österreich, bleibe ich meistens bei einer der schönen Raststätten in Österreich vor der deutschen Grenze stehen, um mich ein-, umzustimmen von der österreichischen auf die deutsche Autobahn. Denn gleich hinter der Grenze wird mit hohem Tempo noch mehr gedrängelt als vorher…
    Herr B. hat Recht! Es ist – europäisch gesehen – ein Zurück in der Geschichte, ein Zurück von der egalitären Moderne.
    Herr St., von ZEIT 44, ich kann Sie nicht verschonen mit meiner Anwesenheit.
    Aber mich beschäftigt ein anderes Problem:
    Ich habe einen 18jährigen Sohn, der nun auch gerne Auto fährt, altersbedingt gerne schnell fährt, die Stärke des Wagens ausreizen will…
    Wie verschone ich ihn von den Vorbildern, die so rücksichtslos mit Erlaubnis zu rasen???

  9.   eckich

    In vielen Dingen gebe ich ihnen vollkommen recht, möchte ihnen aber aus eigener Erfahrung(5 Jahre Renault Clio 50 PS) zu bedenken geben, dass es schon ein etwas mulmiges Gefühl verursacht, zumal die 3-Jährige Tochter an Bord ist, wenn man von einem Boliden mit mehr als 200 Sachen überholt wird, so dass das eigen Auto mal ordentlich durchgeschüttelt wird. Da ist es mir schon lieber, wenn ich mit ’nur‘ 160 überholt werde. Beim Vorbeifahren an LKWs hab ich dann auch mehr ZEit mich ‚dünn‘ zu machen.

  10.   Susanne de Santis

    Getroffene Hunde bellen? Ich und mein Partner hatten gerade knapp 1000 km Autobahnstrecke vom Süden in den Norden Deutschlands hinter uns gebracht, als ich Herrn Bonferts zutreffenden Beitrag bezüglich des Fahrstils auf deutschen Autobahnen Anfang Oktober in der Zeit las.

    Er sprach uns aus der Seele. Und das tue ich als deutsche Staatsbürgerin kund! Mag sein, dass an mancher Stelle etwas dramatisiert wurde; im Prinzip hat der Verfasser aber recht. Als langjährige Kleinwagenfahrer haben wir uns – inzwischen fahren wir ein großes Fahrzeug des Stuttgarter Autoherstellers mit Sternlogo – unseren, will es einmal „bescheidenen“ Fahrstil nennen, bewahrt. Wir hatten aber auf eben jener Urlaubsfahrt ausgiebig Möglichkeit, dass von Herrn Bonfert angeprangerte Verhalten zu beobachten. Mit Neid, Wut oder Hass hat das nichts zu tun.

    Interessant wäre es zu erfahren, welche Art von Pkws von den Befürwortern bzw. den Empörten selbst gefahren werden. Hier fände man vielleicht die Antwort…

    Susanne de Santis, Göppingen

 

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren.

Anmelden Registrieren