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Zeitsprung: Bad Sachsa

 
1959
2010

Im Winter 1959 wurde ich „zum Aufpäppeln“ in ein Kinderheim nach Bad Sachsa geschickt. Für ein paar Wochen war ich von Eltern und Geschwistern getrennt, und ich erinnere mich nur noch an das harte Regiment des Personals. Geblieben ist mir auch ein kleines Foto, das mich inmitten einer Gruppe von Kindern zeigt.

Gut 50 Jahre später habe ich den Ort wiedergefunden: Die Brücke führt über den Einlauf zum Schmelzteich in Bad Sachsa, sie ist inzwischen erneuert worden. Jetzt stehe ich allein auf der Brücke, die Birken nehmen die Sicht, der Ahornbusch auf der Kurparkwiese verdeckt die nahezu unveränderten Häuser am linken Bildrand. Nicht einmal meine Frau steht neben mir – die musste das Foto machen. Nur das Wasser fließt wie eh und je mit leisem Gluckern in den Teich und auf Bad Sachsa zu.

Heinrich Bellmann, Mölln

89 Kommentare

  1.   Barbara M.

    Sehr geehrter Herr Bellmann, mein Exmann war 1958 als 4- jähriger in einer Kinderlandverschickung vom Jugendamt Neukölln (Berlin) in Bad Sachsa. Leider kann ich mich nicht mehr an den Namen der Herbergseltern erinnern, wenn ich sie hören würde, dann könnte ich mich bestimmt erinnern. Vielleicht hießen sie Kern. Dort herschten unzumutbare Zustände. Die 4 bis 15 jährigen wurden regelrecht mißhandelt. Aus der sechwöchigen Tortur ist mein Exmann traumatisiert zurückgekommen. Die Quälereien hat er ein Leben lang nicht vergessen, und je älter er wurde, um so mehr quälte ihn das Trauma. Er wurde zum Alkoholiker, der sich letztlich 2007 das Leben nahm. Während unserer 27 jährigen Ehe waren die Mißhandlungen immer Thema.

    Mit freundlichen Grüßen
    B. M.

  2.   Anne Spremberg

    Hallo Herr Bellmann. Sie waren in dem Kinderheim in Bad Sachsa.
    Wissen sie noch ob neben dem Kinderheim ein älteres Häuschen
    eingzäunt mit Tannenbäumen gestanden hat und was jetzt da steht.
    Geben Sie mir bitte Bescheid. Vielen Dank für Ihre Mühe

    Liebe Grüße Anne Spremberg

  3.   Andrea

    Ich war 1970 mit 6 Jahren, kurz vor der Einschulung, zum „Aufpäppeln“ in einem Kinderheim in Bad Sachsa. Die anderen Kinder und ich wurden dort auf diverse Weisen gequält und misshandelt. Die Erzieherinnen hatten uns Kindern verboten jemals den Eltern von diesen „Erziehungsmethoden“ zu erzählen. Briefe nach hause wurden von den Erzieherinnen frei erfunden (Liebe Mami, mir geht´s gut. Die Tanten sind alle sehr nett, usw.) Ich habe mich, traumatisiert wie ich nach 6 Wochen Qual war, an diese Anweisung gehalten und erst Jahrzehnte später einem Arzt von den Misshandlungen erzählt, später dann auch meinen Eltern. Meine Eltern haben keine Unterlagen mehr über das Heim, aber es ist vielleicht das gleiche Heim, in dem Herr Bellmann war. „Hartes Regiment des Personals“ klingt für mich sehr untertrieben.
    Meine Hoffnung ist, das es unter den Lesern dieses Blogs, Leidensgenossinen gibt, die im Sommer 1970 mit mir in Bad Sachsa im Kinderheim waren und zum Thema etwas schreiben wollen.

    Andrea, Hamburg

  4.   Dorit Westphal

    Hallo Andrea,
    zu dieser Zeit war ich mit meiner Schwester auch in Bad Sachsa. Wann genau kann ich nicht wirklich sagen, aber es muss der Sommer vor meiner Einschulung gewesen sein !
    Zufällig habe ich deine Zeilen gelesen, da ich das Gebäude von damals im Internet gesucht habe. Vielleicht meldest du dich nochmal.
    LG Dorit
    Erinnerst du dich an das schwarze Katerspiel ?

  5.   reiner pitzke

    hallo,auch war mal in einem heim in bad sachsa…-bin auch aus mölln heute itzehoe-u. zwar in einem haus mit namen „haus peterle!

    würde gern mal leute kontakten aus der zeit.kann aber nicht mehr genau sagen wie alt ich war,denke aber so zwischen 8-10.
    unser heim gehörte einem Dr. willhelm. und meine betreuerin hatte den namen gudrun(das weiss ich genau)vor unserem haus stand eine riiieesige gr tanne.kann mich an einen jungen erinnern-name:edmund sass…!!das heim lag an einem hang.

  6.   Dagmar

    hallo, ich war 1966 in einem Kindererholungsheim in Bad Sachsa, es war ein Heim der AOK in dem ich war. Auch dort herschte nicht nur ein strenges Regiment…….
    Ich kann mich erinnern, dass ich mit meinen 5 Jahren fürchterliches Heimweh hatte. Auch weiß ich noch das die Betreuerin Gudrun hieß.
    Ich mußte sogor mein erbrochenes essen, dazu wurden mir die Hände auf den Rücken gebunden, die Nase zugehalten und dann von einer Betreuerin das erbrochene wieder verabreicht.
    Was sind das für Menschen, die Kindern so etwas antun?????????????

  7.   Michael Ketteniß

    Hallo,
    mein Name ist Michael Ketteniß, ich war auch zum sogenannten aufpäppeln in diesem Heim. Ich selber habe nur schlechte Errinerungen, die mich zu Teil bis heute verfolgen. Ich war 1964 dort. An manche Dinge kann ich mich noch immer sehr gut errinern beim Essen blieb man grundsätzlich so lange sitzen bis alles aufgegessen war und wenn es Stunden dauerte. Es gab sehr häufig Spargecremsuppen, die mich fast jedesmal zum übergeben brachte ich mag Heute noch keine essen, bereits wenn ich welche rieche wird mir immer noch schlecht.
    Und schlechte Erfahrungen mit den Erzieherinnen machte ich genug.

  8.   Gerti

    Hallo allerseits,
    auch ich war im Jan./Feb. 1961 als 10jährige in einem Kinderheim in Bad Sachsa. Von Misshandlungen kann ich nicht berichten, aber ich erkrankte eine Woche nach meiner Rückkehr an Meningitis und verlor mein Gehör. Wenn ich bedenke, daß ich nicht dort war, weil ich krank war, sondern nur weil mein Vater schwer kriegsbeschädigt war und meine Eltern eines ihrer Kinder kostenlos zur Erholung schicken konnten, dann bekomme ich eine Gänsehaut. Hat der Verlust des Gehörs doch mein ganzes Leben beeinträchtigt.
    Schon lange habe ich mir vorgenommen, dieses Haus mal zu suchen. Ich erinnere mich, daß es direkt am Wald und Hang stand. Unter dem Giebel stand „Brocken“. Weiß jemand, ob es dieses Haus noch gibt und wo ich es finden kann.
    Gruß Gerti

  9.   Roland

    Wieder animiert durch die Heimkinderdebatte kommen bei mir Erinnerungen ‚hoch‘, die sich auf das Erholungsheim in Bad Sachsa aus dem Jahre 1959 beziehen. Ich war damals 7 Jahre alt und sollte mich auf Anraten des Arztes erholen.
    Es ist schon bedrückend, wie fragmentarisch die Erinnerungen an diese (3 Wochen, oder waren es 4?) sind.
    Ich erinnere mich nicht mehr an Namen (ist sowieso nicht meine Stärke); ich erinnere aber folgende Ereignisse:
    Das Essen war – nicht nur für mich – nur mit Überwindung herunter zu bekommen. Fast jeden Mittag gab es Kinder, die sich übergeben musste – das passierte im selben Raum, in dem wir aßen. Danach mussten Sie dasselbe noch einmal essen.
    Es bestand ein hoher Druck, Gewicht zuzulegen, um nach der geplanten Aufenthaltsdauer auch wirklich entlassen zu werden, sonst hätte eine Verlängerung gedroht (wurde uns suggeriert). Ob das wirklich passiert wäre, weiß ich nicht, ich weiß nur, dass alle panische Angst davor hatten – und daher auch das Essen herunterwürgten.
    Es muss ein kirchliches Heim gewesen sein, weil ich mich an Gebete erinnern kann – zum Mittagessen eines, das mit ‚von Gott kommt alles her‘ endete. Das machte ich mit immer wieder deutlich – es half gegen den Würgereiz.

    Briefe wurden vor Absenden gelesen und es gab Ärger, wenn etwas Negatives mitgeteilt werden sollte. Auch die Briefe meiner Eltern wurden geöffnet. (Ich weiß nicht, ob ich allle bekommen habe)

    Wer die Regeln nicht einhielt, wurde mit Demütigungen bestraft: So musste ich einmal, weil ich mittags nicht schlafen konnte und mich unterhielt auf einem Stuhl auf dem Flur Platz nehmen, an dem alle anderen vorbeigehen mussten und zur Kenntnis nahmen, dass ich gegen die Regeln verstoßen habe. Das war extrem Angst auslösend und demütigend!
    Körperliche Züchtigungen habe ich nicht erlebt – hatte aber immer Angst davor (was wohl auch darauf hindeutet, dass die nicht ausgeschlossen waren).

    Zu den anderen Kommentaren: Das Heim lag an einer Straße, die den Hang hinaufführte. Vor dem Haus standen dunkle Bäume – wahrscheinlich Tannen.
    Der Garten war vom Esssaal aus zu sehen und es stand dort – glaube ich – auch ein Holz-Schuppen.

    Ich bin erschrocken, dass sich die Verhältnisse 1970 wohl auch noch nicht grundsätzlich veränder haben.

    Roland

  10.   Roland

    Hallo Dagmar,

    bei Deinen Erfahrungen (Erbrochenes wieder essen) hätte ich gedacht, dass das meiner Kinderfantasie entsprungen wäre (hätte ja gut zum Horror gepasst). Nun weiß ich, dass es wirklich so war! Langsam setzt sich das Puzzle schmerzhaft zusammen

    Roland

 

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