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Frankfurterin, 58, arbeitssuchend

 

Es begann mit diesem unguten Bauchgefühl. Die Firma, in der ich seit 6 Jahren arbeitete, lief nicht mehr rund. Ein Wechsel in der Geschäftsführung verlief nicht zum Besten, und da ich als Sekretärin der Geschäftsführung nahe an der Schaltzentrale saß, spürte ich manche Veränderungen hautnah.

Das 1. Jahr, Alter: 56

Ich begann mich zu bewerben – nur hin und wieder auf Stellen, die mich besonders ansprachen, wenn ich am Wochenende die Stellenanzeigen überflog. Aber ich bekam nur Absagen. Da ich nicht besonders intensiv suchte, war das nicht so schlimm für mich, besonders nicht, wenn die Absagen freundlich formuliert waren, meine Qualifikationen gelobt wurden und mir alles Gute für die Zukunft gewünscht wurde. Letzteren Zusatz formulierte immerhin ungefähr jede fünfte Firma. Ich hatte einen Termin bei einer großen, renommierten Personal- und Zeitarbeitsvermittlungsfirma. Die Mitarbeiterin war sehr freundlich, lobte mich über den grünen Klee, fragte mich eine Stunde lang über meinen derzeitige Tätigkeit aus. Als ich schießlich ging, erklärte sie mir, sie habe in zwei Tagen ihren letzten Tag in der Firma, aber die Unterlagen würden an eine Kollegin gehen. Als ich drei Wochen später nachfragte, waren meine Unterlagen nicht mehr zu finden und in der zentralen Datei war ich nicht erfasst.

Das 2. Jahr, Alter: 57

Die Lage begann sich zuzuspitzen. Mir wurde immer mulmiger in der Firma, mein nächster Geburtstag, der 57. war in Sicht und ich verdoppelte den Einsatz: So alle 6 Wochen schrieb ich eine Bewerbung und stellte mich auch bei einem Headhunter vor. Die zuständige Beraterin meinte, sie könne mir bestimmt eine Stelle vermitteln, es käme nur darauf an, die Ausschreibung geschickt zu formulieren und meine Qualifikationen ins rechte Licht zu rücken. Ich verließ das Gebäude nach diesem Gespräch beschwingt und voller Hoffnung. Erst einmal hörte ich wochenlang nichts von der Headhunterin, dann wurde mir, obwohl ich noch in ungekündigter Position war, eine befristete Stelle angeboten und mit einem Drittel weniger an Gehalt. Als ich ablehnte, hörte ich wieder wochenlang nichts, dann wurde ich gefragt, ob ich an einer Position im weiteren Umkreis von Frankfurt interessiert sei. Als ich bejahte, hörte ich lange nichts, bis ich schließlich nachfragte und erfuhr, dass sich der Kunde der Headhunter für eine Mitbewerberin entschieden habe.

Das 3. Jahr, Alter: 58

Ich erfuhr von beunruhigenden Entwicklungen in meiner derzeitigen Firma und wusste, jetzt wird es ernst. Ich ging zur Beratung bei der Rentenversicherung, erfuhr, dass meine zu erwartende Rente um etwa ein Drittel gekürzt würde, wenn ich keine neue Arbeitsstelle finde, machte Kassensturz, stellte alle Sonderausgaben ein, und listete mich in zwei Jobbörsen im Internet, gab ein kostenloses Stellengesuch in einem Online-Portal auf, las jedes Wochenende sorgfältig die ausgeschriebenen Stellenangebote in zwei Tageszeitungen, ließ neue Passfotos nach einem Friseurbesuch machen und schrieb Bewerbung auf Bewerbung. Gelegentlich erhielt ich eine Empfangsbestätigung, hin und wieder ein Schreiben mit dem Hinweis, dass die Bearbeitung der zahlreichen Zuschriften einige Zeit beanspruchen würde, aber dann passierte nichts mehr, und meist kam dann die Bewerbung zurück bzw. auf die Online-Bewerbungen kamen Absagen – meistens, aber manchmal nicht einmal das.
Kurz nach meinem 58. Geburtstag warf mich die Firma der Headhunter aus der Kartei. Es gäbe zur Zeit nichts Passendes für mich. Ich fragte nach, ob ich nicht in der Kartei bleiben könnte, aber die Antwort war lakonisch: „Wir haben zur Zeit nichts für Sie“. Was soll eine im Personalwesen versierte Fachkraft auch sonst sagen in den Zeiten der Antidiskriminierungsgesetze… In der Zeitung lese ich gleichzeitig viele Artikel und Kommentare über die Verlängerung der Lebensarbeitszeit und den Kampf gegen die Frühverrentnerung, worauf angeblich so viele Menschen aus sind. Was gäbe ich darum, einen neuen Arbeitsplatz zu finden.

Es geschieht: Die Firma, in der ich arbeite, meldet Insolvenz an. Erst die vorläufige, dann die endgültige. Ich gehe wieder zum Friseur, lasse neue Bewerbungsfotos machen, für die ich zuversichtlich in die Linse blicke und bewerbe mich, bewerbe mich, bewerbe mich. Das Jobportal der Arbeitsagentur tut sich auf: So viele Stellen, die ab sofort zu besetzen sind! Zwischen den vielen, vielen Vermittlern von Zeitarbeitsstellen oder im besten Fall festen Stellen, findet sich ab und zu eine direkte Ausschreibung einer „normalen“ Firma. Wen stört es da, wenn von einer Wochenarbeitszeit von 46 Stunden geredet wird oder eine Arbeitszeit vom Nachmittag bis 22 Uhr ausgeschrieben wird. Ich möchte nur arbeiten und bewerbe mich. Die Post erlebt einen Konjunkturaufschwung: Ich schreibe Bewerbungen, schicke sie ab, die Firma schickt die Bewerbungsmappe wieder zurück.

Glücklicherweise habe ich online eine Flatrate und kann manche Bewerbung gleich am Bildschirm losschicken.
Noch drei Monate, dann ist Weihnachten – und ich habe keine Arbeit mehr. Eine hochqualifizierte Sekretärin mit sehr guten Englischkenntnissen, viel Erfahrung im Personalwesen und versierte Facility Managerin in einer mittelständischen Firma wird anscheinend nicht alle Tage gebraucht. Auch nicht, wenn sie zu Abstrichen gehaltlicher Art und was den Weg zur Arbeitsstelle angeht, bereit ist.

Mein derzeitiger Lieblingsschlager: „Wunder gibt es immer wieder“ – wie heißt es so treffend im Volksmund: Die Hoffnung stirbt zuletzt.

Eva H., Frankfurt

 

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