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Die Begegnung

 

Alle Warnemünder kennen die Straßenmusiker, die jedes Jahr bei jedem Wetter auf der Promenade stehen, sobald der Winter vorbei ist: der zauselige Allrounder, der mit einer Hand die Trompete, mit der anderen das Akkordeon und mit den Füßen Schlagzeug spielt und leise, mittlerweile auch auf Deutsch, dazu singt. Der Didgeridoo­Spieler, der stoisch sein Instrument bläst. Die Akkordeonspielerin, die mit mü­dem Gesicht ihre Lieder spielt und Vorübergehenden traurig zulächelt.
Und dann die Blockflötenspielerin, die ohne Pause Volkslie­der bläst. Alle meine Entchen. Hänschen klein. Kommt ein Vogel geflogen. Die Hände blau gefroren, das Gesicht halb von der Kapuze der Jacke verdeckt, mit der sie sich vor dem Seewind schützt.
Die Menschen gehen vorbei, schauen weg oder an ihr vor­ bei, mit sich selbst beschäftigt, die Blockflötenspielerin lässt sich nicht beirren, sie spielt, und wenn ein Geldbetrag in ihren Topf fällt, bedankt sie sich. »Danke, vielen Dank, Sie sind so gut!«
Jetzt aber saß sie zurückgezogen auf einer Bank im Park hinter der Promenade. Sie weinte und wischte sich die Tränen mit der einen Hand ab, mit der anderen hielt sie eine selbst gedrehte Zigarette im Schoß. Still und abseits war sie in sich zusammengesunken. Die Flöte lag in einem Ein­kaufsbeutel auf dem Boden.
»Warum sind Sie so traurig? Ich höre Ihnen gern zu.« »Danke. Vielen Dank. Ich habe schon gespielt, den ganzen Vormittag, ich möchte immer nur spielen, aber dann musste ich weinen.«
Sie streckte die Hand aus, so als ob sie meine drücken woll­te. Unwillkürlich zog ich meine Hand zurück, gleichzeitig erschrocken über meine Reaktion. Ein einsamer Mensch, der für ein bisschen Aufmerksamkeit Kinderlieder spielt, der dann die Hand ausstreckt und doch allein gelassen wird.

Sigrun Seidel-Petry, Warnemünde
Die Serie »Eine kleine Weltreise« von Sabine Kröner setzen wir in der nächsten Woche fort

 

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