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Zu DDR-Zeiten: Mein Wort-Schatz

 

»Diese Hütte hier, die war zu DDR-Zeiten beheizt.« Zu DDR-Zeiten – auch so eine Redewendung, die aller Voraussicht nach in zehn, zwanzig Jahren ausgestorben sein wird. Heute aber höre ich sie noch viel hier in den neuen Ländern; mir, der Zugezogenen gegenüber, aber erst wenn der Sprecher sich von meiner Harmlosigkeit überzeugt hat. Oder wenn er austesten will, wie ich wohl reagiere. Dann schaut man mir in die Augen, die Worte haben einen trotzigen Ton, und ich kann nur spekulieren, weshalb. Meist aber sind es junge Leute, denen mit  diesen Worten erklärt wird, wie es früher war, vor der Wende. Ich nehme an, für diese jungen Leute ist es ähnlich spannend wie für meine Generation, wenn der Vater oder Großvater eine Erzählung mit den Worten »Damals, nach dem Krieg…« eingeleitet hat. Für mich heute aber öffnet die Redewendung »in DDR-Zeiten« ganze Welten, die große Geschichte in  kleinen, privaten Mosaiksteinchen. Es schwingt mit: Erinnerung, manchmal wehmütig. Erschrecken, dass man verdächtigt werden könnte, ostalgisch zu sein und die alte Zeit  wiederhaben zu wollen. Dann wird schnell ein »Aber heute ist das ja glücklicherweise anders geregelt« nachgeschoben. Oder, wie im angeführten Fall, es spricht daraus auch der Stolz, dass etwas damals besser war, die Verwunderung, dass etwas heute, in den doch so viel bequemeren Zeiten, unbequemer geworden ist. Wer diese Redewendung benutzt, sagt damit  eigentlich: »In meiner Jugend«. Und es sind nur Leute aus derselben Generation, aber von der anderen Seite der Mauer, die verstehen wollen, wie das damals war.

Charlotte Bensch, Weimar