Ich bin wegen meiner Arbeit oft mit der Bahn unterwegs. Und ich liebe das Zugfahren, weil man dabei die schönsten Geschichten erlebt. Ich haben begonnen, sie zu sammeln. Zum Beispiel: An einem Sonntagabend auf dem Weg von Berlin nach Essen. Der Zug ist heillos überfüllt, ich muss stehen. Der Schaffner kommt. Ich zeige ihm meine Fahrkarte und frage, ob es irgendwo noch ein Plätzchen für mich gibt. Er zückt seinen Schreibblock, notiert etwas und drückt mir den Zettel in die Hand: »Geben Sie den meiner Kollegin in der ersten Klasse!« Ich bedanke mich und mache mich auf den Weg. Die Schaffnerin in der ersten Klasse schmunzelt. Auf dem Zettel steht: »Liebe Frau Kollegin, bitte nimm diese junge Frau bis Essen bei Dir auf. Danke. Dein Klaus«. Eine Viertelstunde später kommt eine ältere Frau in das Abteil. Auch sie hat einen Zettel bei sich. Die Schaffnerin schmunzelt wieder und sagt: »Ach, der Klaus!«
Vor ein paar Wochen auf dem Weg von der Arbeit zurück nach Hause. Es war ein langer Tag, ich bin müde, und der Regionalexpress ist natürlich bis auf den letzten Platz besetzt. Meine Laune ist nicht gerade die beste. Da kommt der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle. Er strahlt jeden Fahrgast an und sagt: »Guten Abend. Wie geht es Ihnen? Ich hoffe, Sie hatten einen schönen Tag.« Mir geht es gleich viel, viel besser.
Heute auf dem Weg von Essen nach Berlin. Die Schaffnerin kontrolliert gerade meine Fahrkarte, als ein Mann an ihr vorbeimöchte. Er ist auf dem Weg zum Bordrestaurant. Sie blickt auf, strahlt ihn an und sagt: »Wurden Sie heute schon gedrückt?« Er stutzt einen Augenblick, lacht und sagt: »Nein, aber meine Frau da vorne hat die Fahrkarten.«
Anna-Lena Schneider, Essen