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Zeitsprung

 

1931

2011

Von 1929 bis 1931 betrieben meine Großeltern eine Gastwirtschaft im Berliner Bezirk Pankow. Mein Großvater kam aus dem Rheinland und hatte eine wunderschöne Stimme. Eigentlich wollte er Opernsänger werden und hatte auch die Aufnahmeprüfung an der Berliner Musikhochschule bestanden. Aber die Armut zwang ihn, die Ausbildung abzubrechen und Unterhaltungsengagements in diversen Etablissements anzunehmen. Er sang auch Selbstkomponiertes und zog mit meiner Mutter (Jahrgang 1926) singend und Akkordeon spielend um die Häuser. Meine Oma, die aus Riga stammte, als Hutmacherin nach Berlin gekommen war und hervorragend kochen konnte, hatte dann die Idee, ihrer beider Fähigkeiten zu verbinden. Sie pachteten das auf dem Foto abgebildete »Conzert-Restaurant« und nannten es »Zum Rheinischen Sänger«. Auf dem Foto aus dem Jahr 1941 posiert mein Opa mit 41 Jahren vor dem Haus, das es heute noch gibt – allerdings ohne Vorgarten. Auf der Rückseite ist das Foto gestempelt mit Adresse (»Wollankstraße 115«) und der Pankower Telefonnummer 324. Meine Mutter erzählt, wie ihre Mutter bis spät in die Nacht Stammgäste bediente und ihre berühmten Buletten briet. Diese wurden gerne für ein paar Groschen zum Pils verspeist, häufig jedoch nicht bezahlt (sondern angeschrieben), weil meine Oma sehr gutmütig war und mein Opa längst im Bett. Als die Wirtschaftskrise immer drückender wurde, mussten sie die Kneipe verkaufen. Am Fensterstuck ist das Haus gut zu erkennen. Ich stand vor ein paar Wochen davor und ließ mich ablichten.

Maria Schmidt, Berlin

 

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