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Stadtranderholung: Mein Wort-Schatz

 

Während der Ferien erfreuten mich täglich Zeitungsberichte über Aktionen für Schulkinder, deren Familien sich keinen Urlaub leisten können. In den fünfziger Jahren nannte man das Stadtranderholung. Als Bewohner der Dortmunder Nordstadt hatten wir lediglich Blickkontakt mit der Natur: Vom Küchenfenster unserer Zweieinhalbzimmerwohnung aus konnten wir die Kastanien der benachbarten Gartenwirtschaft sehen. Pflanzen zum Anfassen gab es nur, wenn wir, mit dem Matchbeutel bepackt, Fußmärsche zum Fredenbaum oder in den Hoeschpark unternahmen. In den Sommerferien aber durften wir uns bei der Stadtranderholung anmelden. Jeden Morgen startete am Hauptbahnhof ein Sonderwagen der Straßenbahn, der lärmende Schulkinder dahin brachte, wo es Wald, Wiesen und Felder gab. Meine Schwester und ich stiegen an der dritten Haltestelle zu, bekamen also immer Sitzplätze. Unser Ziel war das »Hexenhäuschen«, das Waldheim einer kirchlichen Einrichtung. Hier spielten, bastelten und sportelten wir den liegen langen Tag. Wir durchstreiften den Wald, wanderten zu den Getreidefeldern und lernten, verschiedene Pflanzen und Getreidesorten zu unterscheiden. Es gab auch einen Schlafraum mit Feldbetten, wo wir nach dem Mittagessen eine Ruhestunde halten mussten, auf die wir durch Märchen oder Gruselgeschichten eingestimmt wurden. Am meisten liebte ich den abendlichen Singkreis vor der Heimfahrt. Wie schön, dass es die Stadtranderholung immer noch gibt: Bei der Google-Suche fand ich unter diesem Stichwort 27.900 Treffer aus Städten von Augsburg bis Zülpich!

Helga Bothe, Kierspe, Nordrhein-Westfalen

 

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