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Zeitsprung: Porträt einer Dame

 

s96-zeitsprung

1960 – ich war 19 Jahre alt, absolvierte eine Buchhändlerlehre und wohnte noch zu Hause bei meinen Eltern in Oldenburg. Da stand eines Tages ein unbekannter Mann vor der Tür und hinterließ ein Bild mit der Bitte, es an die Porträtierte (mich!) weiterzugeben. Mir war es etwas unheimlich, von jemand gemalt worden zu sein, den ich gar nicht kenne. Bei welcher Gelegenheit bloß hatte er mich ausgespäht? Überdies fand ich mich auf dem Bild recht brav. Niemals trug ich solch eine weiße Kappe! So verschwand das Gemälde auf dem Dachboden. Jahre später fand ich das Bild beim Aufräumen wieder. Dann stand ein Umzug an, also verschenkte ich es an eine Freundin, die es (selbst über mehrere Umzüge hinweg) liebevoll hütete. 2014 zog sie dann erneut um, diesmal nach Oldenburg, und bei dieser Gelegenheit schenkte sie mir mein Bild zurück. Nach über 50 Jahren also hängt es jetzt in meinem Haus und hat meinen Kindern eine schöne Geschichte zu erzählen. Eigentlich schade, dass wir nichts über den Maler wissen (das Bild ist nicht signiert), aber vielleicht findet sich der unbekannte Künstler ja noch – es wäre zu schön.

Helga Brandhorst, Oldenburg, Niedersachsen

28 Kommentare

  1.   T.G.

    Viel Glüc, ich finde, das ist eine schöne Geschichte!

  2.   Clemens Selzer

    Kaum zu glauben: Zwischen diesem Bild und heute sollen 54 Jahre liegen!

  3.   Maite

    ich finde das bild ganz toll!!! und stimme zu: kaum gealtert 🙂
    und die geschichte ist magisch bis gruselig.
    vielleicht weniger gruselig, wenn man den hintergrund erführe… ich würde gern die auflösung erfahren, hoffe, jemand wird gefunden!!!

  4.   Nevyn

    Das Bild erscheint mir weniger als naturgetreues Portrait, mehr als Versuch des Fremden, der damals jungen Frau etwas zu über sie zeigen, das sich nicht sagt. Es ist nicht der Maler, der gefunden werden muss, es ist die Botschaft die im Bild steckt – das Wesentliche. Das was hinter der Form erfahrbar wird und offensichtlich auch nach 50 Jahren von der Besitzerin bisher nicht ent-deckt wurde.
    Die „weiße Kappe“ könnte ein Schlüssel dazu sein.


  5. Mein Eindruck: entweder hat die Porträtierte sich im Laufe der Jahrzehnte sehr verändert oder das Porträt spiegelt eher die Seele der Malerin.

    Die Augen der gemalten Frau gefallen mir.

  6.   hakri

    Ja, ja , so war „stalking“ früher
    Profil:
    – männlich,
    – wahrscheinlich älter
    – kein Verehrer im eigentlichen Sinn,
    – besser als ein Sonntagsmaler (Wollmützerl !),
    – im Besitz einer Fotographie,
    – IQ > 120
    – hoher Bildungsstand
    – aus der Nachbarschaft

  7.   Eisenhans

    @hakri: Ihr „Täterprofiling“ lässt einen Aspekt außer acht:
    Die Dame absolvierte zu der Zeit eine Lehre als Buchhändlerin.
    Von daher dürfte der potenzielle Täterkreis deutlich größer sein,
    da es einige gebildete Herren in ihrem Kundenkreis gegeben haben
    dürfte, auf die das Täterprofil passt.

    Vielleicht nutzte der Maler als Vorlage auch einen Zeitungsartikel mit Bild o. ä.

    Interessant ist, dass der Maler die Dame so hochgeschlossen abbildet und zumindest auf dem Foto im Artikel wirkt dieser Schal (?) im Gegensatz zum Mantel erstaunlich blass und unkonturiert. Das kann natürlich auch am Foto liegen.


  8. Sehr geehrte Helga Brandhorst,

    dieser anonyme Maler -oder Malerin!- muss Sie sehr genau beobachtet haben, um so ein sensibles Porträt zu schaffen.
    Das Detail mit der Kappe –die Sie nie trugen- ist vielleicht eine Wunschvorstellung oder die typische Freiheit jedes Künstlers.

    Ich hätte niemals so ein liebes Geschenk zum Dachboden verbannt.

  9.   cismor

    Das war ein schüchterner Verehrer, der heimlich verliebt war und auf eine Reaktion gehofft hat. Nach über einem halben Jahrhundert Gleichgültigkeit mal eine Reaktion zu zeigen, halte ich dann doch für etwas sehr spät.


  10. @hakri schreibt: „- besser als ein Sonntagsmaler (Wollmützerl !)“

    Also gerade die Wollmütze macht mir etwas Sorgen, denn die hängt so weit hinten – die muss doch gleich herunterfallen.

    Auch die überdimensionale blaue Uniformjacke scheint gerade vom heiligen Nikolaus an einem kalten Wintertag zur Verfügung gestellt worden sein. Ich würde das Bild etwas zurechtschneiden, damit das Blau nicht so beherrschend ist, wenigstens als digitale Kopie.

    Das Gesicht jedoch finde ich sehr eindrucksvoll.

 

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