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Die Kastanie

 

Ich bin 1932 geboren. Als ich in den fünfziger Jahren einen jungen Mann kennenlernte, stand vor seinem Elternhaus eine wunderschöne Kastanie. Abends saßen wir mit Freunden auf einer Bank darunter, und die Zeit unserer Liebe begann. Zur Kastanie gehörte das Lokal meiner Schwiegereltern. Dort feierten wir unsere Hochzeit, und später übernahmen wir das Lokal. Nach dem Tod meines Mannes musste ich es verkaufen.
Ich wohne aber immer noch so, dass ich aus meinem Fenster die Kastanie sehen kann, im Frühjahr, wenn sie ihre Kerzen aufsteckt, und im Herbst, wenn die Kinder ihre Früchte aufsammeln.
Dieser Baum hat mein ganzes Leben begleitet: die Zeit unserer jungen Liebe, Arbeitsjahre, Küchenjahre, den Abschied von meinem Mann, vom Restaurant, von vielen lieben Gästen. Meine Kinder und später noch die Enkel haben unter der Kastanie gespielt. Viele Feste haben wir unter dem Baum gefeiert.
Nun habe ich im Alter noch jemanden liebgewonnen, und wir genießen jetzt zu zweit beim Frühstück den Blick auf die Kastanie. Hoffentlich noch recht lange!

Gertrud Holthaus, Wuppertal

 

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